Rettungseinsätze der Feuerwehr in Berlin : Im Notfall Notstand

Die Zahl der Rettungseinsätze steigt stark an, die Feuerwehr schlägt Alarm. Nun erwägt der Berliner Senat, die Frist bis zur Ankunft am Unfallort zu verlängern.

von
Die Rettungswagen der Feuerwehr kommen mit der Arbeit nicht mehr hinterher.
Die Rettungswagen der Feuerwehr kommen mit der Arbeit nicht mehr hinterher.Foto: imago

Die Rettungswagen der Feuerwehr kommen mit der Arbeit nicht mehr hinterher – stattdessen müssen immer öfter Rettungshubschrauber eingesetzt werden, damit die Notärzte halbwegs pünktlich bei ihren Patienten eintreffen. Dies ist die Antwort von Innensenator Frank Henkel (CDU) auf eine Anfrage des Grünen-Abgeordneten Benedikt Lux. Dieser fordert nun einen "Krisengipfel Notfallrettung". Senat und Feuerwehr erwägen stattdessen eine Verlängerung der sogenannten "Hilfsfristen" – also des Zeitraums, in dem die Retter am Unfallort eintreffen sollen – für die Einsätze, um das Problem zu lösen.

Vier von fünf Feuerwehreinsätze sind Rettungsfahrten

Die Feuerwehr musste nach eigenen Angaben im vergangenen Jahr zu exakt 304.483 Notfallrettungseinsätzen ausrücken, im Jahr 2012 waren es noch 292.464 Einsätze. Zwischen 80 und 90 Prozent unserer Einsätze sind Rettungsfahrten. Für das erste Halbjahr 2014 haben wir schon über 10.000 Einsätze mehr als im Vorjahr zu verzeichnen", sagt Feuerwehrsprecher Björn Radünz.

Setzt sich diese Tendenz auch im zweiten Halbjahr fort, wird sich die Anzahl der Rettungseinsätze in diesem Jahr bei rund 325.000 einpendeln. Die Folge: Ohne erhebliches Plus an Personal und Rettungswagen droht der Kollaps der öffentlichen Notfallversorgung. Henkel räumt in der Stellungnahme ein, dass die Notfalleinsatzfahrzeuge – die im Unterschied zum normalen Rettungswagen immer mit einem Notarzt und nicht nur mit einem Sanitäter besetzt sind – "zumindest am Tage völlig ausgelastet" seien.

Hubschrauber als Ersatz für Rettungswagen

Daher müsse der Rettungshubschrauber Christoph-31 verstärkt eingesetzt werden, um "das rechtzeitige Eintreffen einer Notärztin oder eines Notarztes sicherzustellen". Allein im ersten Halbjahr 2014 habe der am Benjamin-Franklin-Klinikum in Steglitz stationierte Hubschrauber exakt 1991 Mal abheben müssen. In den letzten zehn Jahren waren es durchschnittlich 2637 Einsätze – allerdings im ganzen Jahr.

Henkel zufolge wurde bereits im Frühjahr ein Schichtsystem für die Helikopterbesatzungen eingeführt, auch sei neues Personal eingestellt worden. Besserung ist trotzdem nicht in Sicht. "Eine Reduzierung der Alarmierungen wird nur durch eine erhöhte Verfügbarkeit der Notfalleinsatzfahrzeuge möglich sein", sagt Henkel. Dies kann entweder durch die Aufstockung der Rettungskräfte und des Fuhrparks geschehen – oder durch die Ausdünnung der Hilfsfristen.

Feuerwehr schlägt Verlängerung der "Hilfsfristen" von acht auf zehn Minuten vor

Man habe dem Innensenator diesbezüglich zwei Vorschläge gemacht, sagt Feuerwehrsprecher Radünz: "einen ambitionierten und einen sehr ambitionierten". Die bisherige Vereinbarung zwischen Senat und Feuerwehr sieht vor, dass die Retter in den als „Schutzklasse A“ bezeichneten stark besiedelten und frequentierten Vierteln bei 75 Prozent der Einsatzfahrten in acht Minuten vor Ort sind. In den als weniger problematisch eingestuften Stadtteilen der sogenannten "Schutzklasse B" haben die Retter nach dem Eingang des Notrufs genauso viel Zeit, sollen aber lediglich in der Hälfte der Fälle pünktlich an der Unfall- oder Unglücksstelle eintreffen.

"Bisher haben wir acht Minuten Zeit, um die Hilfsfrist einzuhalten – unser Vorschlag sieht vor, dass pauschal noch zwei Minuten Bearbeitungszeit nach Eingang des Notrufs dazukommen", sagt Radünz, "dafür wollen wir dann aber in neunzig Prozent der Fälle pünktlich am Einsatzort sein."

Notfallversorgung wird in jedem Fall teurer

Die beiden Schutzklassen sollen also zu einer zusammengefasst werden. "Mit den unterschiedlichen Schutzklassen fährt Berlin bislang eine eigene Schiene", sagt Radünz, "andere Städte haben auch nur eine Hilfsfrist" – beispielsweise München oder Hamburg. Worum es bei dem Vorschlag gehe, sei eine Anpassung ans restliche Bundesgebiet – und eine Kostenersparnis in Höhe von mehreren Millionen Euro. "Es werden auf jeden Fall Mehrkosten anfallen – die Frage ist nur, wie viel", sagt Radünz. "Wenn wir das bisherige System beibehalten, rechnen wir mit zusätzlichen Kosten von 17 Millionen Euro pro Jahr – wird das neue System umgesetzt, kalkulieren wir mit Mehrkosten von neun Millionen Euro jährlich."

Der "sehr ambitionierte" Vorschlag hingegen würde die Kosten der Notfallversorgung massiv erhöhen. Laut Radünz ist er ebenfalls auf eine Vereinheitlichung der Hilfsfrist auf zehn Minuten ausgelegt – allerdings verspricht die Feuerwehr, dann in 95 Prozent der Fälle pünktlich zu sein. "Diese Variante würde mit rund 100 Millionen Euro im Jahr zu Buche schlagen. Wir bräuchten erheblich mehr Personal, Feuerwachen und Fahrzeuge“, sagt Radünz. Unwahrscheinlich, dass dieser Vorschlag im Senat – besonders beim Finanzsenator – Anklang findet.

Grünen-Politiker schlägt Krisengipfel vor

Für Benedikt Lux, den innenpolitischen Sprecher der Grünen im Abgeordnetenhaus, ist klar: "Der Senat will seine Schutzziele ausdünnen – gleichzeitig leistet er sich aber unnötige Mehrausgaben für den Einsatz der Rettungshubschrauber." Lux’ Kalkulation zufolge belaufen sich die Kosten für eine Flugstunde des Rettungshubschraubers auf rund 1.124 Euro, während eine Stunde Einsatz im Notfallrettungswagen lediglich mit 336 Euro zu Buche schlage: "Von den Mehrausgaben für die Rettungshubschrauber könnte man mindestens vier neue Rettungswagen anschaffen und betreiben", sagt Lux, "die Rettungsinfrastruktur wird auf Verschleiß gefahren."

Innenverwaltung zu Feuerwehr-Vorschlägen: "Noch keine Tendenz erkennbar"

Der Senat solle einen Krisengipfel mit Feuerwehr, Hilfsorganisationen, Krankenkassen und Kliniken anberaumen, um eine "Lösung im Sinne der Patienten zu finden". Henkels Sprecher Stefan Sukale verwies darauf, dass in Henkels Amtszeit bisher 100 neue Stellen im Rettungsdienst geschaffen worden seien. Eine Aufrechnung der Kosten für Hubschrauber- und Rettungswageneinsätze bezeichnete er als "zynisch". Hinsichtlich der Vorschläge der Feuerwehr sei "eine Tendenz, ob die Innenverwaltung diesen Vorschlägen folgt, noch nicht erkennbar".

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

Autor

44 Kommentare

Neuester Kommentar