Tom Hoopers Biopic „The Danish Girl“. : Einar wird Lili

Tom Hooper erzählt in "The Danish Girl" die Geschichte von Lili Elbe und der ersten geschlechtsangleichenden Operation. Der Film mit Eddie Redmayne in der Hauptrolle wird als Oscar-Kandidat gehandelt.

Julia Dettke
Die Frau in meinem Mann. Einar (Eddie Redmayne, links) und Gerda (Alicia Vikander) stehen vor schwerwiegenden Entscheidungen.
Die Frau in meinem Mann. Einar (Eddie Redmayne, links) und Gerda (Alicia Vikander) stehen vor schwerwiegenden Entscheidungen.Foto: Universal

Ja, dieser Film ist ein Fortschritt. Einerseits. Ein Fortschritt für die Transgenderbewegung, für die Repräsentation von Geschlechterdiversität, von Geschlechtszuschreibungen jenseits von „eindeutig männlich“ und „eindeutig weiblich“ im Kino. Weil dieser Film über die Transfrau Lili Elbe (Eddie Redmayne), die als Einar Wegener geboren wurde und in den zwanziger Jahren bereits als dänischer Maler bekannt war, bevor sie sich einer der weltweit ersten geschlechtsangleichenden Operationen unterzog, im Wettbewerb des Festivals von Venedig lief. Weil er seitdem für drei Golden Globes nominiert wurde und er eine ganze Reihe von Preisen auf Festivals gewonnen hat, die allesamt weder die Begriffe trans noch queer im Titel tragen. Weil er als Anwärter auf mindestens einen Oscar gilt. Und sogar beim „Champions of Change“-Tag im Weißen Haus gezeigt wurde.

Andererseits: Ist es wirklich so ein Fortschritt, wenn ein Film, in dem es auch um Lilis Frau Gerda Wegener (Alicia Vikander) geht, der also auch einfach das Porträt eines dänischen Künstlerehepaars hätte sein können oder der Kopenhagener Künstlerszene der zwanziger Jahre – oder auch darüber, wie man nach einer Trennung befreundet bleibt –, so eindeutig mit dem Label des Vorzeige-Transgenderrepräsentationsfilms versehen wird? Sollte man sich tatsächlich darüber freuen, dass Transfiguren mit „The Danish Girl“ nun offiziell im filmischen Mainstream angekommen sind? Oder sich eher darüber ärgern, dass sie dem breiten Kinopublikum offenbar noch immer nur mit viel Weichzeichner zugemutet werden sollen?

Und wie kann eine Kritik über „The Danish Girl“ diesem Dilemma entgehen, reduziert man den Film doch, sobald man ihn zum Anlass des Nachdenkens über Transgenderfragen nimmt, schnell ebenso auf dieses Thema?

Fernab uralter Crossdressing-Komödien

Da kann zunächst ein Blick auf die Entwicklung der Transgenderfilmgeschichte nicht schaden. Denn an ihr lässt sich ziemlich gut ablesen, wie die Bereitschaft des Publikums zur Empathie und Identifikation zu einem bestimmten historischen Zeitpunkt eingeschätzt wird. Lange Zeit waren Männer in Frauenkleidern im Kino beinahe ausschließlich in Crossdressingkomödien („Manche mögen’s heiß“, „Mrs. Doubtfire“) zu sehen, in denen am Ende stets die männliche Identität der Hauptfigur wiederhergestellt wurde. Im neuen Jahrtausend dagegen sind großartige Independentfilme wie Duncan Tuckers „Transamerica“ und „Laurence Anyways“ von Xavier Dolan entstanden, die ihre Hauptfiguren ernst nehmen.

Dennoch musste selbst ein Regisseur wie François Ozon noch 2014 um die Finanzierung von „Eine neue Freundin“ bangen, als er seinen Produzenten sagte, mit seinem Film wolle er erreichen, dass jeder männliche Zuschauer danach selbst Frauenkleider tragen wolle. Vorreiter in Sachen vielschichtiger Transgenderdarstellung sind aktuell amerikanische Fernsehserien, allen voran „Transparent“. Aber auch „Orange is the New Black“ – gerade weil eine Transfrau dort nicht gleich im Zentrum stehen muss, um als komplexe Figur vertreten zu sein.

Schöne lichte Bilder und eine schwärmerische Kamera

Regisseur Tom Hooper („Les Misérables“, „The King’s Speech“) jedenfalls hat Erfahrung damit, Außenseitergeschichten in eher konventioneller Ästhetik zu verpacken. Und den persönlichen Entwicklungen und Verwandlungen trotz der polierten Hülle wahre, emotionale Momente abzuringen. Das gelingt ihm auch in „The Danish Girl“ – jedenfalls anfangs. Da sind die schönen, lichten Bilder, die schwärmerische Kamera, die nur so durch das Atelier des Künstlerehepaars zu schweben scheint. Das Glänzende, Raschelnde, Prickelnde der Stoffe, der Farben, der erotischen Anziehung zwischen den beiden. Das kann Hooper wirklich: einen in wenigen Sekunden hineinziehen in diese Welt, in der das Licht und die Leinwände und das Lachen immer hell erscheinen.

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Dunklere Schattierungen und Ambivalenzen sind weniger seine Stärke. Dass die Leichtigkeit, die erotische Spannung zwischen dem wirbelnden Wesen Gerdas und der ruhigeren, introvertierten Lili verloren geht, sobald Lili sich entschließt, ganz Frau sein zu wollen, ist deshalb tragisch für beide Hauptfiguren – und für die Ästhetik des Films. Denn plötzlich stören Eddie Redmaynes künstliches Spiel, das Lili das immer gleiche keusche Lächeln beschert, und die wenig subtil immer schon dramatisierend vorgreifende Musik beträchtlich.

Transmenschen werden versimpelt

Vielleicht ist das ja der Grund dafür, dass Mainstreamästhetik und Transgenderthematik, eindeutiges Genre und mehrdeutiges Gender, doch nicht so richtig zusammenpassen wollen: weil das eine vom klar Definierbaren lebt, das andere dagegen gerade von der Ambivalenz, vom Hadern mit Definitionen. Das konventionelle Filmkorsett funktioniert dann wie eine Gesellschaft, die Transmenschen aus Angst vor jeglicher Identitätsunschärfe zur Bedrohung versimpelt. Lili ist in „The Danish Girl“ zwar keine dramaturgisch bedrohliche Figur, dafür eine tendenziell langweilige, weil sie sich letztlich allein dadurch auszeichnet, sich als Frau im Mann entdeckt zu haben. Vom feinen Humor, die sie als Einar besaß, scheint nichts mehr übrig, und selbst an der Malerei hat sie – als Frau! – sofort das Interesse verloren.

Hätte Gerda, die interessantere der beiden Frauenfiguren, mehr Raum bekommen, hätte Hooper mehr Mut zum Verwirrenden gehabt oder einen anderen Weg gefunden, aus dem allzu Wohltemperierten auszubrechen: „The Danish Girl“ hätte richtig gut werden können. So allerdings, angesichts dieser geradezu strategischen Vermeidung von Schmerz, Schwierigkeiten und generell allem, das sanfter Schönheit abträglich wäre, hat er einiges mit dem Gros jener Filme gemeinsam, die auf Hollywood-Ästhetik setzen.

Worin also liegt nun hier der echte Gleichstellungsfortschritt? Darin wohl, dass dieser Film über eine Transfrau weder besser noch schlechter ist als die ganz normale durchschnittliche aktuelle Filmproduktion.

Blauer Stern Pankow, Capitol, Delphi, Cinemaxx, Yorck; Originalversion im Cinestar SonyCenter; OmU: Hackesche Höfe, International, Odeon und Rollberg

Lesen Sie hier einen Hintergrundartikel über Lili Elbe.

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