Berlin-Film : Wacklige Schönheit

Regisseur Patrick Banush beweist, dass man kaum Geld braucht, um einen großen Berlin-Film zu machen.

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Schauplatz. Eine seiner Szenen inszenierte Patrick Banush in einem Waschsalon in der Danziger Straße. -Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Viktor – Mitte 20, dicke Brille, fettiges Haar – soll endgültig bei seiner Mutter ausziehen. Sie hat keine Lust mehr auf den depressiven Sohn, der in Decken gewickelt auf der Couch herumlungert und ihr die Gesangsstunden versaut. Der obdachlose Viktor sitzt nun auf der Bank auf dem Spielplatz in der Sonnenburger Straße in Prenzlauer Berg, vor dem Haus seiner Mutter, und ruft nach oben: „Ich wohne jetzt hier unten, Mama. Aber ist egal …“

Glücklicherweise nimmt sein alter Freund Otto den derangierten Viktor auf und hat auch noch ein offenes Ohr für seine Theorie: Die Liebe gibt es nicht. Nichts als eine Ansammlung chemischer Reaktionen! Wie Don Quichotte und sein Adlatus Sancho Pansa ziehen sie durch Berlin und erklären der Liebe den Krieg. Ihre Pferde sind alte Fahrräder und La Mancha ist der Weddinger Humboldthain. Im Laufe des Films werden sie Samuel Finzi in Unterhosen durch einen Teich gejagt und mit Rolf Zacher, der sich den „Don Quichotte aus Treuenbrietzen“ nennt, gekifft haben.

Patrick Banush, Regisseur und Autor, hat einen Berlin-Film gedreht. Einen Mitte-Prenzlauer-Berg-Wedding-Film genauer gesagt, schon aus logistischen Gründen, denn es gab nur ein Produktionsfahrrad. „Die Liebe und Viktor“ ist ein „Very Low Budget“-Film, der mit nur 10 000 Euro gedreht wurde, für die Banush sein Konto geplündert hat. Ein Film ohne Förderungen, ohne Sender.

Wäre man gemein, könnte man sagen: Das sieht man. Denn das Licht ist oft schlecht und manchmal wackelt das Bild. Man könnte aber auch sagen: Der Film braucht kein Geld. Er lebt davon, wie der großartig-verschrobene Viktor (Hendrik von Bültzingslöwen) in Unterhosen im Waschsalon steht und seiner sich drehenden Hose im Trockner zusieht, und davon, wie der fast unheimlich glaubwürdige gescheiterte Medizinstudent Otto (Isaak Dentler) im morgengrauenden Park steht und sich von Samuel Finzi erklären lässt, wie man ein typisches „Arztgesicht“ macht.

„Die Liebe und Viktor“ ist ein Berlin-Film, weil es nirgendwo als im Prenzlauer Berg normaler ist, mit Mitte 20 noch so sehr auf der Suche zu sein, vor allem nach sich selbst. „Wären Viktor und Otto Münchner, würden sie sich niemals die Zeit für ihre Mission nehmen, oder ihre Eltern hätten sie daran gehindert“, sagt Patrick Banush. „Die Liebe und Viktor“ ist auch ein Film übers Erwachsenwerden in einer Umgebung, in der man sich als erwachsener Jugendlicher in bester und großer Gesellschaft befindet. Das Haar wird schon dünn und man weiß immer noch nicht richtig, was man aus seinem Leben machen will. „Wenn ihr nicht aufpasst, werdet ihr irgendwann ganz jämmerliche Gestalten“, warnt Viktors Exfreundin Klara. Die beiden nehmen sich erst mal noch ein Bier.

Auch für Werbung gab es kein Geld, deswegen läuft Patrick Banush seit einigen Wochen mit einem riesigen Filmplakat auf dem Rücken durch den Kiez und verteilt Flyer. Bei Solo Pizza in der Danziger Straße liegen sie, weil Banush dem Pizzabäcker versprochen hat, dass er dafür im nächsten Film mitspielen darf. In der Videothek auf der Kastanienallee, aus der Viktor alle Liebesfilme entwendet, auch. Und natürlich im Filmcafé, der Bar mit dem winzigen Kellerkino, in dem der Film läuft. Banush hatte nach einem passenden Kino gesucht und sich auf den Bildern im Internet in den kleinen Kinosaal verliebt. Der Regisseur rief an, Filmcafé-Besitzer Arne Grüß ging ans Telefon, Patrick Banush sagte: „Das ist der schönste Kinosaal, den ich je gesehen habe“ und Arne Grüß erwiderte: „Du, ich muss hier gerade die Toasts machen, ruf doch später noch mal an.“ Das könnte auch eine Stelle aus dem Film sein: rührend, lakonisch, unglaublich witzig.

Der Film wird mittwochs bis samstags um 21.30 Uhr im Filmcafé, Schliemannstr. 15, gezeigt. Infos unter dieliebeundviktor.de

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