Berlin : Selbstbewusst, kämpferisch

Vor allem die Islamische Föderation investiert viel Geld in neue Zentren. Aber auch teils umstrittene Vereine wollen architektonische Zeichen setzen

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In Paris beten Muslime freitags auf der Straße. Die Mieten für größere Moscheeräume sind zu hoch. In Berlin sind die Mieten niedriger – dennoch gibt es bisher nur zwei repräsentative Moscheebauten in der Stadt (in der Grafik schwarz gekennzeichnet).

Sehitlik-Moschee (1)

Der Bau am Columbiadamm ist mit seinen beiden 33 Meter hohen Minaretten, dem osmanischen Baustil, der handgearbeiteten Keramik und feinster Kalligraphie das prächtigste muslimische Gotteshaus in Berlin. Bauherr ist die Türkisch-islamische Union der Anstalt für Religion, kurz Ditib, die dem Religionsministerium der Türkei untersteht. Die Moschee wird zwar offiziell im November eröffnet, doch finden dort längst Gottesdienste und auch Führungen statt. Die Gottesdienste werden in arabischer und türkischer Sprache abgehalten.

Ahmadiyya-Moschee, Wilmersdorf (2)

Sie hat zwei Minarette, eine 26 Meter-Kuppel und ist, 1925 eröffnet, die älteste Moschee Deutschlands. Erbaut wurde sie von der Ahmadiyya Anjuman, einer innerislamischen „Reformbewegung“, die sich in Ende des 19. Jahrhunderts in Indien gründete. Die Mehrheit der Muslime erkennt diese Bewegung nicht an. 1914 teilte sich die Ahmadiyya in zwei Gruppen. Die Gruppierung, die die Wilmersdorfer Moschee baute, existiert heute in Berlin nicht mehr. Die andere will in Pankow eine Moschee bauen.

Voraussichtlich nächstes Jahr werden zwei neue große Moscheebauten in Kreuzberg dazu kommen, die in der Grafik mit roter Farbe gekennzeichnet sind.

Fatih-Moschee, Falckensteinstraße (3)

Bauherrin ist die Islamische Föderation Berlin (IFB). Sie ist in Berlin vor allem bekannt, weil sie gegen viel Widerstand durchgesetzt hat, dass sie an 31 Berliner Grundschulen Islamunterricht erteilt. Architekt Mehmet Bayram plant fünf Stockwerke mit Gebets- und Büroräumen. Dass es sich um eine Moschee handelt, wird man an einem Eckturm erkennen können, der sich wie ein kleines Minarett über das Dach erhebt. Der Boden des Grundstücks ist ausgehoben, Mitte nächsten Jahres soll die Moschee fertig sein.

Maschari-Center Skalitzer Straße (4)

Auf dem ehemaligen Bolle-Grundstück steht bereits der Rohbau mit den vier Minaretten. Der Neubau verfügt über eine Nutzungsfläche von 7000 Quadratmetern, der Großteil ist dem Gebetsraum für 230 Menschen vorbehalten, der sich über drei Geschosse erstrecken soll. Außerdem sind Läden, Büro- und Seminarräume geplant. Ob der Eröffnungstermin 2007 eingehalten werden kann, hängt vom Spendenaufkommen ab, sagt Birol Ucan, Sprecher des „Islamischen Vereins für wohltätige Zwecke“, der als Verband Bauherr ist. Ucan zufolge wurde die Gemeinschaft vor zehn Jahren gegründet und ist eine unabhängige Einrichtung sunnitischer Muslime. Bislang treffen die Vereinsmitglieder sich in der Skalitzer Straße 33, wo auch Seminare über den Islam und arabische Sprachkurse angeboten werden. Der Verein ist innerhalb der Muslime in Berlin umstritten. Kritiker werfen ihm vor, eine sektenähnliche Doktrin zu vertreten. Der Verein gilt als deutscher Ableger einer französischen Gruppierung namens „Habaschi“, die 1983 im Libanon gegründet wurde. Während Kreuzbergs Baustadtrat und künftiger Bürgermeister Franz Schulz (Grüne) dem Verein eine „liberale“ Haltung bescheinigt und auch der Verfassungsschutz keine Einwände hat, ist der Islamwissenschaftler Ralf Ghadban von der Evangelischen Hochschule in Zehlendorf der Meinung, der Verein gehöre einer „extrem radikalen Strömung“ an. „Alles üble Nachrede“, sagt dazu Ucan. „Wir grenzen uns von fundamentalistischen Tendenzen ab“.

Auch andere Moscheevereine sind mit Neu-, An- und Erweiterungsbauten beschäftigt.

Pankow-Heinersdorf (5)

Die als erzkonservativ geltende Ahmadiyya-Gemeinde hat in der Tiniusstraße in Heinersdorf ein 5000 Quadratmeter großes Grundstück gekauft, wo sie eine Moschee mit Kuppel und Minaretten bauen will. Seit einem halben Jahr protestiert eine Bürgerinitiative dagegen, es gab Demonstrationen, an denen sich gegen den Willen der Heinersdorfer die NPD beteiligte. Auch Teile der Berliner CDU unterstützen den Protest. Sie werfen der Ahmadiyya-Gemeinde vor, dass sie in Heinersdorf eine Moschee errichten will, obwohl dort keine Mitglieder leben. Viele Heinersdorfer werten das als Zeichen dafür, dass es den Ahmadiyyas um Missionierung geht. Weil baurechtlich nichts einzuwenden ist, wird das Bezirksamt Pankow wohl die Genehmigung erteilen. Weder Verfassungsschutz noch der Berliner Innensenator haben etwas gegen die 200 Mitglieder starke Gruppierung einzuwenden. Die evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen unterstellt ihr ein „vordemokratisches, absolutistisches Staatsverständnis“, aber niemand zweifelt an der Gewaltlosigkeit der Ahmadiyyas, die in ihren Heimatländern Pakistan und Indien verfolgt werden. Bisher betet die Gemeinde in einem Einfamilienhaus in Reinickendorf.

Pflügerstraße Neukölln (6)

Seit mehr als drei Jahren schwelt in Neukölln der Streit um ein Begegnungszentrum mit Moschee, das der 2001 gegründete islamische Verein Inssan in derPflügerstraße bauen möchte. Den Bauantrag des Vereins für das bereits zum Teil gekaufte Grundstück lehnte Baustadträtin Stefanie Vogelsang (CDU) mit der Begründung ab, dass das 5000-Quadratmeter-Projekt zu groß sei und nicht in das Wohngebiet passe. Außerdem wirft sie Inssan eine große Nähe zu radikalen Islamisten vor. Dem widersprechen neben den Inssan-Vertretern auch namhafte Unterstützer des Vereins, zu denen die frühere Ausländerbeauftragte Barbara John (CDU) gehört. Sie heben hervor, dass Inssan sich für einen modernen Islam und für den Austausch mit Nichtmuslimen stark macht. Sollte Neukölln bei seiner Haltung bleiben, will Inssan in anderen Bezirken nach einem Areal sucht.

An vier verschiedenen Stellen in der Stadt sollen bestehende Moscheen ausgebaut werden.

Mevlana-Moschee, Skalitzer Straße (7)

Die Islamische Föderation baut das Gebäude aus. Die Pläne für ein wuchtiges, mehrstöckiges Haus mit großer Kuppel und Minaretten seien auf Eis gelegt, sagt Burhan Kesici, IFB-Vizepräsident. Vorerst entstehe ein kleinerer Bau im Hinterhof. Fertigstellung: Ende 2007.

Ayasofya-Moschee, Tiergarten (8)

Die Moschee in der Stromstraße ist die zweite Moschee, die die Föderation baulich erweitern will.

Islamisches Zentrum Imam Riza (9)

Das Zentrum will in der Neuköllner Reuterstraße aufstocken. Auch hier verweigerte Baustadträtin Stefanie Vogelsang (CDU) die Baugenehmigung, man streitet sich vor Gericht. Vogelsang wirft der Gemeinde vor, antisemitische und antichristliche Propaganda zu verbreiten. Islamexperten sehen die Imam-Riza-Moschee als Treffpunkt türkischer Hisbollah-Anhänger und Ayatollah-Khomeini-Fans. Die Moschee wird auch zu den Organisatoren des Al-Quds-Tages (Anti-Israel-Tag) in Berlin gezählt, an dem weltweit Islamisten gegen Israel demonstrieren. Gegen diesen Vorwurf verwahren sich die Vertreter der Moschee.

Adalbertstraße, Kreuzberg (10)

Auch die bosnische Gemeinde in der Adalbertstraße will sich im Hinterhof weiter vergrößern.

Neu ist, dass muslimische Vereine nicht mehr nur in den Innenstadtbezirken nach Grundstücken suchen, sondern auch in den Außenbezirken. So möchte sich die Islamische Föderation auch in Rudow und Mariendorf niederlassen.

Mariendorfer Damm 148

Dort will ein Moscheeverein der Islamischen Föderation ein leer stehendes Gebäude als religiöses und soziales Zentrum nutzen. Dafür liegen der Bauverwaltung des Bezirks allerdings zwei widersprüchliche Anträge vor. Anfangs beantragte die islamische Gemeinde, das Haus als Seniorenwohnheim zu betreiben, was der Bezirk Tempelhof-Schöneberg genehmigte. Dann folgte ein Antrag auf ein Gemeindezentrum. Der Bezirk hat die Islamische Föderation um Klärung gebeten – bislang ohne Ergebnis. Das Mariendorfer Projekt zeigt, dass es personelle Verbindungen zwischen der Islamischen Föderation und der vom Verfassungsschutz beobachteten islamistischen Organisation Milli Görüs gibt: Bei einem Islam-Festival im September sammelten Mitglieder der Mariendorfer Gemeinde für ihr Projekt Geld. Gefragt, zu wem sie gehören, zeigten sie auf einen Stand, an dem ein Schild der Milli Görüs hing.

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