Rezepte der Flüchtlinge in Berlin : Ein Stück Heimat auf dem Teller

Sie mussten ihr Land verlassen, um ihr Leben zu retten, haben oftmals Freunde, Familie und ihre Habseligkeiten in ihrer Heimat zurück gelassen. Ein Stückchen davon finden sie in Berlin aber auf ihrem Teller: Die Rezepte der Flüchtlinge haben Studenten der Freien Universität zusammengetragen und daraus ein ganz besonderes Kochbuch gemacht.

von
Eingetaucht. Bontu Guschke (links) und Ninon Desmuth essen mit Nasir.
Eingetaucht. Bontu Guschke (links) und Ninon Desmuth essen mit Nasir.Foto: promo

Manche vermissen den Blick aus dem Fenster, manche den warmen Sand unter den Füßen und manche den Geschmack ihrer Kindheit, wenn sie sich auf eine Reise begeben, um ihr Leben zu retten. Nasir vermisst Hausa Koko.

Hausa Koko ist ein Pulver, das mit Wasser angerührt zu einer zähen süß-scharfen Masse wird. In Nigeria, wo Nasir herkommt, trinken Kinder das gern abends, oft auch gegen den Hunger. Nasir, 28, lebt heute in Deutschland, bis vor kurzem im Flüchtlingscamp am Oranienplatz. Hausa Koko hat er viele Jahre nicht getrunken. Vier Studenten brachten ihm diesen Geschmack nun zurück.

Bontu Guschke, Ninon Desmuth, Carolin Strehmel und Gerrit Kürschner haben mit Berliner Flüchtlingen gekocht und aus ihren 21 Rezepten und Fluchtgeschichten ein Buch gemacht. „Über den Tellerrand kochen“ ist ab jetzt in verschiedenen Berliner Buchhandlungen erhältlich. 2,50 Euro jedes verkauften Buches gehen an die Flüchtlingsorganisation Pro Asyl.

Das Buch ist ihr Beitrag zum Wettbewerb „Funpreneur“ der FU Berlin. Dabei entwickeln Studenten eine Geschäftsidee und gründen mit fünf Euro Startkapital ein Unternehmen. Manchmal saßen die vier Freunde um fünf Uhr morgens noch in dem kleinen Arbeitszimmer ihrer Friedenauer WG.

Sie haben viel über die Menschen gelernt, die in ihrem Buch zu Köchen werden. „Beim Kochen bekommt man Antworten, ohne fragen zu müssen“, sagt Gerrit Kürschner. Ein Vater beginnt zu weinen, weil er seine Familie zurücklassen musste, die Irakerin Noor erinnert sich, wie sie mit ihrer Schwester kleine Zwiebeln für das Gericht Dolma um die Wette aushöhlte und Nasir ruft beim Kochen seine Mutter an, weil er sich nicht sicher ist, wie sie sein Lieblingsgericht Kupewa – Paprika, Lachs und Stockfisch – zubereitete. Dann erzählt er von seinem Bruder und Hausa Koko. Das Pulver haben die Studenten für ihn in einem afrikanischen Laden aufgetrieben.

Garden Eggs, lernten die Berliner Freunde, sind kleine Auberginen. Köfte gibt es auch vegetarisch. „Und niemand verlässt seine Heimat leichtfertig“, sagt Bontu Guschke. Tarek erzählte ihnen beispielsweise – während er das syrische Studentengericht Medjeddera zubereitete, schnell und günstig mit Linsen, Bulgur und Olivenöl –, wie er zum Medizinstudium nach Deutschland gekommen war. Als in seiner Heimat der Bürgerkrieg ausbrach, begann er Medikamente nach Syrien zu schaffen, statt zu studieren. Mit der Exmatrikulation ging ihm die Aufenthaltsgenehmigung verloren, jetzt wartet er auf seinen Asylbescheid, zurück nach Syrien kann er nicht.

Um ihre Köche zu finden, besuchten die Studenten Asylbewerberheime in der Zeughofstraße und der Soorstraße. „Die Heimleiter waren sehr kooperativ“, sagt Ninon. In einem habe man ihnen zwei Mitarbeiter als Übersetzer vermittelt. So backten die sie mazedonischen Ramadan-Kuchen, syrischen Grieskuchen und aßen Joghurt, der durch einen Kissenbezug gepresst und mit Kräutern und Sesam zu Frischkäse geworden war.

Oft dauerte das Kochen bis tief in die Nacht. Wie vor ein paar Wochen am Oranienplatz. Die Freunde hatten sich mit Hassan aus Ghana zum Kochen im Freien verabredet. Der hatte einen Generator und eine Gasflasche besorgt, damit der allabendliche Stromausfall im Camp sein Lieblingsgericht nicht zerstören würde, sich eine Holzbank von einem Freund geliehen. Mit einem großen Stab rührten die Männer Mehl und Wasser zu einem zähen Teig: Banku, in anderen Regionen auch To genannt. Immer mehr Bewohner kamen dazu, brachen mit der rechten, der reinen Hand, Stücke des Teiges und tunkten sie in die würzige Erdnusssuppe.

Gerrit Kürschner hatte zunächst Angst, dass er sich falsch benehmen könnte. „Ich schaute an mir runter, trug ich zu viele Markenklamotten?“ Dann merkte er, wie dankbar die Bewohner waren. „Wir dachten, die Flüchtlinge brauchen Kleidung, aber in Wirklichkeit suchen sie Kontakt.“ Jemand, der Deutsch mit ihnen spricht oder Fußball spielt. Oder eben mit ihnen zusammen isst. Nasir hat seine Packungen Hausa Koko schon aufgebraucht.

Das Kochbuch gibt’s für 15 Euro in vielen Buchhandlungen und im Internet unter www.ueberdentellerrandkochen.de.

Autor

5 Kommentare

Neuester Kommentar