Personalmangel in Berliner Kliniken : Wir bräuchten sofort 50 Pfleger mehr

Zu wenig Geld, marode Bauten, fehlende Fachkräfte - für Pfleger heißt es dennoch tagtäglich: wickeln, waschen, Blutdruck messen. Vom Alltag einer Krankenschwester.

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Personalmangel: Wo vor zehn Jahren fünf Krankenschwestern im Einsatz waren, müssen heute drei reichen.
Personalmangel: Wo vor zehn Jahren fünf Krankenschwestern im Einsatz waren, müssen heute drei reichen.Foto: dpa

Seit zwölf Minuten ist sie in der Toilette verschwunden, als eine schrille Klingel ertönt. Im Zimmer II gegenüber braucht jemand Hilfe. Aber sie kann jetzt nicht. Sie hilft Herrn W., der zittert, seit er vor einer Weile 80 Jahre alt geworden ist. „Komme gleich“, brüllt Andrea. Es dauert noch mal sieben Minuten, bis sie Herrn W. die Hose hochzieht, die Gummihandschuhe wegschmeißt, sich Desinfektionsmittel aus dem Spender in die Hände drückt und über den Flur des Krankenhauses hastet.

Draußen scheint die Sonne, in den Bäumen toben Vögel, der Berliner Frühling holt Versäumtes nach. Drinnen ächzen Elektrogeräte, Rufe werden in den langen Fluren des Betonbaus verschluckt. Rund 600 Betten stehen hier, die meisten sind belegt. Im Schnitt wechseln die Patienten darin alle acht Tage. Dazu kommen täglich bis zu 300 ambulante Fälle ins Haus, durch das in jeder Schicht 140 Pflegekräfte eilen. Unter ihnen Andrea.

Die meisten Berliner Krankenhäuser haben die gleichen Probleme

In Wirklichkeit heißt sie anders, genauso wie ihre Kollegen. Sie sollen so anonym bleiben wie die Klinik, in der sie arbeiten. Um welche es sich handelt, ist insofern egal, als die meisten Berliner Krankenhäuser über die gleichen Probleme klagen: zu wenig Geld, marode Bauten – und fehlende Fachkräfte.

Kurz vor 6.30 Uhr beginnt Andrea – Mitte 30, ziemlich klein, ziemlich spitze Nase – an diesem Tag mit der Schicht. In den nächsten acht Stunden wird sie für 16 Männer und Frauen verantwortlich sein. Sie wird sie wickeln, waschen, ihnen Tabletten geben, ihre Werte messen. Sie wird sich von verwirrten Patienten eine „Schlampe“ nennen lassen, sich 150 Mal mit Desinfektionsmittel besprühen, Angehörige beruhigen und mitschreiben, was der Arzt diktiert. Aber erst mal passiert ihr das mit dem Handschuh.

Ein voll belegtes Vier-Bett-Zimmer. Verbandswechsel bei Harald aus Wedding, 50 Jahre, fleckige Haut, frohes Gemüt. Was Harald hat, sagt Andrea nicht, nur so viel: Er ist oft hier. Der Verband, den sie von seinem Bauch löst, ist in öliges Gelb getaucht. Eiter. Harald scheint das nicht zu stören. „Allet jut?“, fragt er Andrea und grinst. Sie lächelt nur. „Keenen Bock uff Quatschen, wa?“ Harald mag es hier. Sonst sitzt er oft auf den Bänken am Leopoldplatz.

Personalmangel in der Klinik: Die Schwester ist für 16 Patienten allein verantwortlich

Ein Kollege stürmt ins Zimmer, wedelt mit einem Klemmbrett: „Kannst du meine Schicht nachtragen!?“ Andrea nickt. Pfleger Max war die ganze Nacht mit den 31 Kranken auf der Station allein, er will nach Hause. Andrea klebt einen frischen Verband auf Haralds Haut. Da klopft Max noch mal, eine aufgeregte Anruferin verlange nach Andrea. Sie streift die feuchten Handschuhe ab, nimmt das Klemmbrett wie einen Staffelstab, rennt ins Schwesternzimmer, greift zum Telefon. Nach dem Gespräch hält sie kurz inne. Wo war ich? Ah, Zimmer III, da liegt noch die Materialbox.

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