Mehr kleine Waffenscheine in Berlin : Sicherheit durch Schreckschusspistole

Immer mehr Berliner beantragen den kleinen Waffenschein. Auch Studentin Carolin Matthie hat sich einen zugelegt. Sie fühlt sich nicht sicher.

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4413 Anträge auf einen kleinen Waffenschein wurden im vergangenen Jahr in Berlin genehmigt.
4413 Anträge auf einen kleinen Waffenschein wurden im vergangenen Jahr in Berlin genehmigt.Foto: dpa-Zentralbild

Wenn Carolin Matthie alleine unterwegs ist, wenn sie durch dunkle Gassen Berlins läuft und wenn sie sich dabei unsicher fühlt, dann trägt sie ihre Walther P99 bei sich. Eine Schreckschusspistole. Schwarz, klein, handlich, wie sie sagt. Darin 15 Patronen für die Sicherheit.

Schreckschuss- und Gaspistolen in der Öffentlichkeit tragen darf in Deutschland nur, wer einen kleinen Waffenschein besitzt. Den beantragen derzeit immer mehr Berliner. Genehmigte die Polizei im Jahr 2014 noch 527 Anträge, waren es 2015 bereits 816, im vergangenen Jahr dann 4413.

Längere Bearbeitungszeit durch zu viele Anträge

"Der Trend bleibt aktuell auf einem gleichbleibend hohen Niveau", sagt die Berliner Polizei. „Aufgrund der derzeitigen Antragszahlen zur Erteilung von “Kleinen Waffenscheinen” werden sich die Bearbeitungszeiten verlängern“, heißt es auf ihrer Homepage. Ähnliche Entwicklungen zeigen auch Brandenburg und andere Bundesländer. 50 Euro kostet der Antrag für scheinbar lebenslange Sicherheit. Einzige Voraussetzungen: Volljährigkeit und keine Vorstrafen.

Insgesamt 13.767 Berliner besitzen aktuell den kleinen Waffenschein. Seit Anfang letzten Jahres gehört auch Carolin Matthie dazu. Die Informatik- und Physikstudentin beantragte den Schein im Januar, kurz nach den Ereignissen der Silvesternacht in Köln. Das sei zwar nicht der einzige Grund gewesen, sagt sie, aber der finale Auslöser.

Matthie erzählt von Kolleginnen und Freundinnen, von Frauen, die in Berlin immer wieder von Gruppen oder Einzelnen verfolgt oder belästigt worden seien. Sie erzählt von ihrem Heimweg ins Studentendorf Adlershof und den langen dunklen Straßen. „Da fühlt man sich selbst nicht mehr sicher“, sagt sie, auch wenn bisher glücklicherweise noch nichts passiert sei.  „Die meisten meiner Freunde haben ein Pfefferspray“, sagt die 24-Jährige. Das ist ohne Waffenschein erhältlich – beim Drogeriemarkt um die Ecke. Sie selbst ist einen Schritt weitergegangen.

Waffenumgang lernen via YouTube

Winfried Wenzel, Pressesprecher der Berliner Polizei, bezeichnet die steigende Anzahl der kleinen Waffenscheine als "irritierende Entwicklung". Es sei durchaus ernst zu nehmen, wie sehr sich das Sicherheitsgefühl für viele Menschen in Berlin verändert habe. Den Fall der Studentin Matthie hält er für repräsentativ. Tatsächlich entspreche die Entwicklung der Gefahrenlage in Berlin diesem Trend jedoch nicht. Gewalttaten wie die Attacke des U-Bahn-Treters, die tagelang durch die Presse ging, seien absolute Ausnahmefälle. Er und seine Polizeikollegen sind zwar froh darüber, dass von der Tat Videoaufnahmen existieren, weil sie zur Festsetzung des Täters geführt hatten. Es ärgert Wenzel aber, dass der Mann wochenlang "auf tausend Bildschirmen die Frau die Treppe heruntertreten durfte". Er führt das verstärkte Unsicherheitsgefühl einiger Berliner auf die Vorfälle in der Kölner Silvesternacht 2015 zurück.

Innensenator Andreas Geisel wollte sich nicht äußern. Boris Biedermann, stellvertretender Landesvorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft Berlin, hält sie für gefährlich. „Das ist eine bedauerliche Konsequenz des Unsicherheitsgefühls in unserer Stadt“, sagt er. „Die Menschen fühlen sich bedroht.“ Er kritisiert zudem, dass viele nicht wüssten, wie mit den Waffen umzugehen sei: „Dadurch bringen sich die Leute mehr in Gefahr, als dass sie sich sichern.

Carolin Matthie hat den Umgang mit ihrer Walther via YouTube gelernt. Laden, schießen, säubern - das alles werde im Internet erklärt. Die 24-Jährige dreht mittlerweile selbst Videos, in denen sie über den Umgang mit ihrer Waffe und Selbstverteidigungsmethoden spricht. „Ich glaube in Zeiten, in denen so viel passiert, sollte jeder durchdenken, was er im Notfall machen würde“, sagt Matthie. Sie will gewappnet sein für den Fall der Fälle. Wenn man sich auf andere verlasse, glaubt sie, sei man selbst verlassen.

Im Zimmer der Studentin hängt ein Poster: "Lebe, liebe, lache", steht darauf, "und wenn das nicht geht: lade, ziele, schieße". „Das hat einen wahren Kern“, findet die Studentin. Wenn alles andere nicht funktioniert, müsse man sich doch wehren können.

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