Platz-Initiativen : Weg mit all dem Beton
01.07.2012 00:00 UhrUlrich Rosenbaum ist zugewanderter Berliner mit festem Zweitwohnsitz in Montepulciano, Italien. Der Ex-Stern-, Ex-Bild- und Ex-Panorama-Journalist mit buschigen Augenbrauen und kräftiger Statur betreibt die Webseite „Toskana-Freunde“, engagiert sich für „Slow food“, fördert die Domäne Dahlem und noch -zig andere sinnvolle Einrichtungen. Rosenbaum mag es, wenn festgefügte Dinge in Bewegung geraten. Jetzt hat er sich eine Brücke vorgenommen, eine robuste Autobahnbrücke, erbaut Mitte der 70er Jahre: Das Ding soll weg.
Klingt erst mal absurd. Autobahnbrücken sind nicht schön, dafür nützlich. Die Brücke, die Rosenbaum abreißen möchte, hatte aber nie einen wirklichen Mehrwert.
Sie führt Autos in Höhenlage über den Breitenbachplatz, dahinter hört sie einfach auf, entlässt ihre Last per Rampe in die Schildhornstraße. Der geplante Weiterbau bis zur Westtangente in Steglitz kam wegen Anwohnerprotesten nicht mehr zustande. Eigentlich ist allen klar, dass die Brücke wenig Sinn ergibt, die Sicht verstellt und den Platz verschattet, aber man hatte schließlich Jahrzehnte Zeit, sich daran zu gewöhnen.
Ulrich Rosenbaum wohnt seit 1999 in der Nähe und will sich nicht gewöhnen. Er ging zum SPD-Landesparteitag, sprach den Verkehrsstaatssekretär Christian Gaebler an. Der habe sich positiv geäußert. Über einen Abriss werde in der Partei schon länger diskutiert, sagt auch die SPD-Abgeordnete Ina Czyborra, die am Breitenbachplatz aufgewachsen ist. Hans Stimmann, ehemaliger Senatsbaudirektor, ebenfalls in der SPD, würde sogar den gesamten Schmargendorfer Autobahnabzweig der ehemaligen A 104 abreißen und so der „hypertrophen Wohnmaschine“ an der Schlangenbader Straße, die auf einer Länge von 600 Metern über die Autobahn gebaut wurde, den „Anschein von Fortschrittlichkeit“ nehmen.
Damit hat er sich mitten in die Debatte um die Architektur der Nachkriegsmoderne begeben. Die „autogerechte Stadt“ mit ihren Monumenten wie ICC, Bierpinsel und eben der Schlangenbader Straße hält Stimmann für einen Irrweg. Jüngere Architekten, Designer und Kunsthistoriker begeistern sich dagegen an dem ungebrochenen Fortschrittsglauben dieser Zeit. Kerstin Wittmann-Englert, Kunsthistorikerin an der TU, verfasste kürzlich eine Art Ehrenerklärung für das Stadtkonzept der sechziger und siebziger Jahre. „Diese Bauten sind mit und für den Verkehr geplant, ihre ästhetische Gestaltung auch auf die Perspektive aus Fahrersicht ausgerichtet.“ Darin liegt vielleicht der Kern des Problems. Autofahrer nehmen die Bauten in kurzer Zeit aus vielen unterschiedlichen Perspektiven wahr, die Anwohner schauen jedoch immer auf dieselben ausdruckslosen Betonflächen und vergleichen sie mit den Schwarzweißfotos kleinteiliger, für den Spaziergänger gemachter Architektur von früher.

















