Berlin : Luxemburgische Botschaft: Gegengifte gegen Größenwahn

Elisabeth Binder

Es gibt so viele Gründe zusammenzukommen, Eröffnungen oder Wiedervereinigungen im Kleinen. Vielleicht ist es kein Wunder, dass man von Leuten außerhalb Berlins gelegentlich zu hören bekommt, dass die ganze Feierei einfach übertrieben ist. Die Gefahr, protzig zu wirken, wenn viel Neues entsteht, ist immer präsent. So könnte man die herbe Kritik des Ex-Bundeskanzlers Helmut Schmidt in der Hamburgischen Landesvertretung fast als symptomatisch bewerten. Vieles von dem, was er angreift, dass das Kanzleramt zu gigantisch, der Abgeordnetenbau zu angeberisch und das Holocaust-Mahnmal zu riesig geplant seien, ist allerdings nicht unmittelbar aus dieser Stadt hervorgegangen.

Glücklicherweise gibt es jede Menge freundlicher, bescheidener Orte. Dazu gehört die luxemburgische Botschaft, die von Großherzog Henri und seiner Frau feierlich eröffnet wurde und demnächst auch das Kulturleben der Stadt bereichern soll. Das wird der zuständige Senator Christoph Stölzl sicher gern gehört haben, denn es wird ja noch viele Botschaftseröffnungen geben. Im Grunde sind solche Nebenwirkungen des großen Umzugs Bereicherungen, die, selbst wenn man bauliche Gigantomanie und Fetenrausch außen vorlässt, natürlich in anderen Gegenden des Landes zu unschönen Gefühlen führen mögen, sogar zum Beispiel zu Neid.

Es gibt jedoch Gegengifte gegen Größenwahn, das ließ sich beim Empfang der Luxemburger wie auch später beim Jahresfest des Vereins der Ausländischen Presse in der Dresdner Bank am Brandenburger Tor beobachten. Wenn Politiker ohne Grandezza auftreten, hilft das zum Beispiel. Am späten Nachmittag redete Joschka Fischer bei den Luxemburgern über Europa, am Abend dann über Nahost, auch vor palästinensischen und jüdischen Journalisten, wobei er sinngemäß sagte, das am Ende doch wieder ein Frieden stehe, warum dann erst Leid über die Menschen bringen, anstatt ihn gleich zu machen.

Aber hier sind nicht nur die Reden ausschlaggebend, sondern die Lässigkeit etwa im Umgang mit der luxemburgischen Amts-Kollegin oder auch mit den Korrespondenten aus anderen Ländern. Pomp ist eben auch eine Frage der Einstellung. Als zu Stein gewordenes Erbe muss man ihn tragen, aber den Ton kann jeder selber bestimmen. Das Fest der Korrespondenten war prachtvoll ausgerichtet, und der mächtige Verein, der immerhin geschafft hat, was den deutschen Presseclubs nicht gelungen ist (die Fusion der Bonner und Berliner Sektionen), hat seinen mehr als 400 Mitgliedern eine Menge zu bieten, was dem hübsch gemachten Chronicle zu entnehmen war.

Trotzdem erinnerten sich manche Korrespondenten in Nostalgie der kleinen Stammtische um den Engländer Clive Freeman in jenen Jahren als der Prozess der Hauptstadtwerdung noch bevorstand. Viel wurde damals spekuliert, wann das denn jemals etwas würde. "Wenn es kommt, dann über Nacht", war ein Satz der häufig fiel. Nun ist "es" da - mit neuen Größenordnungen. Kein Wunder, dass die Sehnsucht nach kleinen Runden nicht nur bei den Korrespondenten aufflammt.

Großen Festlichkeiten etwas entwöhnt war Günter Schabowski. Für ihn war der Empfang eine Art Klammer. Die letzte Party vor seiner Haft war die der Korrespondenten und die erste danach dieses Fest, wo Schabowski alte Bekannte traf, die ihn interviewten über den Abend, als er den Fall der Mauer einläutete. Aus der Zelle in die Festrotunde: Im Berlin dieser Tage gibt es nicht nur viele Gründe zusammenzukommen, sondern auch viele Anlässe darüber nachzudenken, wie nah das Große und das Kleine beieinander liegen.

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