Berlin : Mehr Herz fürs Zentrum

01.11.2012 00:00 UhrVon Rainer W. During
Foto: Doris Spiekermann-Klaas
Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Stadtplaner diskutieren über das alte, neue Berlin.

Berlins Stadtmitte muss neu gestaltet werden, doch wie sie künftig aussehen soll, darüber gibt es unterschiedliche Ansichten. „Vom historischen Stadtkern zum lebendigen Stadtquartier“ lautete das Motto der Veranstaltung, zu der die CDU-Fraktion am Dienstagabend geladen hatte. Dort, wo einst die Schinkel’sche Bauakademie stand und seit 2002 eine Attrappe aufgebaut ist, diskutierten im überfüllten Saal Experten mit dem leitenden Tagesspiegel-Redakteur Gerd Nowakowski, wie es mit dem Zentrum weitergehen soll. Die Koalitionsvereinbarung sieht vor, dass bis 2016 verbindliche planerische Rahmenbedingungen für eine neue Erschließung des Areals geschaffen werden.

Einig waren sich die Diskutanten in der kontroversen und von vielen Bürgerfragen begleiteten Veranstaltung nur, dass es sich um die folgenreichste Aufgabe der Stadtentwicklung handelt. „Die Koalitionsvereinbarung hat einen Startblock hingelegt, gelaufen werden muss jetzt in der ganzen Stadt“, sagte Volker Hassemer, Vorsitzender der Stiftung Zukunft Berlin. „Diese Mitte gehört wie nichts anderes ganz Berlin, mit dieser Mitte geht man nicht lokal um“. Es müsse die „Herzenssache“ aller Berliner sein, das Stadtzentrum zu definieren. „Die Zukunft des Stadtkerns ist keine Sache von Parteien, Historikern oder Heimatvereinen, sie ist die Sache aller Bürger“, so der CDU-Politiker Stefan Evers. Dabei gehe es auch darum, wie sich Berlin künftig Deutschland und der Welt präsentieren wolle, betonte Hassemer.

„Ein gutes Stück Stadt für die Bürger müsse im Zentrum entstehen“, forderte die Architektin Petra Kahlfeldt. Man müsse „mutig nach vorne schauen“. Auch eine Orientierung am alten Stadtkern werde keine Rekonstruktion historischer Bauten sein, sondern etwas Neues schaffen. Benedikt Goebel vom Bürgerforum Historische Mitte vertrat, er könne sich als Grundlage den Grundriss aus der Vorkriegszeit von 1935 vorstellen, der den Zustand seit der späten Kaiserzeit wiederspiegelt. Wichtig ist ihm die Vielfalt. Die Stadt sei nie homogen gewesen, „Gotik, Barock, Gründerzeit, von jedem etwas, das Heterogene ist für Berlin typisch.“

Kerstin Wittmann-Englert, TU-Professorin für Kunstgeschichte und Historische Urbanistik, lehnt eine solche historische Orientierung ab. Die Vorsitzende des Landesdenkmalrates mahnte zu „Demut und Respekt vor dem, was da ist“. Auch die jetzige Platzgestaltung sei eine erhaltenswerte Stadtplanung – und erntete dafür viel Widerspruch. Marienkirche und Heilig-Geist-Kapelle seien ebenso Denkmale wie der Fernsehturm und das Karl-Marx-Forum.

Nach der Fertigstellung des Humboldt- Forums werde der Druck zur Bebauung der jetzigen Freiflächen steigen, vermutet Petra Kahlfeldt. So lange warten will Volker Hassemer nicht. Das Forum ist für den Ex-Senator zugleich Möglichkeit und Perspektive: Berlin sei es aber noch nicht gelungen, aus der „Vorlage“ einen „Spielzug“ zu machen. Das geplante Archäologische Forum am Petriplatz sei eine „fabelhafte Entwicklung“ und ein gutes Beispiel, mit der Vergangenheit umzugehen.

Die CDU-Fraktion will über die künftige Gestaltung von einer breiten Öffentlichkeit debattieren lassen. Vorstellbar sei dabei auch eine Neuauflage des nach der Vereinigung initiierten Stadtforums, sagte der stadtentwicklungspolitische Sprecher Stefan Evers. Dass der im SPD-CDU-Koalitionsvertrag vereinbarte Wettbewerb erst mal gestrichen sei, sieht Evers als Chance, unbelastet zu diskutieren. Rainer W. During

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