Berlin : Original DDR

Eine neue Dauerausstellung in Eisenhüttenstadt widmet sich dem Ost-Alltag Vor allem die junge Generation kann hier unbekannte Lebenswelten erkunden.

von
Andere Seiten der Medaillen. An Auszeichnungen herrschte kein Mangel in der DDR.
Andere Seiten der Medaillen. An Auszeichnungen herrschte kein Mangel in der DDR.Foto: ZB

Eisenhüttenstadt - Kinder und Jugendliche können wahrscheinlich mit dem selbstgebauten Gerippe aus Stahl, Aluminium und einem dünnen Kabel gar nichts mehr anfangen. Dabei standen die meist über zwei Meter langen Konstruktionen bis vor etwas mehr als zwei Jahrzehnten tausendfach auf und unter Dächern im ganzen Osten Deutschlands, von Ost-Berlin und den unmittelbaren Orten an der innerdeutschen Grenze einmal abgesehen. Mit diesen Antennen sollte das Westfernsehen empfangen werden, was je nach Wetter und Stärke der Störsender vor allem in Ostsachsen und zwischen Rügen und Usedom mal mehr und mal weniger gut gelang. Anderswo waren die Tüftler immerhin so erfolgreich, dass in den 60er Jahren die Jugendorganisation FDJ regelrechte Stoßtrupps losschickte, um die sogenannten Ochsenköpfe von den Dächern zu holen. „Lieber Hörer sei kein Tropf, runter mit dem Ochsenkopf“, lautete damals das Motto.

Diese und hunderte andere Geschichten werden in der neuen Dauerausstellung „Alltag: DDR“ im „Dokumentationszentrum Alltagskultur der DDR“ in Eisenhüttenstadt lebendig. Schließlich werden in der ersten Etage eines ehemaligen Kindergartens 650 Exponate aus den Jahren 1950 bis 1990 gezeigt. Zehn thematisch gestaltete Räume geben Auskunft über das Leben in jenen Jahrzehnten zwischen Ostseeküste und Erzgebirge. Leiter des des 1993 eröffneten Museums ist Andreas Ludwig, der in seinem Haus vor allem die junge Generation mit den Lebenswelten im Osten bekannt machen will. Er spricht dabei ganz bewusst vom „Erarbeiten“. Im Unterschied zu anderen DDR- Museen ziele die 600 000 Euro teure Ausstellung nicht auf „Unterhaltung und schnelles Amüsement über nostalgische Erinnerungen“, sagt der Historiker. „Wir wollen einen ‚Haken im Gehirn‘ setzen.“

Man sollte sich also Zeit nehmen, um sich in den einzelnen Themen wie „Familie“, „Kommunikation“, „Lebensweise“ oder „Milieus“ anhand von Texten in Deutsch und Englisch, Wort- und Bilddokumenten oder kleinen Geschichten per Computer und Audioguide zu vertiefen. Natürlich fehlen Klassiker nicht, wie das „Schwalbe“-Moped oder das „Ata“-Scheuermittel“, aber auch Spielsachen, Urkunden und Orden oder die „Töpfchenparade“ aus Kinderkrippen sind zu sehen. Wer eine Telefonzelle der Deutschen Post der DDR öffnet, hört das Geräusch eines vorbeifahrenden Trabbis. Aber auch an den zinslosen Ehekredit in Höhe von 5000 Mark, der ab 1972 mit der Geburt von Kindern „getilgt“ werden konnte, oder an das wahlweise von Müttern und Vätern nutzbare und bezahlte „Babyjahr“ wird erinnert. Sogar ein Toilettenpapier für 50 Pfennig oder Haarspray der Marke „Action“, das einst 11 DDR-Mark kostete, stehen in den Vitrinen.

Die Auflösungserscheinungen der DDR dokumentieren unter anderem verbotene Aufnäher „Schwerter zu Pflugscharen“, Anstecker der Friedensbewegung und Fotos von Protesten gegen die Umweltverschmutzung.

Zumindest Museumsdirektor Ludwig hofft, dass die neue Ausstellung „mindestens zehn Jahre“ zu sehen ist. Dabei könnten schon Anfang nächsten Jahres die Lichter im Ausstellungsgebäude ausgehen. Die Stadt Eisenhüttenstadt will angesichts der desolaten Haushaltslage den jährlichen Zuschuss von 76 700 Euro kappen. In diesem Fall scheidet auch der Landkreis Oder-Spree aus dem Kreis der Finanziers aus, der bisher 55 000 Euro überweist. Das Land Brandenburg, das mit 90 000 Euro bisher die Hauptlast trägt, hält sich bislang noch mit der Entscheidung zurück. „Im März sollen weitere Gespräche stattfinden“, kündigt Ludwig an. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass man solche Orte der Auseinandersetzung mit der Geschichte einfach schließt.“. Die 600 000 Euro teure Ausstellung war über eine „Projektförderung“ von Bund und Land finanziert worden. Claus-Dieter Steyer

Dokumentationszentrum Alltagskultur der DDR, Erich-Weinert-Allee 3, dienstags bis sonntags 11 bis 17 Uhr, Begleitbuch zur Ausstellung vom Christoph-Links-Verlag für 19,90 Euro. Weitere Informationen unter www.alltagskultur-ddr.de

Autor

1 Kommentar

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben