Berlin : Miesepeter im Himmel

Henry Hübchen zu lieben, ist nicht leicht. Aber dafür ist ja der Heiland da Im Film „Jesus liebt mich“ ist er ab Donnerstag als gefallener Erzengel zu sehen.

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Zwei Gesichter. Schauspieler Henry Hübchen wird vom Publikum geliebt – obwohl oder gerade, weil der Pankower den Muffel privat wie auf der Leinwand so überzeugend darstellt. Foto: Mike Wolff
Zwei Gesichter. Schauspieler Henry Hübchen wird vom Publikum geliebt – obwohl oder gerade, weil der Pankower den Muffel privat wie...

Der Hübchen nun wieder. Da will man ihn so gern lieben, weil er einem als Schauspieler und Berliner Held ja gar keine andere Möglichkeit lässt. Aber Hübchen hat wieder keinen Bock, geliebt zu werden.

So war es im Sommer beim Setbesuch von „Hai-Alarm am Müggelsee“, einer im März anlaufenden Posse von Leander Haußmann und Sven Regener, wo Henry Hübchen beim Dreh den Regisseuren in der Sommerwärme die Ohren ob der unbequemen Arbeitsbedingungen vollnörgelte und in der Mittagspause partout nicht zu sprechen war.

So ist es jetzt beim Gespräch zu „Jesus liebt mich“, der am Donnerstag im Kino startenden ersten Regiearbeit des smarten Jungstars Florian David Fitz. Da sitzt der Schauspieler in der Dachterrassenbar im Soho Haus und schaut gelangweilt auf den draußen gegen das Wintergrau andampfenden Pool. Die affige, aber angesagte Besserverdienendenbude mit dem englischsprachigen Personal passt ihm nicht. Da muss man zum Fotografieren und Reden in verschiedene Räume gehen. Findet Hübchen bescheuert. Ist ihm deutlich anzusehen.

Und Interviews erst. Das sei doch immer dasselbe, winkt Hübchen ab. Über seinen neuen Film kann er sowieso nichts sagen. Den habe er noch gar nicht gesehen. Hübchen – ganz missachtete Künstlerseele – murrt: „Das ist komischerweise so üblich, dass man als Zulieferer das fertige Auto nicht vorgestellt bekommt.“ So ähnlich sagt er das auch dem plötzlich vorbeischneienden Regisseur, Drehbuchautor und Hauptdarsteller Florian David Fitz. Der umarmt das miesepetrige Sensibelchen trotzdem freudig. Fitz fand die Arbeit mit Henry Hübchen an der durchaus amüsanten Jesus-Komödie „toll“. Hübchen sei alles andere als ein abgebrühter Routinier, sondern neugierig, suchend, offen. Sicher ist er das. Deswegen lieben ihn ja die Leute, im Kino, an der Volksbühne, als Musiker, als Brettsegelmeister, als Segler, als Pankower, als Ahrenshooper, als 65-Jährigen, als berlinisches Urviech, als Filmmuffel.

Auch diesmal spielt er einen. Sieht verlottert aus, rennt in Unterwäsche rum, säuft und schreit glühende, bestens in die christliche Festsaison passende Sätze wie „Glaube ist nichts für Memmen“. Er ist Gabriel, einst Erzengel, nun Priester, der plötzlich Besuch vom Heiland und die Ansage erhält, dass nächste Woche Dienstag die Welt untergeht. Und das, wo ausgerechnet seine alte Liebe Silvia, gespielt von Hübchens seit „Alles auf Zucker“ vertrauter Sparringspartnerin Hannelore Elsner, wieder in sein fern des Himmels trübe gewordenes Erdenleben tritt.

Sich selbst hat Hübchen während der Dreharbeiten nie gefragt, wie er sich auf den Weltuntergang am nächsten Freitag vorbereiten würde. „Was wäre wenn, was wäre wenn...“, lästert er. So was sei doch nur ein läppisches Gedankenspiel und keine existenzielle Konfrontation mit der eigenen Endlichkeit.

Immerhin – endlich redet er. Davon, dass ihm die widersprüchliche Rolle schwer zu denken gegeben hat. „Ein Erzengel, der unendlich ist, der asexuell ist, wird aus Liebe zu einer endlichen Frau zum Menschen, bekommt eine Sexualität und wird von Gott nicht als Autoschlosser, sondern als informeller Mitarbeiter, als katholischer Pfarrer eingesetzt – mehr Probleme kannste ja gar nicht haben!“ Davon, dass er kein Christ ist, sondern mal Atheist und mal Agnostiker, was nach einem verdammt verwirrenden Innenleben klingt. „Ich bin in der DDR groß geworden, die hatten Karl Marx und Lenin als Gott.“ Und dass er sich vom Theater, wo er ein paar Jahre nicht zu sehen war, keineswegs endgültig verabschiedet hat. „Ich leiste mir jetzt einfach mal einen anderen Lebensrhythmus als den, der vom Stadttheaterbetrieb vorgegeben war.“

Na bitte, jetzt lächelt Hübchen. Gut sieht der verknautschte Hund aus, das sowieso. Und das Kaum-zu-hoffen-Gewagte geschieht. Hübchen beantwortet die trivialste aller denkbaren Fragen. Weihnachten fände er wunderbar, sagt er, ohne eine Spur von Sarkasmus in der Stimme. Er liebe den Baum, das Essen, die Musik, die Spiele. Nur mit dem Geschenke-rechtzeitig-Besorgen habe er seine liebe Not. Eine Katastrophe sei das und die Familie so groß. Und ihm fehle die Fantasie, das Organisationstalent. „Selbst Heiligabend plagt mich noch das schlechte Gewissen.“ Er schaut sorgenvoll, denkt offensichtlich an den in den nächsten Tagen drohenden Shopping-Showdown und seufzt. Der Hübchen nun wieder. Erst wenn man schon gar keine Lust mehr dazu hat, lässt er sich lieben.

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