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Mit Tigern gegen die Flüchtlingspolitik : „Wir wollen den Menschen den Appetit verderben“

Die Protestaktion „Flüchtlinge fressen – Not und Spiele“ des Zentrums für Politische Schönheit soll die deutsche Politik im Umgang mit Flüchtlingen anprangern.

von , und Richard Elsner

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Not und Spiele. Einer der Tiger, die Teil der Inszenierung des "Zentrums für Politische Schönheit" sind.
Not und Spiele. Einer der Tiger, die Teil der Inszenierung des "Zentrums für Politische Schönheit" sind.Foto: imago/CommonLens

Mit Provokationen kennen die Aktivisten vom "Zentrum für Politische Schönheit" sich aus. Und auch an diesem Donnerstagmittag ist die Stimmung aufgeladen im gut besuchten Maxim-Gorki-Theater in Berlin-Mitte. Geladene Presseleute, dazu Studenten und ein paar neugierige Passanten sitzen gespannt in der „Bundestagserpressungskonferenz“. Drei mit schwarzer Farbe bemalte Mitglieder der Künstlergruppe Zentrum für Politische Schönheit (ZPS) betreten die Bühne - das Theater kann beginnen. Sie präsentieren ihre aktuelle Aktion „Flüchtlinge fressen – Not und Spiele“.

Ihr Ziel: Bundesregierung und Bundestag sollen ein Gesetz abschaffen, auf dessen Grundlage Fluggesellschaften mit hohen Strafen belegt werden, wenn sie Flüchtlinge ohne Einreiseerlaubnis befördern. Das, so die Politaktivisten vom ZPS, solle geändert werden - sonst wolle man zu drastischen Mitteln greifen: "Das ZPS sucht ab sofort verzweifelte Flüchtlinge, die bereit sind, sich öffentlich fressen zu lassen", hatte die Künstlergruppe zuvor bereits per Pressemitteilung verkündet. Auf dem Gelände des Maxim-Gorki-Theaters wurde eine Arena mit vier libyschen Tigern aufgebaut.

Eine Sprecherin des Gorki-Theaters sagte, ihr Haus habe eine Sondererlaubnis vom Straßen- und Grünflächenamt des Bezirks Mitte für ein Theaterprojekt eingeholt. Dieses war bis Redaktionsschluss nicht für eine Stellungnahme zu erreichen.

Nicht die erste Aktion mit Schockeffekt

Das Zentrum behauptet, einen Flug mit 100 syrischen Flüchtlingen von der Türkei nach Deutschland am 28. Juni organisiert zu haben. Sollte die Regierung bis dahin nicht auf die Forderungen reagieren und den Flug verhindern, würde sie damit in der "Art eines römischen Imperators über Leben und Tod der ersten 100 Passagiere verfügen." Um gleich bei der römischen Metapher zu bleiben, kündigt das ZPS an, am 28. Juni Flüchtlinge an die Tiger in der Arena vor dem Gorki Theater zu verfüttern - "für die Rettung unserer europäischen Ideale und gegen das schreiende Unrecht, das genau zum 15. Geburtstag der EU-Richtlinie." Die Tiere werden am Maxim Gorki Theater bis Ende Juni betreut und die Arena ist täglich von 10 bis 22 Uhr geöffnet. Zusätzlich wird das Stück "Not und Spiele" am Theater aufgeführt und es gibt jeden Abend Diskussionsrunden.

Es ist nicht die erste Aktion der Gruppe mit Schockeffekt: Beim vergangenen Mal riefen sie unter dem Titel "Die Toten kommen" dazu auf, Gräber vor dem Bundestag anzulegen, als Symbol für die Flüchtlinge, die auf ihrer Reise nach Europa ums Leben kommen. Am Ende ragten 100 Erdhügel mit Kreuzen auf der Wiese vor dem Bundestag auf. Im Jahr davor stahlen sie die Gedenkkreuze für die Mauertoten in Berlin-Mitte und brachten sie an die EU-Ausgengrenzen.

Tausende Flüchtlinge, so behaupten die Aktivisten bei ihrer Presseveranstaltung, habe man getroffen, deren Familien in der Türkei fest sitzen, ein Video zeigt Bilder von Flüchtlingsschicksalen. Diese Menschen, so das ZPS, wollten „keine hundert Jahre warten“, bis sie ihre Familien wieder sehen können oder diese den Weg zu Ihnen auf der tödlichen Route nicht beenden können. Mithilfe vieler Spenden von der Bevölkerung wollen die Aktivisten nun der Bundesregierung helfen, die Aufnahme der Flüchtlinge zu beschleunigen. Die Regierung müsse den umstrittenen § 63 Abs. 3 des Aufenthaltsgesetzes abschaffen, um die Aktion „Flüchtlinge fressen“ zu stoppen und somit tausenden Menschen das Leben zu retten.

„Wir wollen den Menschen den Appetit verderben“

Bundespräsident Joachim Gauck, so die Forderung, soll am 24.5.2016 „mit einer flammenden Rede von der Notwendigkeit der Streichung von § 63 Abs. 3 des Aufenthaltsgesetzes“ den Bundestag überzeugen. "Wir sehen in diesem Text, der wie eine trockene Vorschrift daher kommt, einen unsichtbaren, tödlichen Mechanismus, der dafür sorgt, dass flüchtende Menschen auf dem Wasser- oder Landweg gezwungen werden“, kritisiert ZPS-Mitglied Theresia Braus die Richtlinie. Die europäische Union verweigere den Menschen das Recht sich mit alltäglichen Verkehrsmitteln in Sicherheit zu bringen. Dies sei die Ursache für Not und Tod in den Krisengebieten. Die Bundesregierung solle ihre eigenen Fehler erkennen.

„Wir wollen nur das eine: Den Menschen für einen kleinen Augenblick den Appetit verderben,“ sagt ZPS-Mitglied André Leopold. Natürlich sei das Vorhaben geschmacklos und zynisch, sagt ZPS-Mitglied Theresia Braus. Aber: "Wir spielen nach, wie von oberster Stelle mit Schicksalen gespielt wird. Das müssen wir, damit wir die Sache umdrehen und anfangen können, Schicksal mit der Politik zu spielen.“

Dann ist die Show vorbei. Die Stimmung ist getrübt. Die Zuschauer verlassen das Theater und viele wissen nicht, was sie davon halten sollen. „Ich finde das schwer einzuordnen", sagt eine Studentin der Humboldt-Universität. "Auf der einen Seite finde ich das sehr makaber mit den Tieren, und ich weiß auch nicht, ob das die schlauste Art ist, das Thema zu behandeln, ich finde es aber sehr wichtig zu zeigen, wie barbarisch und unmenschlich die EU und auch Deutschland gerade mit dem EU-Türkei-Deal handelt."

Falls die Regierung die Forderungen nicht befolgt, glaubt sie, dass das ZPS die Flüchtlinge in die Arena schicken würde. „Ich weiß nicht, ob sich Menschen dazu bereit erklären. Wenn, dann wäre das schon ein Zeichen der Verzweiflung, aber wenn die Alternative ist, zurück in den Krieg oder zu Assad zu gehen… Ob man nun hier stirbt oder da.“

Schauspieler präsentierten ein Gauklerspiel

Nach der mittäglichen Pressekonferenz startete am Abend eine Performance. Auf dem Dach des Tigerkäfigs präsentierten Schauspieler des Hauses in clownesken Kostümen ein Gauklerspiel. Wie die bewusst provokante Aktion insgesamt prangerte auch diese 45-minütige Performance den zynischen Umgang Europas mit Flüchtenden an, hatte dabei aber vor allem satirische Mittel im Gepäck und verlief gänzlich aufregungsfrei. Während unter ihnen eine als römischer Legionär kostümierte Fachkraft vor vielen Schaulustigen und Zufallspassanten die Tiger fütterte und zu Kunststücken animierte, verlasen die Schauspieler erste Facebook-Reaktionen auf die ZPS-Aktion. „Danke für diesen Weckruf“, lautete ein Post.

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Zentrum für politische Schönheit bestattet syrische Flüchtlinge
Zentrum für politische Schönheit bestattet syrische Flüchtlinge

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