Notunterkünfte am Olympiapark : Landessportzentrum beherbergt jetzt 1000 Flüchtlinge

Am Donnerstagmorgen trafen die ersten 500 Flüchtlinge am Olympiapark ein, weitere 500 folgten am Nachmittag. Dort trainierende Sportler traf die Beschlagnahmung der Hallen über Nacht unvorbereitet.

Nándor Hulverscheidt
Die angelieferten Feldbetten im Körber-Sportzentrum am Donnerstagvormittag.
Die angelieferten Feldbetten im Körber-Sportzentrum am Donnerstagvormittag.Foto: Nándor Hulverscheidt

Feldbetten statt Gymnastikmatten: 500 Flüchtlinge sind seit Donnerstagvormittag im Horst-Korber-Sportzentrum am Olympiapark untergebracht. Sechs Doppelstockbusse der BVG brachten sie in Begleitung der Polizei ans Ziel, weitere 500 Flüchtlinge trafen am späten Nachmittag ein und wurden direkt nebenan in der Rudolf-Harbig-Halle untergebracht. Ein Krisenstab der Senatsverwaltung hatte am Vorabend entschieden, die Anlagen an der Glockenturmstraße als Notunterkünfte zu nutzen. "Wir wurden im Grunde über Nacht informiert und unsere Mitarbeiter arbeiten seit dem frühen Morgen daran, die Sportstätten für die Flüchtlinge herzurichten", sagte Friedrich Kiesinger von der gemeinnützigen Albatros GmbH, die in beiden Hallen für den Betrieb verantwortlich ist. Die Flüchtlinge mussten zunächst einige Zeit auf dem Rasen für dem Sportzentrum warten - denn bevor die Feldbetten in der Halle verteilt und bezogen werden konnten, musste noch der Boden zum Schutz des Materials und der Feldmarkierungen abgeklebt werden.

Bundeswehr-Lkw lieferten die Feldbetten

Allerdings war die Situation für die Wartenden dieses Mal deutlich entspannter als für diejenigen, die jüngst in der Hitze vor dem Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso) kampieren mussten: Sowohl Wasser als auch Nahrungsmittel standen in kurzer Zeit auch von offizieller Seite zur Verfügung. Zudem unterstützten Dutzende ehrenamtliche Helfer aus dem Kiez und von der lokalen Initiative "Willkommen im Westend" das Rote Kreuz und die Feuerwehr bei der Versorgung der Flüchtlinge vor dem Sportzentrum. Mehrere Lkw der Bundeswehr lieferten im Tagesverlauf Feldbetten an. Ebenso waren Helfer von der Organisation "Ein Herz für Kinder" vor Ort: Sie verteilten 250 Lunchpakete mit Sandwiches, Brezeln, Äpfeln und Schokoriegeln unter den Flüchtlingen.

Erschöpft, aber auch froh: Flüchtlinge steigen am Olympiapark aus den BVG-Bussen.
Erschöpft, aber auch froh: Flüchtlinge steigen am Olympiapark aus den BVG-Bussen.Foto: Nándor Hulverscheidt

Kurz vor Mittag machte sich auch Bezirksbürgermeister Reinhard Naumann ein Bild von der Lage am Olympiapark: „Unser Bezirk und die ehrenamtlichen Helfer sind weiterhin stark gefordert", so sein Fazit. Insgesamt würden nun 3000 Flüchtlinge in Charlottenburg-Wilmersdorf leben. Die in den Hallen am Olympiapark untergebrachten Menschen sollen in den nächsten Tagen erst einmal registriert werden - dabei geht es noch nicht um die Prüfung des Asylanspruchs sondern darum, die genaue Anzahl von Kindern, Frauen und Männern festzustellen. Zudem werde man umfangreiche medizinische Checks durchführen, sagte der Sozialstadtrat des Bezirks, Carsten Engelmann (CDU). Viele der Asylsuchende seien nach der langen Flucht in bedenklich schwacher Verfassung.

Mit drei Kindern flüchtete Maryam Al Bosh aus Syrien

Viele der Flüchtlinge vom Vormittag erzählen, sie seien aus Syrien. So auch Maryam Al Bosh, die mit ihrem Ehemann Radoun (40) und ihren drei Kindern Maja (3), Omar (4) und Emad Al Dein (8) unter dem Bäumen vor der Halle auf einer eilig herbeigeschafften Sportbank sitzt. Die 30-Jährige erzählt, wie sie zunächst in die Türkei reisten und von dort mit dem Boot zur griechischen Insel Skyros aufbrachen. Von Griechenland aus nahm die Familie dann die Balkanroute nach Deutschland. 15 Tage seien sie unterwegs gewesen, sagt Al Bosh. "Ich wollte die Flucht für die Kinder so schnell wie möglich schaffen". Als sie erzählt, dass viele ihrer Verwandten noch in der syrischen Hauptstadt Damaskus seien, stockt ihre Stimme. Dass auch die Augen ihres Ehemanns Radoun feucht werden, obwohl er kaum ein Wort der auf englisch geführten Unterhaltung versteht, sagt mehr als Worte.

Mohamed Almansour floh wie Familie Al Bosh aus Damaskus, zusammen mit seiner Mutter. Sein Weg führte ihn über die Türkei und die Balkanstaaten zunächst nach Ungarn. Der 19-Jährige, der ein Semester seines Ölingenieursstudiums in Dubai absolviert hat, spricht gut Englisch: "In Ungarn trafen wir zunächst auf den Zaun, wir konnten aber an einer Stelle über Eisenbahnschienen die Grenze überqueren." Danach seien sie allerdings von Polizisten festgenommen worden und hätten drei Tage ohne Essen und Trinken in Ungarn verbracht. "Schlechtes Land, schlechte Menschen", so lautet das harte Urteil von Almansour.

Almansour will sein Studium vielleicht in Skandinavien fortsetzen

Schließlich habe er mit dem Zug von Budapest nach Wien und von dort aus nach Berlin fahren können - in Österreich und Deutschland habe er erstmals seit langem nette Menschen getroffen. "Ich hoffe, dass ich hier in Europa irgendwann mein Studium fortsetzen kann, vielleicht in Skandinavien", sagt Almansour. Zunächst aber, das wiederholt er immer wieder, möchte er mit seiner Mutter nach München fahren, wo sein Onkel und seine Tante bereits Asyl erhalten haben. In Syrien zurückgeblieben ist sein Vater. Wie es ihm geht, weiß Almansour momentan nicht, fast zwei Wochen hat die Flucht von Damaskus nach Berlin gedauert. "In Syrien ist es so", beschreibt es Almansour trocken, "du sitzt einfach zu Hause und wartest auf eine Explosion oder die Schüsse der Terroristen."

Trainierende Sportler wurden kalt erwischt

Die Sportler, die normalerweise in dem Leistungszentrum des Landessportbundes trainieren, wurden von der Beschlagnahmung der Hallen kalt erwischt. Während es sich beim Horst-Korber Sportzentrum um eine Mehrzweckhalle handelt, die relativ schnell hergerichtet werden konnte, musste in der auf Leichtathletik ausgerichteten Rudolf-Harbig-Halle erst einmal aufgeräumt werden. "Zu den Stoßzeiten im Winter wären hier 150 bis 300 Sportler drin", sagte ein Trainer des Landessportbundes. Etwas perplex war auch 100-Meter-Sprinter Lucas Jakubczyk, der dort eigentlich seine Olympiavorbereitung geplant hatte. Nicht etwa "von Oben", sondern von einem Trainingskollegen hatte er die Nachricht erhalten. „Ich habe gerade beim Olympiastützpunkt angerufen , da wissen sie von nichts“, sagte der 30-Jährige, während er am Vormittag seine Sachen aus der Halle holte. Eine Alternative gibt es noch nicht, weder für den Nachwuchs noch die Spitzensportler wie Lucas Jakubczyk.

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