Berlin : Nicht mehr in Mode

Die Messe „Bread & Butter“ klagt über Berlin und öffnet sich nächstes Jahr dem breiten Publikum.

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Beratungsmuster. Die Modelle der „Bread & Butter“ waren bisher dem Fachpublikum vorbehalten. Foto: Kitty Kleist-Heinrich
Beratungsmuster. Die Modelle der „Bread & Butter“ waren bisher dem Fachpublikum vorbehalten. Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Wenn der Chef der Modemesse „Bread & Butter“ Briefe verschickt, ist das immer als Weckruf gemeint. Mal kündigt Karl-Heinz Müller den Umzug der prestigeträchtigen Schau von Berlin nach Barcelona an, dann wieder zurück nach Berlin. Dieses Mal reißt er die Mauern ein, die die Modebranche zwischen sich und ihren Kunden so sorgsam aufgebaut hat: Ab Sommer 2014 will er alle auf seine Messe lassen.

Damit bricht er mit der in der Branche eisern eingehaltenen Regel, dass Endverbraucher auf einer Modemesse nichts zu suchen haben. Dort werden die Kollektionen immer ein Jahr im Voraus vorgestellt, Einzelhändler sollen Kleidung ordern, die Medien sollen sich informieren, aber verkauft wird an den Messeständen nichts. Das ist nicht nur in Berlin so, in allen großen Modestädten sind die Kollektionen für das nächste Jahr einem kleinen Kreis Auserwählter vorbehalten. Auch für die Schauen der Fashion Week kann niemand Karten kaufen – die Designer laden ein, wen sie für wichtig genug halten. Karl-Heinz Müller aber sagt: „Der Endverbraucher bestimmt heute mehr denn je, was er wann, wie und wo kauft.“

Müller ist ein Seismograph für alles, was in der Mode kommt – und er liefert das Erdbeben gleich mit. Auf drei Seiten führt er aus, warum er so unzufrieden ist mit der Berliner Messelandschaft. Er schreibt von einer Goldgräberstimmung in Berlin. Es sei sehr einfach, irgendwo eine Halle zu mieten und eine neue Messe zu machen: „In Berlin hat ein ruinöser Wettbewerb begonnen.“

Dabei nennt er auch die Düsseldorfer Messegesellschaft Igedo, die bis vor wenigen Jahren dort die einst größte Modemesse der Welt veranstaltete und inzwischen ebenfalls nach Berlin einlädt. Ein besonderes Ärgernis ist Müller die Schau „Panorama“, die von der Messe Berlin mitveranstaltet wird. Der wirft er vor: „Letztlich hat sich auch noch die Messe Berlin über einen Veranstalter am neuen, noch nicht eröffneten Flughafen BER mit den Möglichkeiten der öffentlichen Hand ins Messegeschehen eingemischt.“

Der Senat sieht keinen Anlass, sich zu der Angelegenheit zu äußern. Und auch die Panorama Berlin plant, einen Teil der Messe dem Endverbraucher zu öffnen. „Das neue Konzept ’The Mall’, das im Januar Premiere hat und ausschließlich Franchise-Konzepte und Shop-in-Shop- Modelle präsentiert, soll sich im Juli 2014 auch dem interessierten Endverbraucher öffnen“, sagt Ralf Strotmeier, Sprecher der „Panorama“.

Ein neuer Aussteller dort ist die spanische Modemarke „Desigual“, die bisher nur auf der Bread & Butter zugegen war. Ansonsten überschneiden sich die Aussteller wenig. Die Aussteller der „Panorama“ richten sich mit Marken wie „Marc Cain“, „Pierre Cardin“ und „Rosner“ nicht an junge, coole Kunden: „Wir bilden den demografischen Wandel ab.“

Schon im Sommer 2012 hatte sich Karl-Heinz Müller im Tagesspiegel darüber beklagt, dass 15 Veranstaltungen zu viel für Berlin seien. Dieses Mal muss er auf weitere Veränderungen am Markt reagieren: Der traditionelle Modefachhandel hat es schwer, denn große Marken machen eigene Läden auf. Allein Anfang nächsten Jahres eröffnen 280 neue Geschäfte am Leipziger Platz – fast allesamt Monomarkenshops. Selbst einer der treuesten Aussteller, „G-Star“, steht noch nicht auf der Liste der „Bread & Butter“. Auch diese Marke setzt verstärkt auf eigene Läden – im Sommer eröffnet einer am Kurfürstendamm. Auch die rasante Entwicklung des Onlinehandels macht Karl-Heinz Müller Sorgen.

Müller muss in Berlin bleiben. Er hat 2009 einen Zehn-Jahres-Vertrag mit Option auf weitere zehn Jahre für den ehemaligen Flughafen Tempelhof unterschrieben. Nun ist er gebunden – und schreibt manchmal Briefe. Grit Thönnissen

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