Homophobie : Was schwule Muslime in Berlin erleben

Es gibt hier viele Menschen wie mich, sagt Bali Saygili und meint: schwule Muslime oder Migranten. Und doch gelingt es nur wenigen, ihre Sexualität offen zu leben. Zu groß ist die Angst - vor Diskriminierung und Gewalt.

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Der Berliner Bali Saygili hatte Glück: Seine Eltern hatten mit seiner Homosexualität nie ein Problem.
Der Berliner Bali Saygili hatte Glück: Seine Eltern hatten mit seiner Homosexualität nie ein Problem.Foto: DAVIDS/Sven Darmer

Es sind die schwarzen Haare, die so schön glänzen, wenn Sonnenstrahlen auf sie fallen. Diese Haare liebt er so an ihr. Und natürlich ihre Augen, mandelbraun, mit diesem speziellen Schimmer. Und dieses herzliche Lachen. Deshalb, sagt Farid (Name geändert), deshalb liebe er Marie. Seit 18 Monaten sind sie schon zusammen

So erzählt er es seinem Vater und seiner Mutter. Er hat Marie seiner Familie vorgestellt, den Eltern, den Geschwistern. Und seine Eltern freuen sich mit ihm. Sie müssen ihn jetzt nicht mehr umbringen. Er hat ja jetzt eine Freundin. Er kann nicht mehr homosexuell sein.

Farid erzählt allerdings nicht, dass alles nur Show ist, dass er in Wirklichkeit eine Beziehung mit einem 22-jährigen Mann hat, dass Marie lesbisch ist und nur ihrem verzweifelten Bekannten Farid einen Gefallen tut.

Dann kam die Morddrohung des Vaters

Vor drei Jahren war Farid ehrlich, da hat er seiner Mutter erzählt, dass er schwul ist. Die Mutter hatte doch immer alles so gut verstanden, sie liebt doch ihren Sohn, so hat Farid damals gedacht. Dann kam die Morddrohung des Vaters und der Satz: „Wenn du eine Freundin hast, ist die Drohung vergessen.“ Die Eltern kommen aus Algerien, seit vielen Jahren leben sie in Berlin.

Farid hat schwarze Locken, das T-Shirt spannt sich um muskulöse Oberarme, aber die Gesichtszüge haben etwas Weiches. Farid will seinen echten Namen nicht verraten, man darf ihn nicht identifizieren, es wäre zu gefährlich. Der 24-Jährige sitzt auf einem weißen Sofa, vor sich einen Couchtisch, ein Glas Wasser in Reichweite. Das Beratungszimmer des Zentrums für Migranten, Lesben und Schwule, kurz Miles, in den Büroräumen des Lesben- und Schwulenverbands (LSVD) in Schöneberg ist gemütlich eingerichtet.

Bei einer Frage verliert Farids Gesicht das Weiche, das Sanfte. Jetzt ist nur noch Härte zu sehen, in den Augen, in der Mimik. Wie ist der Alltag eines homosexuellen Muslims in Berlin? Farid zuckt, als wäre ein Stromstoß durch seinen Körper gefahren. „Schrecklich“, sagt er. Dann noch mal: „schrecklich“. Insgesamt sechs Mal: „schrecklich“.

Und jetzt noch: Orlando

Für viele homosexuelle Muslime ist es ein Leben in Angst. Morddrohungen, Zwangsheirat, Schläge, Exorzismus, wüsteste Beleidigungen, permanente Kontrolle durch die Familie, das ist der Preis, den sie zahlen, wenn ihre Homosexualität bekannt oder auch nur vermutet wird. Im Weltbild dieser Muslime ist Homosexualität „haram“, frei übersetzt: Sünde. Sie bringt Schande über die Familie. Auch in Farids Gesicht landete eine Faust - die seines Vaters.

Und jetzt noch Orlando, Florida, das Massaker im Nachtclub „Pulse“, Treffpunkt für Lesben und Schwule. 49 Tote. Der Täter: ein Muslim mit US-Pass, erfüllt vom Hass auf Homosexuelle.

„Bei mir haben sich nach Orlando mehrere Männer gemeldet, Migranten“, sagt Jouanna Hassoun, „sie haben Angst. Sie sagen, es sei jetzt gefährlich in Berlin.“ Jouanna Hassoun sitzt neben Farid, eine Frau mit wilden schwarzen Locken, 32 Jahre alt, Vater und Mutter Palästinenser. Sie ist Sozialmanagerin, viel wichtiger aber: Beraterin bei Miles, Ansprechpartnerin für homosexuelle Migranten oder Menschen mit Migrationshintergrund.

Viele homosexuelle Muslime verschweigen ihre sexuelle Orientierung

Zu ihr kommen Menschen wie Farid, die ihre Sexualität ausleben, aber nicht mit ihrer Familie brechen wollen. Und Farid sagt: „Die Gewalttat von Orlando entsetzt mich und zeigt, welche Folgen die Tabuisierung von Sexualität haben kann.“ Viele homosexuelle Muslime verschweigen ihre sexuelle Orientierung.

Orlando ist weit weg, geografisch. Aber für viele Homosexuelle ist es gefühlt sehr nahe. Die Schüsse sind Stiche in ihre Herzen. Und bei den Muslimen unter ihnen gehen sie besonders tief, diese Stiche. Denn ihr Leiden verstärkt sich jetzt. Zum Druck durch die Familien oder zur Angst, zwangsgeoutet zu werden, kommt nun die Furcht vor homophoben Anschlägen. Als gäbe es nicht schon genug Gewalt.

Das Anti-Gewalt-Projekt Maneo dokumentierte 2015 insgesamt 259 Übergriffe auf Homosexuelle in Berlin, 34 mehr als im Jahr zuvor. Körperverletzung, Nötigungen, Bedrohungen, Raubstraftaten. Jörg Steinert kennt die Zahlen bestens. Der 38-Jährige ist Geschäftsführer des LSVD, das Miles-Beratungszimmer liegt drei Türen neben seinem Büro. „Die meisten Vorfälle passieren in der Nähe von Homosexuellen-Bars.“ Steinert ist ein freundlicher Mann, der mit weicher Stimme redet. „In einer Befragung“, sagt er, „haben viele Opfer gesagt, die Täter seien dem Aussehen und der Sprache nach nichtdeutscher Herkunft.“ Eine Statistik über die Nationalität der Täter gibt es allerdings nicht.

330 Gespräche, 500 telefonische Beratungen

Aber es gibt Zahlen, die zeigen sollen, wie groß das Leiden homosexueller Muslime in ihren Familien ist. Jouanna Hassoun klappt einen Laptop auf und holt ihre persönliche Jahresbilanz 2015 auf den Bildschirm. „Im vergangenen Jahr hatte ich 300 persönliche Gespräche, 500 telefonische Beratungen, 500 Beratungen über Mail.“ 120 dieser Gespräche führte sie mit homosexuellen Muslimen, sie drehten sich um die Kernthemen: Zwangsheirat, Morddrohungen, verbale und körperliche Gewalt, Angst vor der Familie. Mehr als die Hälfte der Muslime hatte Gewalt erlebt, zwei von zehn erzählen von Exorzismus. Frauen trifft der Hass der Familien mehr als Männer, sie verkörpern noch stärker den Ehrbegriff.

Queerspiegel - Der Tagesspiegel-Blog für Lesben, Schwule, Bisexuelle, trans- und intergeschlechtliche Menschen und für alle, für die die Welt bunt wie ein Regenbogen ist.

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