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Sozialbericht : Berlins Problemviertel konzentrieren sich im Westen

Der neue Sozialatlas sieht die Kinderarmut in den Brennpunkten der Stadt auf dem Vormarsch, obwohl die Arbeitslosigkeit dort überdurchschnittlich abnimmt. Zu den Absteigern zählen besonders Westbezirke.

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Die Gegend um das Kottbusser Tor zählt zu den Brennpunkten, doch andere Teile Kreuzbergs gehören zu den sozialen Aufsteigern.
Die Gegend um das Kottbusser Tor zählt zu den Brennpunkten, doch andere Teile Kreuzbergs gehören zu den sozialen Aufsteigern.Foto: Mike Wolff

Die Zunahme der Kinderarmut in den sozialen Brennpunkten der Stadt zählt zu den wichtigen Ergebnissen des neuen Berichtes zur sozialen Lage in Berlin, den die Senatorin für Stadtentwicklung Ingeborg Junge-Reyer am Donnerstag vorgestellt hat. Besonders stark nahm die Zahl der bedürftigen Kinder in Spandau-Mitte sowie in den Stadtteilen Wedding und Moabit zu. Auch in Neukölln-Nord sind immer mehr Eltern auf soziale Transfers angewiesen, was die Studie als Kennzeichen von Kinderarmut wertet.

„Arbeit zu finden heißt nicht, der Armut zu entkommen“, sagt Stadtsoziologe Hartmut Häussermann. Für den Verfasser der Studie zeigt die Entwicklung, dass die Stabilisierung problematischer Quartiere kein Selbstläufer ist, selbst wenn wirtschaftliches Wachstum mehr Arbeit schafft. Vielmehr zwängen Minijobs oder schlecht bezahlte Stellen immer mehr Menschen dazu, außerdem noch staatliche Hilfen in Anspruch zu nehmen, um über die Runden zu kommen. „Wir nehmen diese Frage ernst“, sagte auch Stadtentwicklungssenatorin Junge-Reyer.

Sie sieht aber auch gute Nachrichten: Während sich auf der sozialen Landkarte der Stadt in früheren Jahren die Schere zwischen arm und reich sowie zwischen erwerbstätig und arbeitslos weiter öffnete, hat sich dieser Trend verlangsamt. Ausgerechnet in Brennpunkten, die größtenteils in der westlichen Innenstadt liegen, ging die Arbeitslosigkeit stärker zurück als in gut bewerteten Quartieren, liegt dort aber immer noch deutlich höher. Von „Entwarnung“ sprach dennoch Stadtsoziologe Häussermann. Weil der Senat in den betroffenen Vierteln Familienzentren aufbaut, Bildungsverbünde schmiedet und Kiezinitiativen mit dem Programm „Aktionsraum Plus“ fördert, sieht sich Senatorin Junge-Reyer in ihrer Arbeit bestätigt: „Die sozial problematischen Gebiete haben sich nicht von der gesamtstädtischen Entwicklung abgekoppelt.“

Dass Kreuzberg und Nord-Neukölln nun auch als Wohnorte so in Mode gekommen sind, hat sich auch in den Statistiken des „Sozialmonitorings“ niedergeschlagen – die Quartiere zählen zu den Aufsteigern. Dagegen spitzt sich die Lage in einigen Großsiedlungen zu: in Marzahn-Hellersdorf, aber auch in der Gropiusstadt und dem Märkischen Viertel „steigt die Problemdichte“, sagt Häussermann. Bedenklich sei diese Entwicklung, und es drohten sich dort die „Slums des 21. Jahrhunderts“ zu entwickeln.

Ein weiterer Trend ist die „kontinuierlich ansteigende Zahl der Kinder und Jugendlichen mit Migrationshintergrund im ganzen Stadtgebiet“, sagt der Stadtsoziologe. Fast jeder zweite Berliner unter 18 hat keine deutsche Wurzeln (43,1 Prozent). Häussermann zufolge fächert sich aber bei einem Blick auf die sozialen Faktoren diese Gruppe immer stärker auf, weil es eben „bürgerliche“ Migranten mit Hochschulabschluss und steiler Karriere gibt, auch mit muslimischen Wurzeln. Deshalb will er keinen Zusammenhang zwischen Migranten und Arbeitslosigkeit gelten lassen: In Nord-Marzahn etwa sei nicht mal jeder vierte Jugendliche ein Migrant, trotzdem ist dort jeder zehnte Jugendliche arbeitslos. Dagegen ist in Neukölln-Nord die Jugendarbeitslosigkeit geringer, obwohl vier von fünf Jugendlichen ausländische Wurzeln haben. „Die soziale Lage hat mit dem Migrationshintergrund wenig zu tun“, folgert der Stadtforscher.

Trotz der Erfolge ist die weitere Finanzierung der sozialen Programme laut Senatorin Junge-Reyer noch offen. Es gebe eine „Lücke von fünf bis acht Millionen Euro“, die der Bund gerissen habe durch die Kürzung der Mittel für die Soziale Stadt. Der Verband Berlin-Brandenburgischer Wohnungsunternehmen forderte nach der Veröffentlichung des Berichtes: „Angesichts der andauernd großen Problemlagen in der Stadt muss das Programm soziale Stadt unbedingt fortgesetzt werden“. Das Programm sei ein „Erfolg“.

Eingeordnet werden die Quartiere in vier Gruppen nach sechs Faktoren: Langzeitarbeitslosigkeit, Arbeitslosigkeit, Jugendarbeitslosigkeit, Aufstocker (Empfänger staatlicher Hilfe trotz Erwerbstätigkeit), Kinderarmut, Anteile von Jugendlichen mit Migrationshintergrund. In Berlin gibt es 34 Quartiere in der Gruppe 4 mit „sehr niedrigem Entwicklungsindex“. Darunter in Mitte Körnerstraße und Huttenkiez, in Friedrichshain-Kreuzberg Askanischer Platz und Mehringplatz, in Charlottenburg die Paul-Hertz-Siedlung, in Neukölln die Schillerpromenade und die Silbersteinstraße, in Marzahn-Hellersdorf Marzahn-West. Von Gruppe 4 „aufgestiegen“ sind der Oranienplatz in Kreuzberg, Wissmannstraße und Hertzbergplatz in Neukölln.

Einen sprunghaften Aufstieg von Gruppe vier in Gruppe zwei haben die Eckschanze in Spandau, die Zillesiedlung in Mitte und am Tierpark in Lichtenberg. Dagegen sind in Mitte der Beusselkiez, die Jungfernheide in Charlottenburg-Wilmersdorf, der Germaniagarten in Tempelhof-Schöneberg abgestiegen. Sogar um zwei Stufen verschlechtert haben sich die Heidestraße in Mitte sowie in Neukölln die Ederstraße.

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