Berlin : Rübergemacht in die DDR

Vor 15 Jahren flüchteten 200 Autonome über die Mauer nach Ost-Berlin

Thomas Loy

Für die „Herald Tribune“ war es „die erste Massenflucht nach Osten seit der Teilung Berlins“. Für Stephan Noë war es einfach die „lustigste Sache“, die er als Pressesprecher der Alternativen Liste, dem Vorläufer der Berliner Grünen, miterleben durfte. Noë hat die Überreste einer alten Flurkarte mitgebracht und legt das Papierpuzzle am Fuße des neuen Beisheim-Centers am Potsdamer Platz sorgfältig wieder zusammen. Voilà, das alte Lenné-Dreieck, Schauplatz eines der skurrilsten Ereignisse der Berliner Nachkriegsgeschichte. Vor 15 Jahren, am 1. Juli 1988, kletterten rund 200 Autonome, Anarchisten und Umweltschützer über die Mauer nach Osten – auf der Flucht vor der West-Berliner Polizei.

Das Lenné-Dreieck gehörte zum Territorium der DDR, lag aber westlich der Mauer. Die Bauarbeiter hatten anno 1961 die Mauerlinie etwas gerader gezogen als die Grenzlinie zwischen Mitte und Tiergarten. Das Lenné-Dreieck war also eine DDR-Exklave und sein Betreten eine Grenzverletzung. Das vier Hektar große Flurstück behinderte die Planung der umstrittenen Westtangente, einer Nord-Süd-Straßenverbindung zum Stadtring. Nach jahrelangen Verhandlungen einigten sich DDR-Behörden und Senat 1988 auf einen Gebietsaustausch. Übergabetermin: 1. Juli 1988, 0 Uhr.

Für die Gegner der Westtangente bedeutete dieser Termin höchste Gefahr: Jetzt könnte der Senat seine Pläne umsetzen. Im Mai wurde das Gelände kurzerhand besetzt. Es enstand ein improvisiertes Zeltlager mit Großküche, Radiosender und Plumpsklo. „Anfangs war uns gar nicht klar, wie sicher wir hier waren“, sagt Noë. Kein West-Berliner Polizist durfte das Gelände betreten. Durch ein Türchen in der Mauer kamen gelegentlich Grenzpolizisten und forderten die Besetzer auf, das Territorium der DDR zu verlassen. Dann zogen sie wieder ab.

Es hätte ein friedliches Sommercamp werden können, sagt Noë aus der Rückschau. Aber der CDU/FDP-Senat wollte dem Treiben in der „polizeifreien Zone“ nicht einfach zusehen. Nach zwei Wochen wurde das Gelände eingezäunt. Die Besetzer hatten jetzt nur noch schmale Zugänge entlang des so genannten „Unterbaugebietes“, einem schmalen Streifen vor der Mauer, der ebenfalls DDR-Gebiet war. Der Nachschub an Nahrung und Baumaterial musste nun durch diesen Korridor, kontrolliert von der Polizei. Der Konflikt verschärfte sich. „Am Zaun wurden Gräben ausgehoben. Ein paar Leute liefen Streife zur Gegnerbeobachtung“, erinnert sich Stephan Noë.

Die Bevölkerung nahm regen Anteil am Schicksal der Lenné-Bewohner, die ihr neues Zuhause in „Norbert-Kubat-Dreieck“ umgetauft hatten. So hieß ein 1.-Mai-Aktivist, der in Untersuchungshaft Selbstmord begangen hatte. Touristen kamen auf das Gelände und spendeten großzügig für den Fortbestand des Zeltlagers. Die zunehmende Sympathie in der Öffentlichkeit war für Noë der eigentliche „Triumph“ der Besatzer.

Der 1. Juli rückte jedoch immer näher. Dass die Polizei nach Übergabe des Geländes sofort räumen würde, war allen klar. Der einzige Fluchtweg war gen Osten. Noë: „Zwei Tage vorher stand der Plan fest. Die Leute packten schon ihre Sachen.“

Dem DDR-Ministerium für Staatssicherheit blieben die Fluchtpläne jenseits der Mauer nicht verborgen. Man bereitete sich vor, die westlichen „Regimegegner“ zu unterstützen. Am Morgen des 1. Juli rückten rund 900 West-Berliner Polizisten an und mussten zusehen, wie die Besetzer mit Leitern auf die Mauer kletterten und drüben von den Grenzpolizisten auf Lastwagen empfangen wurden. Stephan Noë allerdings musste im Westen bleiben. Als AL-Politiker hatte er Einreiseverbot in der Hauptstadt der DDR.

Die West-Flüchtlinge erhielten von den Grenztruppen ein exzellentes Frühstück und wurden schon nach wenigen Stunden wieder entlassen. Die DDR erhielt viel Lob für ihr besonnenes Handeln, der West-Berliner Senat stand als begossener Pudel da. Die Revanche kam anderthalb Jahre später – am 9. November 1989.

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