Modul-Gebäude in Berlin : 230 Flüchtlinge sollen in Tegel einziehen

In Tegel entsteht das erste Modul-Gebäude für Flüchtlinge, das Wohnungsbaugesellschaften errichten.

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Foto: Frank Bachner
Die Staatsekretäre Gerstle (links) und Lütke Daldrup (Mitte) besichtigen mit Gewobag-Vorstandsfrau Michaelis das neue Gebäude.Foto: Frank Bachner

Majestätisch langsam dreht sich der mächtige Ausleger über dem Betonboden. Ein Bauarbeiter in gelber Signalweste steht auf einem Gerüst im dritten Geschoss und wartet lässig, bis der Ausleger zum Stehen kommt. Es ist wichtig, das dritte Geschoss. Es zeigt die Geschwindigkeit, mit der hier gebaut wird. Am 3. Juni war in der Bernauer Straße 138 A, in Tegel, ein paar Fußminuten entfernt vom Tegeler See, gerade mal die Bodenplatte gegossen worden. Am 17. Juni stand schon das Erdgeschoss. Und Dienstagabend war das dritte Geschoss fertig.

Weihnachten werden acht Geschosse stehen, so ist der Plan, dann sollen in dieses Gebäude 230 Flüchtlinge einziehen. Dann hat der Betonklotz zwar 5,5 Millionen Euro gekostet, 1700 Euro pro Quadratmeter, wurde aber auch in nur sieben Monaten hochgezogen.

Die Modulbauweise macht es möglich, die Methode, mit der ganz schnell auf die Flüchtlingsproblematik reagiert werden soll. Für acht dieser Gebäude, erstellt von kommunalen Wohnungsbaugesellschaften, gibt es in diesem Jahr noch den ersten Spatenstich.

Die Adresse Bernauer Straße 138 A ist die erste Unterkunft in Modulbauweise, die eine der sechs kommunalen Wohnungsbaugesellschaften von Berlin errichtet. Für sie ist die Gewobag zuständig. Und weil es die erste ist, wurde sie am Dienstag sehr feierlich präsentiert. Engelbert Lütke Daldrup, Staatssekretär für Bauen und Wohnen, redete nochmal „von dem sehr großen Druck“, der in November herrschte, als Tausende Flüchtlinge plötzlich in Berlin ankamen und hektisch in Notunterkünften untergebracht werden mussten.

Turnhallen sind keine Dauerlösung

Turnhallen, Verwaltungsgebäude und die Hangars des Tempelhofer Feldes taugen vielleicht als logistische Erste-Hilfe- Maßnahme, aber sie sind natürlich kein Dauerzustand. Derzeit sind sieben Turnhallen geräumt, in 57 leben noch Flüchtlinge. Im Oktober soll auch die letzte dieser Turnhallen wieder dem Sport zur Verfügung stehen. Und wegen der Not erhielten die kommunalen Wohnungsbaugesellschaften im November Order, jede von ihnen sollte zwei Projekte zur Unterbringung von Flüchtlingen errichten.

60 Häuser in Modulbauweise sollen in Berlin entstehen, sie werden aus Fertigteilen zusammengesetzt, deshalb wächst ein Geschoss nach dem anderen so schnell. Sieben Monate bis zur Fertigstellung, das läuft nur so.

Ein konventioneller Bau ist verglichen damit zeitraubend. „Da benötigt man allein für den Rohbau neun Monate“, sagt Snezana Michaelis, die leitende Bauingenieurin bei der Gewobag und Vorstandsmitglied des Unternehmens.

Aber so viel Zeit haben sie in Berlin nicht, die Verantwortlichen für die Unterbringung der Flüchtlinge.

Die Nachnutzung ist ein großes Thema

Schließlich erreichten allein nach 4. September 2015, als Bundeskanzlerin Angela Merkel das Dublin-Abkommen zeitweise außer Kraft setzte, tausend Flüchtlinge pro Tag die Hauptstadt. „Und die Unterbringung dieser Menschen bedeutete im vergangenen Jahr eine ganz erhebliche Herausforderung“, sagte Dirk Gerstle, der Staatssekretär für Soziales. „Ab September hatten wir eine völlig veränderte Situation.“

Die völlig veränderte Situation erforderte auch Ideen, wie man die geflohenen Menschen integriert, schließlich werden viele von ihnen die nächsten Jahre in Berlin leben. Deshalb werden die Modul-Bauwerke auch direkt in Kieze gesetzt, im Fall Bernauer Straße 138 A in eine Umgebung, die sozial eher etwas schwierig ist. Und, wenig überraschend, kritische Fragen von Anwohnern und Nachbarn blieben nicht aus.

Aber jetzt, so sieht es jedenfalls aus, ist alles in Ordnung.

Zumal ja die Planung nicht davon ausgeht, dass die Flüchtlinge dauerhaft unter dieser Adresse leben werden. Nachnutzung ist ein großes Thema, zwei Zukunftskonzepte existieren. Das erste geht davon aus, dass irgendwann Studenten in das Gebäude ziehen, das zweite basiert auf der Überlegung, dass die Wohnungen umgebaut und auf dem normalen Wohnungsmarkt angeboten werden. Und damit diese Angebote auch angenommen werden, wird dann jede Wohnung noch einen Balkon erhalten.

Aber erstmal ziehen vor allem Menschen aus dem Irak, aus Syrien, Pakistan und Afghanistan in die Bernauer Straße 138 A. Sprachenvielfalt ist man bei der Gewobag ohnehin gewöhnt.

In einem Kiez in Kreuzberg artikulieren sich die Gewobag-Mieter in 78 Sprachen. Die Vielfalt hat inzwischen auch die Gewobag-Führung erreicht. 50 Prozent der Vorstandsmitglieder haben einen Migrationshintergrund.

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