Notaufnahmelager Marienfelde : Das Wartezimmer zur Freiheit

Vor 60 Jahren öffnete das Notaufnahmelager Marienfelde. DDR-Flüchtling Wilfried Seiring erinnert sich an die 16 Tage voller Hoffen und Bangen – und Läusepuder.

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Angekommen. Bis zum Ende der DDR kamen 1,35 Millionen Flüchtlinge nach Marienfelde. Das Bild stammt von 1961. Foto: Ullstein/Georgi
Angekommen. Bis zum Ende der DDR kamen 1,35 Millionen Flüchtlinge nach Marienfelde. Das Bild stammt von 1961. Foto:...Foto: ullstein bild

Sie haben ihn ja richtig rausgegängelt, diese Typen mit dem Parteiabzeichen am Revers, die glaubten, die stalinistische Weisheit mit Löffeln gefressen zu haben. Wären sie nicht gewesen – aus Wilfried Seiring hätte damals vielleicht ein braver Kämpfer für den Frieden und ein guter Lehrer werden können. Aber so?

Der Junge aus Frankfurt (Oder) kommt als begeisterter FDJler 1954 an die Ernst- Moritz-Arndt-Universität Greifswald, um Germanistik und Geschichte zu studieren. Er wird Seminargruppensekretär der Jugendorganisation. Aber dann enthüllt Nikita Chruschtschow die Verbrechen Stalins, und auch in Ungarn wird – nach dem 17. Juni 1953 in der DDR – die Sehnsucht nach einem freien Leben von Panzern niedergewalzt. Das empört den Mann. Er entwirft eine Resolution, die mit 49:1 Stimmen angenommen wird, schickt sie an alle Hochschulgruppen der DDR und fordert darin die Solidarität mit den um Meinungs-, Versammlungs- und Pressefreiheit kämpfenden ungarischen Kommilitonen. Das reicht für ein Disziplinarverfahren und für eine Exmatrikulation. „Der Student wird im Interesse seiner menschlichen Weiterbildung vom Studium ausgeschlossen“, er soll sich in der Produktion bewähren. Auch die SED wirft in raus, denn „... seine feindliche Tätigkeit zeigt sich darin, daß er Gegner jeder Gewalt ist und somit die Diktatur des Proletariats ablehnt“.

Das Notaufnahmelager Marienfelde
Für viele DDR-Flüchtlinge die erste Anlaufstelle nach der Flucht in den Westen: das Notaufnahmelager Marienfelde.Alle Bilder anzeigen
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09.04.2013 17:42Für viele DDR-Flüchtlinge die erste Anlaufstelle nach der Flucht in den Westen: das Notaufnahmelager Marienfelde.

Der Friedensfreund packt ein Köfferchen und fährt im Morgengrauen des 7. Mai 1957 nach Berlin. In der Schuhsohle hat Wilfried Seiring die Kleinbild-Negative mit seinen Zeugnissen versteckt. Sein Herz schlägt bis zum Hals, als der Bahnhof Friedrichstraße hinter ihm verschwindet: Alles geht gut. Am Zoo steigt er aus und fragt sich zum Notaufnahmelager Marienfelde durch. „Ich wusste: Du bist in der Freiheit angekommen, aber du gehst in ein Niemandsland“. Die neuen Lebensumstände in den schmucklosen dreistöckigen Häusern an der Marienfelder Allee dämpfen die Freude, im Westen zu sein. Alles ist anders und neu. Am 9. Mai wird er 22 Jahre alt. Keine Feier, kein Gratulant, nichts. Nur Hoffnung. „Es war der einsamste Geburtstag meines Lebens“. Das neue Dasein in einem total überfüllten Lager ist der Preis der Freiheit. „Einerseits möchtest du dich mit anderen austauschen, die eigene Geschichte erzählen und von anderen hören, was sie hierhergebracht hat“, erinnert sich Seiring heute, „andererseits gab es dauernd Lautsprecherdurchsagen mit der Bitte, gegenüber anderen nicht über seinen ,Fall’ zu sprechen, denn die Stasi hatte auch hier ihre Ohren“. Man schätzt heute, dass zehn Prozent der DDR-Flüchtlinge, die durch das Lager gekommen sind, von der Staatssicherheit geschickt waren. In den Stasi-Akten fand sich übrigens die haargenaue Skizze des Zimmers, in dem die CIA die geflohenen DDR-Menschen ausforschte, eine Prozedur, bei der die drei Alliierten ihre Spezialisten einsetzen und jeden Neuankömmling in ihrer „Sichtungsstelle“ nach persönlichen Umständen, nach seinem Betrieb und seinen Fluchtgründen befragen. Flüchtling Seiring sollte sagen, wo die Rote Armee in Greifswald ihre Kasernen hatte und wie die Nationale Volksarmee untergebracht und bestückt war. „Woher sollte ich das wissen? Dafür habe ich mich nie interessiert. Schließlich ließen die neugierigen Geheimdienstler erkennen, dass sie auch ohne mich schon alles wussten.“

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