"Mietshäuser Syndikat" will günstigen Wohnraum erhalten : Die Unbestechlichen

Sie wollen nichts umsonst, aber auch nicht ausgebeutet werden: Deshalb haben sich 24 Freunde ein Haus in Tempelhof gekauft. Geholfen hat ihnen das „Mietshäuser Syndikat“. Es entzieht Immobilien dem freien Markt und der Spekulation.

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Keine Sorgen mehr um Mieterhöhung, dass ist das Ziel des "Mietshäuser Syndikats"
Keine Sorgen mehr um Mieterhöhung, dass ist das Ziel des "Mietshäuser Syndikats"Foto: picture alliance

Einfach ein ganzes Mietshaus kaufen? Für Nastasja Radszun, 28, war das eigentlich keine Option. Sie habe immer gedacht, „das ist nur was für Leute mit tollen Jobs“, erzählt die Psychologin, die gerade erst Mutter geworden ist und ihre Ausbildung noch abschließen muss. Bei ihrem Freund Julian Irlenkäuser, 29, ist es ähnlich. Der angehende Doktor der Anthropologie lebt von einer halben Stelle bei der Uni-Verwaltung, der Erwerb von Immobilien ist da nicht vorgesehen.

Doch dann kam alles ganz anders. Seit dem ersten Oktober verfügt das junge Paar gemeinsam mit 22 Freunden über ein vierstöckiges, ziemlich großes Haus in der Burgemeisterstraße im Berliner Bezirk Tempelhof, das alsbald Wohnraum für die ganze Gruppe und ihre acht Kinder bieten wird. Sogar 700 Quadratmeter Garten sollen dazugehören, wenn der Hof erst mal vom Betonbelag befreit ist. 1,2 Millionen Euro hat die künftige Hausgemeinschaft für das alte Wohn- und Betriebsgebäude der Wasserwerke bezahlt, und sich dafür hoch verschuldet. Weitere 265 000 Euro wird der Ausbau kosten.

Jetzt hängen lange handgeschriebene Listen über die anstehenden Baumaßnahmen an den Wänden im provisorisch hergerichteten Gemeinschaftsraum im ersten Stock. „Wer hat den Hut auf?“ lautet da stets die erste Zeile und die leeren Felder dahinter zeigen, dass noch viel zu tun ist. Duschen müssen gebaut, das Treppenhaus saniert, das Dachgeschoss ausgebaut werden. Ja, das werde „noch furchtbar viel Arbeit“, weiß Irlenkäuser, aber das Ziel sei es allemal wert: „Nicht mehr nur vereinzelt“ als Mieter in anonymen Häusern zu leben, „sondern als Gemeinschaft mit Kindern in einem Haus, das wir selbst verwalten“.

Hausbesitzerszene. Julian Irlenkäuser (vorne links) und seine Freunde vor ihrer neu erworbenen Immobilie in Berlin-Tempelhof. Foto: Doris Spiekermann-Klaas
Hausbesitzerszene. Julian Irlenkäuser (vorne links) und seine Freunde vor ihrer neu erworbenen Immobilie in Berlin-Tempelhof....

Diesen Traum hegen Tausende – und scheitern meist am Mangel von Kapital, Kredit und professioneller Unterstützung. Und so wäre es vermutlich auch Julian Irlenkäuser, Nastasja Radszun und ihren Freunden gegangen, hätten sie nicht von jener Organisation erfahren, mit deren Hilfe sie es doch erreicht haben: das „Mietshäuser Syndikat“. Das klingt nach Untergrund und Verschwörung, und ein kleines bisschen ist es auch so gemeint. Zwar ist dieser höchst ungewöhnliche Verband nur ein ganz legaler Verein nach bürgerlichem Recht.

Doch die Mitglieder verfolgen ein radikales Ziel: Die Schaffung von billigem Wohnraum in Häusern, wo die Bewohner selbst das Sagen haben und ihre Immobilien ein für allemal dem Verkauf und der Spekulation entzogen sind.

„Eigentlich dürfte es uns gar nicht geben“, sagt Stefan Rost, einer der Gründer und mit 69 Jahren Dienstältester des Projekts. Schließlich verstoße das Syndikat „schon vom Ansatz her gegen die Marktgesetze“, denen die Gesellschaft ansonsten folge. Aber vielleicht sind die Anti-Spekulanten gerade deshalb so erfolgreich. Schon 80 Hausprojekte aus der ganzen Republik, davon 17 in Berlin, haben sich dem Verbund angeschlossen. An die 20 warten auf den nötigen Beschluss der Mitgliederversammlung und Dutzende weiterer Wohninitiativen planen den Beitritt, sobald sie das richtige Haus oder Grundstück gefunden haben. „Das Syndikat boomt, unser Modell zieht viele an“, freut sich Rost.

Protestschlaf gegen steigende Mieten

Ersonnen haben es einst die damals noch jungen Besetzer der „Grether Fabrik“, einem alten Industriegelände in Freiburg, wo die westdeutsche Bewegung der „Häuserkämpfer“ Anfang der achtziger Jahre eine ihrer Hochburgen hatte. Als sie nach langen Verhandlungen mit der Stadt ihr Projekt per Erbbauvertrag legalisiert hatten, brüteten Rost und ein paar Mitstreiter darüber, wie die mühsam erkämpfte Wohnalternative auch auf lange Frist zu sichern wäre.

„Wir wussten, dass Besetzer oder Mieter auch keine besseren Menschen sind“, erzählt der frühere Hausbesetzer. Wenn bei steigenden Preisen große Gewinne locken, „dann werden auch alte Kämpfer schwach“, sagt er. Allzu oft seien daher Immobilien im Gemeinschaftseigentum später doch wieder privatisiert worden, und dann beginne „die Preisspirale, die Wohnen überall teuer macht, wieder von vorne. Das wollten wir verhindern.“

Die Lösung fanden sie in der Doktorarbeit eines Hamburger Juristen. Der hatte beschrieben, dass kleine Wohnbau-Genossenschaften oft schon in der zweiten Generation wieder zerfallen, weil die Mitglieder der Versuchung erliegen, hohe Verkaufsgewinne einzustreichen. Darum schlug er vor, einer externen Gruppe von Honoratioren eine Wächterrolle zu übertragen, die den Verkauf verhindert. Und zur Verblüffung der Kapitalismuskritiker bot ausgerechnet die ganz normale Kapitalgesellschaft mit beschränkter Haftung die beste Rechtsform für diesen Zweck.

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