Ortstermin : Verwaltungsgericht auf Bordellbesuch

Ortstermin im Bordell: Juristen wollten bei einer Besichtigung klären, ob Prostitution in einem Wilmersdorfer Wohnhaus zulässig ist.

Patricia Hecht
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Indiskreter Besuch. Verwaltungsrichterin Annegret von Alven-Döring kam im roten Mantel zum Termin in die Ringbahnstraße....

Normalerweise soll es hier möglichst diskret zugehen. Heute jedoch haben sich schon morgens um neun etwa 30 Menschen vor dem Wohnungsbordell in der Wilmersdorfer Ringbahnstraße zu einer Ortsbesichtigung versammelt. Gekommen sind Vertreter des Berliner Verwaltungsgerichts, zwei Streitparteien und eine Menge Journalisten, um den „Salon Prestige“ als Gegenstand eines Gerichtsverfahrens in Augenschein zu nehmen.

Zur Verhandlung steht die Frage, ob Prostitution hier zulässig ist oder nicht. Die Vorsitzende Richterin Annegret von Alven-Döring, eine schmale Frau mit knallrotem Mantel, führt die versammelte Schar um den Salon im Erdgeschoss des Gebäudes: „Einige Gewerbebetriebe, Arztpraxen, Gaststätten“, diktiert sie mit Blick auf die Umgebung fürs Protokoll. Das Bordell selbst befindet sich aber in einem Wohnhaus. Obwohl sie von ihren Nachbarn nie Beschwerden erhalten habe, sagt die 42-jährige Klägerin Kerstin Berghäuser, würden ihr vonseiten des Bezirksamts „milieubedingte Begleiterscheinungen“ unterstellt – Kondome im Hausflur etwa, oder betrunken grölende Freier. Kondome liegen zumindest heute Vormittag nicht im Eingang, und Alkohol schenke sie gar nicht erst aus, sagt Berghäuser.

Seit vier Jahren betreibt sie das Bordell in der Nähe des Ku’damms. Nach Meinung des Baustadtrats Klaus-Dieter Gröhler (CDU) hat es hier jedoch nichts zu suchen. „Wir befinden uns in einem klassischen Wohngebiet“, sagt Norbert Gloge-Faltus, der für das Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf vor Ort ist. Im Baunutzungsplan steht das allerdings anders: Hier wird die Gegend, in der sich das Bordell befindet, als sogenanntes Mischgebiet ausgewiesen. Genau das ist der strittige Punkt.

Während in den vergangenen Jahren einige kleinere Berliner Bordelle in reinen Wohngebieten per Einstweiliger Verfügung dichtgemacht wurden, wird nun in einem ersten Hauptsacheverfahren über die „Androhung der Nutzungsuntersagung“ des Salons Prestige durch das Bezirksamt entschieden. Geklärt werden muss, ob die Ausnahmeregelung, die in Mischgebieten für gewerbliche Nutzungen gilt, für diesen Fall greift oder nicht. Das hängt insbesondere davon ab, ob Anwohner durch das Bordell belästigt werden. Gleichgültig, wie die Sache ausgeht: „Der Fall wird Signalwirkung haben“, sagt die Anwältin der Klägerin.

Einen Eindruck vom Salon Prestige erhielten die Besucher am Dienstag aber nur von außen – was drinnen passiert, ist für den Baunutzungsplan ja zunächst einmal gleichgültig. Acht Zimmer seien vorhanden, „Beischlafzimmer“, wie Norbert Gloge-Faltus die Räume nennt. Die versammelte Menge lacht über die Wortwahl: Der Termin am frühen Morgen, die trockene juristische Sprache und der Streitgegenstand bilden eine etwas komische Konstellation.

Von den Beischlafzimmern ist von außen nichts zu sehen. In der Fensterfront der ehemaligen Ladenfläche hängen blickdichte dunkelblaue Lamellenvorhänge. Leuchtreklame fehlt, nur ein kleines Messingschild weist auf geregelte Öffnungszeiten und auf den Eingang um die Ecke hin. Die Menge drängt sich in den schmalen Hausflur. Erst hier verrät einiges die „prostitutive Einrichtung“: Zwar hängen graue Briefkästen an der Wand, aber die Innentür zum Bordell ist knallrot gestrichen. In die Fußmatte ist „Salon Prestige“ gewebt.

Eine Stunde später versammelt sich die Exkursionsgruppe im Saal 4304 des Verwaltungsgerichts Moabit. Der zuständige Polizeihauptkommissar sagt aus, seine Erfahrung mit der „Verkehrsüberwachung“ betreffe eher die Halteschilder, Beschwerden habe es wegen der Einrichtung nie gegeben. Eine Sozialarbeiterin lobt den „sauberen Betrieb“, Studien über Wohnungsbordelle in Wohn- und Mischgebieten werden herangezogen.

Ein Urteil wird erst für Mittwochnachmittag erwartet. Beide Seiten sollen bereits angekündigt haben, im Fall einer Niederlage in Berufung zu gehen.

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