Raumexperiemente : Wie leer stehende Büros in Berlin neu genutzt werden

Ein Bürogebäude in Berlin-Moabit soll Wohnhaus werden, doch das dauert. Zum Übergang wird es von Startups und einer Galerie genutzt. Sie beleben das Haus – und davon profitiert auch der Investor.

Johannes Böhme
Kunstvoll. In der Galerie „Lehrter Siebzehn“ ist immer was los.
Kunstvoll. In der Galerie „Lehrter Siebzehn“ ist immer was los.Foto: Malte Jensen/promo

Der Raum ist riesig, ehemaliges Kolonialwarenhaus, die Pfeiler dick wie Eichen, außen roter Backstein und schlichte Ornamentierung. Die Wände sind nur grob verputzt. Durch die breite Fensterfront sieht man die Züge in den neuen Berliner Hauptbahnhof einfahren. Es ist das Frühjahr 2013 und das ehemalige Lager in der Lehrter Straße 17 in Berlin-Moabit steht leer. Nicht etwa, weil niemand hier leben möchte. Das Gebäude ist in jeder Hinsicht sehr attraktiv. Es ist zentral gelegen, hat Charme, nebenan befindet sich die indonesische Botschaft.

Nein, es steht leer, weil die Umwidmung eines Hauses vom Büro- zum Wohngebäude eine komplizierte Angelegenheit ist. Der bürokratische Prozess dauert. Wenn alles seinen gewohnten Gang genommen hätte, wäre das Gebäude in der Lehrter Straße 17 mindestens für das nächste Jahr ungenutzt geblieben. Für eine so kurze Zeit Firmen als Mieter zu finden ist schwer. Wohnen darf hier noch niemand. Was also machen?

Verantwortlich beim Bauträger ist Jürgen Dienst, der eines Morgens in der Neuen Zürcher Zeitung einen Artikel über Zwischennutzungen in Zürich liest. Die Idee: Anstatt Räume einfach leer stehen zu lassen, überlässt man sie für einen Bruchteil der üblichen Mieten an Künstler, Startups und andere Projekte. Dienst hatte sich bereits Wochen vorher den Kopf darüber zerbrochen, was man in der Übergangszeit mit dem Prachtbau machen könnte. „Das war genau das, wonach wir gesucht hatten“, sagt er. Etwas Sinnvolles mit den Räumen machen. Sie denen geben, die Platz brauchen, Ideen haben, aber nur wenig Geld.

Digitale Kunst abseits des künstlerischen Mainstreams

Ein Kunstprojekt sollte im Zentrum stehen. Hierfür wird extra die dritte Etage hergerichtet. Die Stützdecken und Raumteiler werden rausgerissen. „Als alles weg war, hat man erst ein Gefühl für die Größe und Höhe des Raumes und für die Struktur des Gebäudes bekommen“, sagt der Architekt Phillip Baumhauer, der den Umbau des Gebäudes betreut. Der Projektraum zeigt, was möglich ist in einem Bau, der ursprünglich nicht für Menschen bestimmt war, sondern erst für Waren und später für Aktenorder.

Die Wahl fiel auf ein junges, unerfahrenes, aber ambitioniertes Team. Stefanie Greimel und Johanna Wallenborn, die sich als SEEMS professional zusammengetan haben, stellen eine radikale Idee vor: digitale Kunst abseits des künstlerischen Mainstreams in Berlin. Die „beste Entscheidung war, diesen beiden das Vertrauen zu schenken“ sagt Herr Dienst nun, gut ein Jahr später. „Es war extremes Glück, ein so tolles Team gefunden zu haben.“

In der unkonventionellen Galerie „Lehrter Siebzehn“ haben die beiden mittlerweile fast ein Jahr lang Ausstellungen und Veranstaltungen organisiert und erzählen von bisweilen begeisterter Resonanz. „Während unserer letzten Ausstellung kam ein Herr, der für eine renommierte Berliner Galerie arbeitet und meinte, er habe in der Ausstellung den Glauben an die Kunst wiedergefunden“, sagt Frau Wallenborn stolz.

Neuer Wohnraum für Berlin
Ein ähnliches Erschließungssystem sieht der Entwurf der Hérault Arnod Architectes aus Paris vor. In ihrem Entwurf werden Baukosten durch vorgelagerte Kellerersatzräume gespart. Das Gebäude sollen mit vorhanden Gebäuden verknüpft werden, so dass beispielsweise Bewohner im Nachbarhaus den Aufzug mitbenutzen können.Weitere Bilder anzeigen
1 von 14Foto: Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt Berlin / Barkow Leibinger, Berlin
18.02.2014 23:16Ein ähnliches Erschließungssystem sieht der Entwurf der Hérault Arnod Architectes aus Paris vor. In ihrem Entwurf werden Baukosten...

Kleinere Ausstellungen für ein paar Tage

Einfach ist die Zusammenarbeit am Anfang nicht. Zwischennutzung heißt eben auch, dass sehr unterschiedliche Menschen aufeinandertreffen: Geschäftsleute auf Kuratoren und Künstler, alle mit ihren eigenen Vorstellungen und Ideen davon, wie der Raum genutzt werden soll. „Wir hatten Größenwahnsinniges geplant und wollten einen Ort schaffen, der sich mit neuer Medienkunst befasst, mit Ausstellungen, die zwei bis drei Monate laufen“, sagt Wallenborn. Das war den Besitzern aber zu teuer. Herausgekommen sind kleinere Ausstellungen, die meist nur ein paar Tage dauern. Und die Kuratorinnen mussten erst beweisen, dass sie durchaus wirtschaftliches Verständnis haben – entgegen dem gängigen Künstlerklischee.

Stefanie Greimel und Johanna Wallenborn sind nicht die einzigen, denen das Modell nützt. In dem Gebäude in der Lehrter Straße sind Künstlerateliers, Startups und die Redaktionsräume eines Kulturmagazins untergekommen. Sie alle profitieren davon, nahezu mietfrei im Laufe eines Jahres ihre Ideen entwickeln und ausarbeiten zu können. Das Potenzial für solche Projekte ist groß. Alleine in Berlin standen im Jahr 2012 acht Prozent aller Büroflächen leer. Gleichzeitig wird der Freiraum für kreative Experimente durch steigende Mieten immer enger. Nicht zuletzt deswegen warnte der Berliner Staatssekretär Tim Renner im Tagesspiegel vor einer Verödung Berlins, wenn die derzeitige Entwicklung weitergehe wie bisher.

Je aufregender die Kunst, desto attraktiver die Räume

Bettina Springer sieht in jedem Fall Möglichkeiten, das Modell auszuweiten. Sie hat das Buch „Artful Transformations: Kunst als Medium urbaner Aufwertung“ zu dem Thema geschrieben und beklagt, dass es nur einige wenige temporäre Ausstellungsräume in Berlin gibt. Bei dem Modell handele es sich um eine Zusammenarbeit zum beidseitigen Vorteil, die auch ökonomischen Interessen diene, sagt sie. Orte, an denen glaubwürdig aufregende Kunst produziert und ausgestellt würde, ließen sich ganz handfest besser vermarkten. Je avantgardistischer, aufregender und glaubhafter die Kunst, desto attraktiver werden die Räume.

Wie es in der Lehrter Straße 17 weitergeht, ist derzeit noch unklar. Das Ende des Experiments wird immer weiter herausgezögert, eigentlich sollte schon im August Schluss sein, nun geht es definitiv bis November weiter.

Jürgen Dienst sieht das Projekt als seinen Beitrag zu einer lebendigen Berliner Stadtkultur, die Freiräume für Experimente lässt. Das Potential der Idee bewertet er jedoch ähnlich wie Bettina Springer. Nach seinen positiven Erfahrungen mit dem Gebäude in der Lehrter Straße appelliert er an Unternehmer, sich offener gegenüber Experimenten zu zeigen. Denn, das betonen alle Beteiligten: Wenn ein solches Projekt gelingen soll, braucht es vor allem Offenheit – und ein wenig Mut.

Aktuelle Ausstellungen und Öffnungszeiten der Galerie, Lehrter Straße 17, Moabit finden Sie unter: lehrtersiebzehn.de

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