Schließung Tegel : Über den Flughafen lässt sich gut streiten

Der BER wird nicht fertig und ist sowieso zu klein. Und das Herz vieler Berliner gehört ihrem Airport. Beim „Pub-Talk“ stritt sich nun FDP-Mann Czaja heftig mit Gegnern des alten Flughafens.

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Eine Kamerafrau filmt auf der südlichen Landebahn des Flughafen Tegel in Berlin den neuen Bodenbelag.
Eine Kamerafrau filmt auf der südlichen Landebahn des Flughafen Tegel in Berlin den neuen Bodenbelag.Foto: dpa

Eine Leidenschaft eint sie – die Auseinandersetzung um den Flughafen Tegel. Kein anderes Thema könnte Holger Lück von der Bürgerinitiative „Tegel endlich schließen“ und Sebastian Czaja, Spitzenkandidat der Berliner FDP und Unterstützer des Volksbegehrens „Berlin braucht Tegel“, so sehr auf Touren bringen, dass sie ihre Getränke vergaßen und in der regulären Pause des „Pub Talks“ am Donnerstagabend im „en passant“ in der Schönhauser Allee mit vollem Eifer weiter diskutierten. Mittendrin Robert Ide, Berlin-Ressortleiter des Tagesspiegels, der in der Debatte unweit der Einflugschneise den Part des Abwägens von Argumenten übernehmen musste und darauf verwies, dass ein Weiterbetrieb von Tegel sowohl Alteingesessene in Reinickendorf als auch Zuzügler in Pankow sowie viele BER-Investoren in Schönefeld vor den Kopf stoßen würde.

Pub Talks werden von Berliner Rhetorik-Clubs organisiert. Die Besonderheit: Das Podium ist klein, zwei Plätze sind für Besucher reserviert, die spontan mitdiskutieren können, und wie beim Fußball gibt es zwei Halbzeiten und eine Pause.

Das Konzept zündete – überwiegend in eine Richtung, denn die Bürgerinitiativen gegen Tegel hatten einige Mitstreiter auf die Reservebank gesetzt, die nacheinander ihrem Spielmacher Lück assistierten. Czaja dagegen musste sich ohne Team durchschlagen. Sein Hauptargument: „Berlin wächst permanent. Im Jahr 2030 werden 60 Millionen Passagiere erwartet“ – zu viele für einen einzelnen, zu klein bemessenen Flughafen BER, der ohnehin immer ein „Sorgenkind“ bleiben werde.

Enge Taktung der Flugbewegungen

„So ein Blödsinn“, kommentierte Lück. Er und seine Unterstützer bestritten, dass die Marke von 60 Millionen Passagieren schon 2030 erreicht würde – und wenn es irgendwann so weit sei, werde der schrittweise auszubauende BER es auch ohne Tegel schaffen. So sei das auch beim Londoner Zentralairport Heathrow gelungen. Abgesehen davon entspreche der alte Flughafen Tegel längst nicht mehr modernen Standards - sowohl bei der Sicherheit, als auch beim Komfort. Auf den Verweis, in Tegel würden nicht mal die Toiletten richtig funktionieren, rief Czaja: „Wer sich über die Toiletten in Tegel beschwert, soll mal auf eine Berliner Schultoilette gehen.“

Die Geschichte des Flughafens Tegel in Bildern
Sieht man ja auch nicht alle Tage aus dieser Perspektive: den Flughafen in Berlin-Tegel. Rechts das Terminal mit den zwei Pisten davor. Oben im Bild Flughafensee (rechts, der kleine) und der Tegeler See. Unten die Kleinanlagen zwischen Piste und Berlin-Spandauer-Schifffahrtskanal.Weitere Bilder anzeigen
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02.02.2017 09:45Sieht man ja auch nicht alle Tage aus dieser Perspektive: den Flughafen in Berlin-Tegel. Rechts das Terminal mit den zwei Pisten...

Das Publikum nahm den Schlagabtausch mit Amüsement zur Kenntnis – ebenso wie die Tatsache, dass Tegel mal für 2,4 Millionen Passagiere konzipiert worden war und heute rund 21 Millionen Menschen pro Jahr verkraften müsse. Die inzwischen enge Taktung der Flugbewegungen rund um die Nachtruhezeiten könnte aber auch zum Sicherheitsproblem werden, fand Lück.

Das Herz schlägt bei vielen Berlinern für Tegel

Unversöhnlich prallten die Positionen auch in der Frage aufeinander, welche rechtlichen Hürden für einen Weiterbetrieb überwunden werden müssten. Für Czaja reicht eine „neue Betriebserlaubnis“ für Tegel aus. Brandenburg und der Bund als Anteilseigner der Flughafengesellschaft würden sich dem nicht entgegen stellen. Für das Team Lück liegt jedoch klar auf der Hand, dass die Planfeststellung für den BER neu aufgerollt werden müsste und Tegel ebenfalls eine neue Genehmigung brauche, aber wegen der veralteten Bauweise nie erhalten werde.

Das Volksbegehren zur Offenhaltung von Tegel hat die erste Hürde genommen und wartet derzeit auf die formellen Stellungnahmen von Senat und Abgeordnetenhaus. Danach müssten 175.000 Unterschriften gesammelt werden, um einen Volksentscheid zu erzwingen. Sollte sich eine „große Mehrheit“ für Tegel aussprechen, könne die Politik das trotz gegenteiliger Beschlüsse sicherlich nicht einfach ignorieren, fand Ide. Fazit der munteren Runde: Das Herz schlägt bei vielen Berlinern für Tegel. Der Verstand spricht wohl eher für Schönefeld. Auch wenn man am BER langsam den Verstand verlieren kann.

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