Stadtentwicklung : Die Gas-Metropole Berlin

Ilja Richter und andere Kämpfer für die alten Laternen sehen sich gestärkt: Ein Gutachter bescheinigt dem Licht historische Bedeutung.

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Mehr Licht, weniger CO2. Die alten Gasreihenleuchten aus den fünfziger Jahren (re.) sollen neuen Laternen mit Leuchtstoffröhren (li.) weichen.
Mehr Licht, weniger CO2. Die alten Gasreihenleuchten aus den fünfziger Jahren (re.) sollen neuen Laternen mit Leuchtstoffröhren...Foto: Promo

Die Freunde der Berliner Gaslaternen haben schon mit einigen Aktionen auf ihr Anliegen aufmerksam gemacht – dazu gehörten der von Schauspieler Ilja Richter organisierte Benefizabend, eine Menschenkette ums Charlottenburger Amtsgericht und eine Petition mit 21 000 Unterschriften, die dem Senat übergeben wurde. Aber dieser setzt den Mitte 2012 begonnenen Austausch sogenannter Gas-Reihenleuchten an Peitschenmasten gegen elektrische Laternen mit Leuchtstoffröhren, die weniger Energie verbrauchen, fort. Nun soll ein Gutachten, das am Mittwoch vorgestellt wurde, den Denkmalwert der Gasleuchten untermauern.

Für ihn habe „Denkmalschutz Vorrang vor Energiesparen“, sagte Ilja Richter und kritisierte, vom Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) gebe es bisher „keine Erklärung zur Bedeutung des Gaslichts“, obwohl dieser für Kultur zuständig sei. Eigentlich habe er zeitlebens SPD oder Grüne gewählt, sagte Richter, doch im Streit um die Straßenlaternen habe sich „nur die CDU anständig verhalten“. Er wisse, dass einige Christdemokraten den Abbau der Gaslaternen ablehnten, doch fänden sie in der schwarz-roten Koalition kein Gehör.

Das Gutachten haben die Vereine „Gaslicht-Kultur“ und „Denk mal an Berlin“ aus dem Erlös des Benefizabends finanziert, der im Oktober mit vielen Künstlern und Prominenten in der Komödie am Kurfürstendamm stattgefunden hatte. Dazu passt, dass der beauftragte Gutachter Dietrich Worbs sich zuletzt auch gegen den Abriss der alten Ku’damm-Bühnen engagiert hatte. Ausreichend qualifiziert als Fachmann ist er auf jeden Fall: Der Architekt und Stadtplaner war von 1985 bis 2004 Mitarbeiter des Landesdenkmalamts – nun will er auch dieses umstimmen.

Das zur Stadtentwicklungsverwaltung zählende Amt urteilt, Gasleuchten allein könnten nicht geschützt werden. Es sei höchstens denkbar, sie in bestehenden Denkmalbereichen als „weitere Bestandteile“ einzubeziehen.

Worbs argumentiert dagegen, es gebe in Berlin „eine Fülle“ geschützter kleiner Objekte von Brunnen bis zu Skulpturen. Entscheidend ist für ihn die historische Bedeutung des Gaslichts: Es habe im 19. und 20. Jahrhundert „die Entwicklung Berlins zur modernen Großstadt und Metropole überhaupt erst möglich“ gemacht. Geschäfte, Lokale, Theater und Vergnügungsstätten hätten ihre Öffnungszeiten verlängert, weil abends mehr Berliner und Touristen flanierten. Es handele sich also um „geschichtliche Zeugnisse der modernen Städtebau-, Technik- und Sozialgeschichte“.

Darüber hinaus attestiert Worbs den Gaslaternen künstlerischen Wert: „Im Laufe von 150 Jahren haben viele Designer vom Klassizismus über den Historismus und den Jugendstil bis zum Funktionalismus immer neue, vielfältige und künstlerisch hervorragend gestaltete Formen geschaffen.“ Hinzu komme eine städtebauliche Bedeutung der alten Laternen, die einige Straßenzüge und Plätze prägten. Auch aus wissenschaftlicher Sicht gebe es Gründe für die Erhaltung der Laternen – denn trotz vieler Fachliteratur zur Geschichte der Gasversorgung und Straßenbeleuchtung sei „die Forschung keineswegs abgeschlossen“, es fehle zum Beispiel ein nach dem Baualter geordnetes Kataster.

Mit diesen Argumenten eines Fachmanns „können wir dem Thema ein ganz neues Gewicht geben“, hofft Agnete von Specht, Geschäftsführerin des Vereins „Denk mal an Berlin“. Man wolle das Gutachten den Abgeordnetenhausfraktionen, Stadtentwicklungssenator Michael Müller (SPD) und dem Landesdenkmalamt zugehen lassen.

Außerdem wird internationale Unterstützung gesucht. Die beiden verbündeten Vereine haben sich dafür jetzt an überregionale Denkmalschutz-Institutionen gewandt. Die Stiftung „World Monuments Watch“ soll die Gas-Straßenbeleuchtung in ihre Liste der 100 gefährdetsten Denkmale der Welt aufnehmen – und der von nichtstaatlichen Denkmalschutzorganisationen getragene Verband „Europa Nostra“ die Laternen in seinem Programm zur Rettung bedrohter europäischer Denkmale berücksichtigen.

Informationen online unter www.gaslicht-kultur.de und www.denk-mal-an-berlin.de

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