Berlin : Philipp Abresch verteilte Einwegkameras im Kosovo für einen ungeschönten Blick

Philipp Lichterbeck

Das Haus auf der anderen Straßenseite ist mit Einschusslöchern übersät. "Wenn ich solche Häuser sehe, denke ich automatisch an die Bilder, die die albanischen Kinder gemalt haben", sagt Philipp Abresch, der aus dem Fenster seiner Wohnung in Neukölln schaut. "Auf einem war ein Wohnzimmer mit gedecktem Tisch zu sehen", sagt er weiter, "das Essen dampft noch, aber die ganze Familie liegt mit zerschossenen Bäuchen auf dem Fußboden."

Der 24-Jährige, der Politologie an der FU studiert, war im Sommer in einem Flüchtlingslager in Mazedonien an der Grenze zum Kosovo. Während über ihren Köpfen die Nato-Bomber in Richtung Jugoslawien donnerten, verschenkte er Papier und Kreide an die Kinder im Lager. Die meisten freuten sich über die Abwechslung und begannen eifrig die Erlebnisse ihrer Flucht zu malen. "Nur ganz wenige der Kinder waren wie gelähmt, konnten weder reden noch malen", erinnert sich Abresch. Entstanden sind Bilder, die meist ein Motiv zeigen: zerteilte Körper, Menschen aus denen die Gedärme quellen, Blut. Aber auch Bilder, die von Hoffnung zeugen, waren darunter: ein Himmel voller Herzen, blühende Blumen.

Als Abresch mit einem Koffer voller Blätter nach Berlin zurückkehrte, war er fest entschlossen, die Bilder auszustellen. Doch dann überschlugen sich die Ereignisse, die serbische Armee räumte den Kosovo, und die Albaner kehrten heim. Abresch wollte die veränderte Situation nutzen, um sein Experiment zu wiederholen. Begleitet von einem kosovarischen Künstler, der in Berlin lebt (und anonym bleiben will), flog er in einer Bundeswehrmaschine nach Pristina. Diesmal hatte er hundert Einwegkameras im Gepäck, die er an Kinder zwischen acht und vierzehn Jahren in Prizren, Djakova und Pristina verteilte. "Fotografiert was ihr wollt, Schönes, Spannendes, Hässliches, euren Lieblingsspielplatz, eure Freunde, eurer Haus", gab Abresch ihnen mit auf den Weg, bevor sie mit den Kameras losflitzten.

"Die Pressefotos sehen doch alle gleich aus, ich wollte den ehrlichen Blick der Kinder. Und ich wollte den Kindern zeigen, dass ihre Meinung zählt und dass man sie ernst nimmt". Für jede vollgeknipste Kamera, die die Kinder ablieferte, schenkte Abresch ihnen eine neue. Die Fotos, die herausgekommen sind, unterscheiden sich deutlich von den Malereien: Zwar zeigen auch sie zerstörte Häuser und verbrannte Autos, aber von Trauer und Verzweiflung ist nicht viel zu sehen. Eher wird die kollektive Euphorie eines ganzen Volkes sichtbar. Die Kinder fotografierten sich gegenseitig, sie lachen, laufen Rollschuh, gießen Blumen oder spielen auf den Trümmern einer zerstörten orthodoxen Kirche; auf anderen Fotos weht die schwarz-rote Flagge Albaniens oder KFOR-Soldaten schauen von ihren Lastwagen hinunter zu den kleinen Fotografen.

"Diese Aufnahmen beschreiben die Situation im Kosovo besser als alle Fernsehbilder", findet Abresch, "weil sie von den empfindlichsten Opfern dieses Krieges kommen." Abresch hat aus den Opfern Beobachter und Interpreten gemacht. Doch merkwürdigerweise scheint er kaum stolz darauf zu sein, so als wäre es normal gewesen, im Sommer auf den Balkan zu reisen. "Wir wollten den Kindern ein Forum bieten, sich zu artikulieren, wo ihnen die Worte fehlen", beschreibt er seine Motivation.

Das Engagement entspricht einer gewissen Logik. Sein Wehrdienst, den er bei "Radio Andernach", einem Bundeswehrsender, absolvierte, führte ihn mit der SFOR nach Sarajevo. Von da an ließ ihn der Balkan nicht mehr los. Nach dem Wehrdienst machte Abresch ein Praktikum bei der "Sendung mit der Maus", inzwischen ist er freier Mitarbeiter bei "Kakadu", einer Kindersendung von Deutschlandradio: "Ich freue mich halt darüber, wie sich Kinder noch wundern können, das geht den Erwachsenen doch irgendwann völlig ab."

Aus den rund 1500 Fotos aus dem Kosovo und den über 600 Gemälden aus Mazedonien will der Wahl-Neuköllner eine Wanderausstellung erstellen. Ergänzt werden soll die Schau durch sechs Stunden Tonaufnahmen von Interviews, die Abresch mit den albanischen Kindern geführt hat. Jedes Bild wird so durch eine Stimme und eine Erzählung ergänzt. Anfragen aus Rostock und München gibt es bereits. "Die Leute hier sollen sich den Krieg im Kosovo mal mit anderen Augen anschauen; Kinderaugen sehen oft ein bisschen mehr."

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