Reinigung bei der S-Bahn : Mit dem Schienenstaubsauger über Berlins Gleise

Die nächtliche Tour mit dem Reinigungszug der S-Bahn zeigt: Das Geld liegt in Berlin nicht nur auf der Straße. Eine Fahrt mit einem Oldtimer unter den S-Bahnzügen.

von
Luftzug. Ein Privatunternehmen hat eine S-Bahn aus den 1920ern zum mobilen Staubsauger umgebaut. Geputzt wird im Schleichtempo während der Betriebspause. Foto: Bodo Schulz
Luftzug. Ein Privatunternehmen hat eine S-Bahn aus den 1920ern zum mobilen Staubsauger umgebaut. Geputzt wird im Schleichtempo...Foto: Bodo Schulz

Sie haben den Blick – Patrick Schneider am Führerpult der S-Bahn und Michael Klinner, der auf dem Bahnsteig vor dem Zug herläuft und per Luftdruck aus einem Rohr den Dreck auf dem Gleis aufwirbelt. Doch nicht nur Schmutz findet sich dort, gelegentlich sind es auch Wertsachen. Wenn die beiden Männer etwa einen Geldschein entdecken, stoppt Schneider den Zug und Klinner angelt sich den Schein mit Hilfe einer langen Greifzange. Fünf Euro waren es zuletzt. Aber auch Pfandflaschen und -dosen, die man zu Geld machen kann, werden aufgesammelt und im Zug deponiert. Mit dem erlösten Geld kann eine Weihnachtsfeier finanziert werden.

Schneider und Klinner sind mit dem sicher ungewöhnlichsten Zug bei der S-Bahn unterwegs: der „Universal-Reinigungsmaschine für Gleisoberflächen“, einfach auch Schienenstaubsauger genannt. Immer nur nachts, wenn kein regulärer S-Bahn-Verkehr mehr stattfindet. Er gehört dem Gleisbauunternehmen Wiebe, das bereits 1997 einen Ende der 20er Jahre entstandenen Zug der S-Bahn zum Reinigungsfahrzeug umgebaut hat und jetzt im Auftrag der S-Bahn Gleise vornehmlich an Bahnhöfen reinigt.

Schneider ist seit 2006 dabei. Er hat Maschinist gelernt und steuert die Maschine nicht nur, sondern ist auch für die Wartung zuständig. Manchmal muss er dafür auch in den Behälter mit dem gesammelten Dreck klettern – aber nur mit Schutzanzug und -maske. Die Technik sei aber zuverlässig – und beim Fahrzeug-Methusalem sogar fast „mackenfrei“.

Solide Technik aus den 20er Jahren

Solide, einfache, funktionierende Technik aus den 1920er Jahren, bestätigt Triebfahrzeugführer Jan Härle, der das Gefährt auf freier Strecke außerhalb der Bahnhöfe steuert. Nur rund ein Dutzend der etwa tausend Fahrer bei der S-Bahn könne noch mit dem Oldtimer fahren, einst als Typ „Stadtbahn“ gebaut und in den 80er Jahren modernisiert. Diese Typen sind längst ausgemustert. Härle fährt gern nachts, sagt er. Und im Staubsaugerzug ist er zudem nicht allein. Schneider sitzt an einem zweiten Führerpult neben ihm. Beim Reinigen regelt er dort die Fahrt und die Sauger, die kameraüberwacht sind. Für die Reinigungsfahrt gibt es einen extra Motor, damit das Fahrzeug mit etwa 2 km/h am Bahnsteig entlangschleichen kann.

Insgesamt sind es 75 Einsätze pro Jahr

75 Einsätze pro Jahr seien bestellt, sagt Schneider. Zwischen 1 Uhr und 4 Uhr putzt der Staubsauger die Gleise an durchschnittlich sieben Bahnhöfen. Der Schmutz landet in vier Kammern, aus denen er alle zwei Tage abgesaugt wird. Werde eine Maus dabei eingefangen, springe sie dabei meist wieder ins Freie, erzählt Schneider. In der Regel saugt das Riesending aber den üblichen Dreck auf – Zigarettenkippen, Papier, im Herbst das Laub. Aber auch Kondome und Spritzen landen auf dem Gleis. Und häufig auch leere Geldbörsen, die Diebe weggeworfen haben und die nun ebenfalls separiert werden wie die Flaschen und eben manchmal auch Geld. Bei der Vorführfahrt reichte es aber nur zu einem Schuh.

Die Stammbahn in Bildern: S-Bahn nach Zehlendorf
Verlassen steht eine Brücke im Wald bei Dreilinden. Sie gehörte zu einer vergessenen Bahnstrecke, die von Potsdam über Zehlendorf nach Berlin führte. Liebe Leserinnen, liebe Leser: Senden Sie Ihre Foto-Entdeckungen an leserbilder@tagesspiegel.de! Foto: Johan van ElkWeitere Bilder anzeigen
1 von 514Foto: Johan van Elk
17.05.2016 14:12Verlassen steht eine Brücke im Wald bei Dreilinden. Sie gehörte zu einer vergessenen Bahnstrecke, die von Potsdam über Zehlendorf...

22 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben