Motorgeheul und Rizinusduft : Die erste Autobahn der Welt - die Avus - wird 90 Jahre
23.09.2011 16:10 UhrNach der Einnahme von Rizinusöl haben Menschen es meist sehr eilig, das ist bekannt. Nur wenigen dürfte aber geläufig sein, dass man einst auch Motoren mit diesem Zaubermittel auf Trab brachte. Kaum der Duft von Benzin, sondern eindeutig der von Rizinusöl hing an Wochenende des 24. und 25. September 1921 über dem Grunewald. Mehr als ein Jahrzehnt hatten die Berliner auf diesen Moment warten müssen. Schon am 23. Januar 1909 war von reichen Autoenthusiasten im Kaiserlichen Automobil-Club am Leipziger Platz 16 die „Automobil-Verkehrs- und Übungsstraße GmbH“ gegründet worden, aus deren Initialen das Kunstwort Avus entstand.
Ihr Ziel: eine Piste allein für motorisierte Fahrzeuge, die erste Autobahn der Welt.
Doch der Krieg kam dazwischen, unterbrach die Bauarbeiten, bis der Großindustrielle Hugo Stinnes 1920 in das Projekt einstieg und es binnen Jahresfrist vollendet wurde. So hatte es also bis zu jenem denkwürdigen Wochenende im Frühherbst 1921 gedauert, dass die neue Straße mit einer zweitägigen Rennveranstaltung eröffnet werden konnte – eine Strecke von zwei Geraden mit jeweils neun Kilometern Länge und zwei Schleifen. Käme heute jemand auf die Idee, die seit 1998 für Rennen gesperrte Strecke doch wieder zu reaktivieren, gäbe es wahrscheinlich einen Volksaufstand.
Vor 90 Jahren, in der Zeit ungebremster Tempo-Euphorie, traf die Rennstrecke aber offensichtlich auf ein Bedürfnis nicht nur der Berliner, wie in der Presse verwundert registriert wurde: „Überraschend war aber die allgemein starke Teilnahme der gesamten Berliner Bevölkerung sämtlicher Kreise und vor allem der unglaublich starke Zustrom von Fremden aus ganz Deutschland und aus dem Ausland.“
Es war geradezu ein gesellschaftliches Ereignis, die Damen in der neuesten Mode gekleidet, selbst eine Reporterin aus der Provinz, die mit sich sehr zufrieden war, dass sie „etwas Hübsches und Feines“ als Garderobe gewählt hatte. Allerdings hat sich dann mancher Besucher die schicken Klamotten auf den frisch gestrichenen Tribünensitzen ruiniert. Der Lack stammte offensichtlich noch aus Kriegsproduktion und klebte wie Pech.
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