Angler-Glück : Das Ungeheuer von Loch Nass

Ein Angler hat einen riesigen Wels aus dem Schlachtensee gezogen - und damit den Beweis für so manchen Mythos.

Stefan Jacobs
Wels
Mittlerweile filetiert im Kühlschrank: Der 1,68 Meter lange Fisch und Angler Aulich. -Foto: Anglerverein "Wels e.V."

Vielleicht gelten Angler auch deshalb als schweigsam, weil ausgebreitete Arme manchmal mehr sagen als Worte. Nur wird es bei 1,68 schon schwierig. Aber so groß war der Wels, den Andreas Aulich Donnerstagnacht aus dem Schlachtensee gezogen hat. Einsachtundsechzig, das ist etwa Altkanzlerlänge.

Aulich hatte ein Stück Ukelei – ein kleiner Schwarmfisch mit ängstlichen großen Augen – als Köder am Haken und hoffte auf Zander, während sich die Nacht über den Schlachtensee legte. Dann tauchte die Leuchtpose ab – und Aulich beinahe hinterher. Zerren, lassen, zerren, durchhalten. Bis die Rute brach. „Jeder Fehler macht sich mit Verlust des Fisches oder Bruch der Rute bemerkbar“, berichtet Georg Topka, Vorsitzender von Aulichs Angelverein „Wels e.V.“ Den Verlust des Fischs hat Aulich mit einem Sprung ins Wasser und dem Welsgriff verhindert. Welsgriff ist, wenn man dem Tier ins Maul langt und es mit erhobenem Daumen aus dem Wasser hievt. Dabei trägt man sinnvollerweise einen Lederhandschuh, weil die rauen Hornplatten im Welsmaul sonst böse Abschürfungen geben können. „Heilt sehr schlecht“, sagt Topka, der in nächster Zeit mit einer Runde Räucherwels im Verein rechnet. 32 Kilo schwer war der Fisch, gewogen und vermessen im Fachgeschäft „Rod’s World“ in der Alboinstraße. Laut Wikipedia schmeckt Wels jenseits von einsdreißig gar nicht mehr, aber Topka sagt: „Der Wels lebt zwar im Modder, aber nimmt ihn – im Gegensatz zum Karpfen – nicht auf. Er schmeckt also auch nicht nach Schlamm.“

Während beim Welsverein der Ofen vorglüht, raunen Kinder- und Hundebesitzer auf der Liegewiese. Seit jeher erzählt man sich in Zehlendorf von Dackeln, die nie wieder auftauchten. In einem Online-Taucherforum schreibt einer sogar von einem Wels „bei uns in der Krummen Lanke, der gleich noch die Oma am anderen Ende der Leine frisst“. Auch Topka hat etwas beizusteuern: In klaren Mondnächten habe er schon erlebt, wie Welse den Enten oder Blessrallen mit ihrem Schwanz derart eins auf den Schnabel gaben, dass sie die betäubten Vögel dann mühelos in ihr dunkles Reich hinabziehen konnten. Man bedenke nur, dass Enten und Rallen im Sommer oft neun Junge hätten und im Herbst nur noch drei, sagt Topka.

Die Biologin Susanne Jürgensen vom Berliner Fischereiamt berichtet, dass Welse bis zu 80 Jahre alt werden können. Aulich ist 41 und hat nun vielleicht einen, nun ja, Zeitzeugen von Krieg und Mauer in der Tiefkühltruhe. Kein Grund zur Schwermut aber, denn der Fisch bzw. seine Entnahme ist ein Beitrag zur Umweltpflege, wie Susanne Jürgensen weiß: Wer größer sei als das in Berlin vorgeschriebene Mindestmaß von 75 Zentimetern, „den kann und sollte man mitnehmen – im Interesse der verbliebenen Kollegen“. Mit den Fischen sei es wie mit Bäumen, die schwächelten, wenn sie zu dicht beieinander stehen. Außerdem habe der Wels viele kleinere Fische verspeist, die wiederum Plankton gefressen und so eine Menge Nährstoffe aus dem Wasser geholt hätten. Das sei gerade in Berlin gut, wo die Gewässer so nährstoffreich sind, dass sie in der Sommersonne oft grün und trübe werden. Aus demselben Grund setzt das Fischereiamt sogar Welse aus, die Bleie wegschnappen sollen. Bleie, zeugungsfreudig und grätenreich, würden im Interesse der Wasserqualität sogar abgefischt und ihre Kadaver zu Biogas vergoren. Die Aktivität der 23 000 Berliner Hobbyangler und 29 Berufsfischer sei also aus ökologischer Sicht zu begrüßen: 107 Tonnen Biomasse hätten sie im Vorjahr abgefischt; meist in Form von Aal, Zander und Plötze.

Zu den Welsen sagt Susanne Jürgensen noch: „Es ist nie der Letzte, den man da rausholt.“ Ein schöner Satz, wenn man auf der Wiese am Schlachtensee sitzt und den badenden Kindern zuschaut, unter deren Füßen die „verbliebenen Kollegen“ nun mehr Platz zum Weiterwachsen haben. Drei Meter und 150 Kilo sind drin, sagen Experten. Wobei „drin“ vielleicht sogar wörtlich zu nehmen ist: In den 80ern hat ein Fischer einen 2,5-Meter-Wels aus der Krummen Lanke geholt. Mit Netz. Er hat ihn wieder freigelassen, damit jemand wie Aulich ihn angeln kann. Es ist noch niemandem gelungen.

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