Berlin : Neue Straßenbahn mit 69 Extras

BVG nahm auch Wünsche der Fahrgäste auf. Das erste Serienmodell kommt am 5. September nach Berlin

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Handarbeit. Am Rohbau werden Beulen durch Hammerschläge – und Erfahrung – geglättet. Auch bei den weiteren Arbeitsschritten ist handwerkliches Geschick gefragt. Foto: promo
Handarbeit. Am Rohbau werden Beulen durch Hammerschläge – und Erfahrung – geglättet. Auch bei den weiteren Arbeitsschritten ist...

Sie fährt bereits – die erste neue Straßenbahn „Flexity“ für die BVG aus der Serienproduktion. Allerdings bisher nur auf dem Testgleis im Herstellerwerk von Bombardier in Bautzen. Am 5. September soll die 40 Meter lange Bahn aber in Berlin eintreffen – per Schwertransporter über die Autobahn. Am 10. September will die BVG das gute Stück dann auf dem Alexanderplatz vorstellen und wenig später in Betrieb nehmen. 98 weitere Bahnen sind fest bestellt. Knapp 300 Millionen Euro gibt der Senat für den Kauf aus.

Um sicher zu sein, dass die neuen Bahnen keine Macken haben, hatte die BVG vier Vorserienfahrzeuge bestellt, die seit Herbst 2008 von Mitarbeitern und Fahrgästen ausgiebig getestet und beurteilt worden waren. Auf das Versprechen auf einem Plakat im Werk – „Wir liefern fehlerfreie Produkte“ – wollte sich die BVG nicht verlassen. 69 wesentliche Änderungen habe es für die Serienfertigung gegeben, sagte jetzt Klaus-Dietrich Matschke, der Straßenbahn-Chef der BVG, bei einem Werksbesuch in Sachsen.

Dazu gehören leichter erreichbare Bedienknöpfe für Rollstuhlfahrer ebenso wie besser ablesbare Monitore für die Information der Fahrgäste, größere Griffe an den Sitzen und ein komfortablerer Fahrerplatz. Auch der Spalt an den Abdeckungen der Räder fällt nun kleiner aus – und gefällt Matschke jetzt wesentlich besser als die große Ritze bei den Vorserienfahrzeugen.

In Bautzen arbeiten die Spezialisten derzeit in verschiedenen Produktionsabschnitten gleichzeitig an elf „Flexity“-Bahnen für die BVG. Rund ein Jahr dauert es, bis der Wagenkasten zusammengeschweißt und lackiert ist, bis rund 30 Kilometer Kabel gezogen und die Drehgestelle für die Räder montiert sind und der Innenausbau dann abgeschlossen werden kann. Fast alles ist Handarbeit – auch wenn insgesamt 99 Fahrzeuge hergestellt werden und weitere 31 noch folgen sollen. Doch wenn die Handgriffe richtig sitzen, geht’s schneller, ist Bombardier-Projektleiter Detlef Schönbach überzeugt.

Das neue Modell ist nach den Vorgaben der BVG zusammen mit Designern des Ateliers IFS aus Adlershof entwickelt worden. Vier Varianten gibt es: siebenteilige lange und fünfteilige kürzere Bahnen, die jeweils einen oder zwei Fahrerstände haben. Die BVG hat jetzt 44 lange Bahnen bestellt; 24 mit nur einem Fahrerstand (Einrichtungsfahrzeuge) und 20 mit Fahrerkabinen auf jeder Seite (Zweirichtungsfahrzeuge). Von den 55 kürzeren Bahnen sind 20 Einrichtungs- und 35 Zweirichtungsfahrzeuge. Der Fahrgastverband Igeb hatte vergeblich mehr der langen Bahnen gefordert.

Bis zum Jahr 2017 sollen die neuen Züge die Tatra-Bahnen aus DDR-Zeiten komplett ersetzen, bei denen der Zustieg nur über hohe Stufen möglich ist. Die „Flexitys“ dagegen haben einen fast stufenlosen Einstieg. Weil im vergangenen Sommer das Werk in Bautzen durch ein Hochwasser der Spree vorübergehend nicht produzieren konnte, verschob sich die Serienproduktion um fünf Monate. In den nächsten Jahren soll die Verzögerung aber aufgeholt werden.

Die nächste neue Strecke der BVG, die am 5. September in Adlershof vom S-Bahnhof in die Wissenschaftsstadt eröffnet werden soll, muss allerdings mit den alten Tatras gefeiert werden. Da die neuen Züge breiter sind, können sie nicht auf allen alten Strecken fahren. Hier müssen die Gleise noch umgebaut werden. Auf die „Flexitys“ müssen die Fahrgäste deshalb noch warten.Klaus Kurpjuweit

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