Ausstellung : Auf Foto-Tour von Berlin nach Istanbul

Die Fotografin Ute Langkafel zeigt in einer öffentlichen Galeriemeile Bilder der klassischen Gastarbeiter-Route - der Transitstrecke Berlin-Istanbul.

Ferda Ataman
Langkafel
Die Fotografin. Ute Langkafel stellt ihre 20 Bilder am Kottbusser Tor aus. -Foto: Thilo Rückeis

„Geldik“, wir sind da! Jedes Jahr atmen Tausende Deutschtürken auf, wenn sie sich in die Autoschlange am Grenzübergang Kapikule einreihen können. Das bulgarische Tor zur Türkei ist eine karge Grenzstation, deren Anblick bei unzähligen Türken in den vergangenen Jahrzehnten Glückshormone freigesetzt hat. Es bedeutet das Ende einer drei Tage langen Tortur in vollbepackten Autos mit Geschenken „made in Germany“, ausreichend Proviant und wenig Schlaf. Für viele Türken stehen der Balkan und Länder wie Österreich oder Griechenland für die Route der Sehnsucht, sie liegen auf dem mühsamen Weg „in die Heimat“.

Den Anblick der Grenzstation können Berliner Türken in diesem Sommer auch ohne Reiseumstände haben: In der Dresdener Straße, hinterm Kottbusser Tor, hängen ab Sonnabend 20 Bilder der Transitstrecke Berlin-Istanbul in Großformat an Hauswänden. Fotografin Ute Langkafel zeigt in einer öffentlichen Galeriemeile Bilder der klassischen Gastarbeiter-Route, die sie 2007 dafür abgefahren hat. Vielen älteren türkischen Anwohnern in der Ausstellungsecke wird ein Bild besonders bekannt vorkommen: Es zeigt ein Stück Autobahn mit zwei Schildern darüber, auf denen „Skopje“ und „Sofia“ steht – der berühmte Scheideweg. Spätestens hier mussten sie entscheiden: Über Bulgarien oder Mazedonien?

„Ich wollte Orte kollektiver Erinnerung ausstellen“, sagt Ute Langkafel in ihrer Galerie „Mai.Foto“ in der Dresdener Straße. Auch hier hängen unzählige große und kleine Reisefotos von Orten zwischen Berlin und Bosporus. Seit Jahren arbeitet die Fotografin in Kreuzberg und entwickelt zusammen mit dem Verein Kunstasphalt Konzepte zur „interkulturellen Kommunikation“. Die aktuelle Ausstellung „Berlin Transit Istanbul“ wird von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung gefördert, weil sie Kunst in den öffentlichen Raum tragen soll. „Viele hier in der Nachbarschaft besuchen keine Galerien“, so Langkafel, „also hängen wir die Bilder auf die Straße“.

Langkafel hat etwa gegenüber der Galerie, am türkischen Männercafé „Altin Köse“, Bilder vom Istanbuler Bahnhof Sirkeci angebracht, wo in den sechziger Jahren die ersten Gastarbeiter in Züge stiegen, um in Berlin am Fließband zu arbeiten. Schon während des Aufhängens wurde sie von Türken angesprochen, die mit ihr plaudern wollten. Die Künstlerin will ihre Nachbarn bald bitten, ihr eigene Reisebilder zu zeigen, vielleicht könne man die später auch ausstellen.

Der Betreiber des Altin-Köse-Cafés, Selahattin Bingöl, findet die nostalgischen Exponate in der Straße „eine tolle Sache“, auch wenn er nicht ganz versteht, was die blond gelockte Frau von Gegenüber damit bezweckt. „Ich bin zuletzt 1984 mit dem Auto in die Türkei gefahren“, sagt er. Aber inzwischen sei ihm das zu anstrengend, er fliege lieber nach Izmir, auch wenn das wieder teurer wird. „Das dauert zwei Stunden 45 Minuten, dann ist man da. Fertig.“ Er erinnert sich schmerzlich an die Strapazen unterwegs, das müffelnde Essen im Auto, die Hitze, und dann wurde man in Osteuropa als Transittourist immer „abgezockt“, schimpft er. Allerdings, sagt er und deutet auf eine türkische Zeitung, werde seit einigen Wochen wieder empfohlen, Kapikule wegen der stundenlangen Staus zu meiden. Das Reisen mit dem Auto komme wieder. Ferda Ataman

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