Berlin : Linie der Einheit

Viele Jahre endeten die Straßenbahnen in Adlershof am S-Bahnhof, weiter musste ja kaum einer fahren Nun rollt die Tram aus dem alten Ortsteil in die Wissenschaftsstadt. Endlich, sagen Anwohner

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Lange Gelbe. Die alten Züge auf der neuen Linie rollen vom S-Bahnhof Adlershof entlang der Rudower Chaussee bis zur Karl-Ziegler-Straße in der Wissenschaftsstadt. Bisher wurde nur geprobt, ab Sonntag fahren die Bahnen nach Plan. Foto: Bodo Schulz
Lange Gelbe. Die alten Züge auf der neuen Linie rollen vom S-Bahnhof Adlershof entlang der Rudower Chaussee bis zur...

Die Straßenbahn soll’s möglich machen. Wenn am Sonntag die Gleise vom S-Bahnhof Adlershof entlang der Rudower Chaussee um rund 1,5 Kilometer bis zur Karl-Ziegler-Straße in der Wissenschaftsstadt Adlershof verlängert werden, wächst das Netz zwar nur geringfügig, aber in Adlershof kann sich trotzdem die Welt verändern. Der Kernbereich um die Dörpfeldstraße im Osten und der nach der Wende neu entstandene Wissenschaftsstandort im Westen, die bisher durch den Damm der Bahn getrennt waren, sollen nun zusammenwachsen. Die Straßenbahn stellt zum ersten Mal eine schnelle umsteigefreie Verbindung auf der Hauptachse zwischen beiden Bereichen von Adlershof her.

„Die alte schmale Brücke war bisher ein rostiges Mauseloch, eine optische Barriere“, sagt Peter Strunk, der Sprecher für die Wissenschaftsstadt Adlershof. Zudem seien zu DDR-Zeiten Besuche jenseits des Bahndamms nicht erwünscht gewesen, erzählt Hans Erxleben vom Bürgerverein. Das Wachregiment „Feliks Dzierzynski“ habe Besucher ebenso ungern gesehen wie die Mitarbeiter im Rundfunkgebäude, sagt auch Wolfhard Staneczek, der im Festkomitee aktiv ist und für die „Adlershofer Zeitung“ schreibt.

Umgekehrt habe es bisher für die Beschäftigten und Studenten in der Wissenschaftsstadt kaum einen Anlass gegeben, den alten Ortsteil von Adlershof aufzusuchen, sagen Wista-Sprecher Peter Strunk und Petra Franz von der Humboldt-Universität übereinstimmend. Der Weg vom Arbeits- oder Studienplatz führte bisher zum S-Bahnhof und nicht weiter.

Der Chemiestudent Rajko Winkler kann sich jetzt vorstellen, nun mit der Straßenbahn zur Dörpfeldstraße zu fahren, dort einzukaufen und sich dann erst auf den Heimweg zu machen. „Bisher war man doch schon müde, wenn man zum Bahnhof gelaufen war“, sagt Winkler. Zum Weitergehen habe man dann keine Lust gehabt. Und eine oder zwei Stationen vom Bahnhof weiter mit der Straßenbahn zu fahren, die bisher aus Köpenick kommend am S-Bahnhof geendet hat, sei auch keine Alternative gewesen. Die Unternehmerin Heike Legler, die seit rund 30 Jahren in Adlershof lebt, ist zuversichtlich, dass Studenten dank der Straßenbahn auch den alten Bereich des Ortsteils bald als Wohnadresse entdecken werden – auch wenn es bisher noch keine „Studentenkneipen“ gebe.

Die durchgehende Straßenbahnverbindung mache es für die Alt-Adlershofer auch einfacher, den Landschaftspark in der Wissenschaftsstadt zu erreichen, sagt Staneczek. Auch die Ärztehäuser oder Veranstaltungen in der Wissenschaftsstadt ließen sich mit der Straßenbahn nun besser erreichen, sagt Erxleben. Und Ute Hübener, bei der Adlershof Projekt GmbH zuständig fürs Marketing, verweist auf das geplante Wohngebiet am Landschaftspark, das durch die Tramverbindung noch attraktiver werde.

Dass die BVG hier zunächst nur die alten Tatrabahnen einsetzen kann, deren Einstieg noch Stufen hat, müsse kein Nachteil sein, findet Staneczek. Im kommenden Jahr will die BVG auch hier die modernen Fahrzeuge mit dem fast stufenlosen Zugang fahren lassen. Vorher müssen noch Gleise am alten Netz umgebaut werden.

Und auch die neue Haltestelle unter der Bahnbrücke sei in Ordnung, obwohl dort der Platz zwischen den Stützen und dem Bordstein zu den Gleisen der Straßenbahn geringer ist als eigentlich vorgeschrieben, sagt Strunk, der mit der S-Bahn und in Zukunft auch mit der Straßenbahn zur Arbeit fährt. Um mehr Platz für die Tramfahrgäste zu schaffen, hätte die Brücke noch weiter als jetzt verbreitert werden müssen. Die Mehrkosten wollte der Senat aber nicht übernehmen.

Die Bewährungsprobe für die Tram kommt dann in wenigen Wochen, wenn auch die Straße unter der neuen Bahnbrücke wieder eröffnet wird. Dann sei das neue Portal zwischen dem alten Ortskern und der Wissenschaftsstadt auch für Autofahrer verlockend, ist Erxleben überzeugt. Der Wunsch von Franz, Tempo 30 einzuführen, findet nicht einmal für die Nebenstraßen Gehör.

Doch auch die Tram hat noch nicht alle Karten ausgespielt. Geplant ist, die Gleise bis zum S-Bahnhof Schöneweide zu verlängern, was das Einzugsgebiet nochmals vergrößern würde. Und wer weiß: Vielleicht werden eines Tages doch noch die Pläne aus der Wendezeit verwirklicht, die vorsahen, die Straßenbahn bis zum U-Bahnhof Rudow fahren zu lassen.

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