Comic-Comeback : Von Facebook verführt

Nach zehn Jahren Comic-Pause veröffentlichen Seyfried und Ziska die Politsatire „Kraft durch Freunde“. Ihre Protagonisten sehen aus wie Wolfgang Schäuble und Karl-Theodor zu Guttenberg.

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Kreatives Zentrum. Gerhard Seyfried und Ziska Riemann in ihrer Schöneberger Wohnung.
Kreatives Zentrum. Gerhard Seyfried und Ziska Riemann in ihrer Schöneberger Wohnung.Foto: Georg Moritz

Sie kommen nicht mehr los davon. Eigentlich wollten Gerhard Seyfried und Ziska Riemann bei Facebook nur vorübergehend eine Seite einrichten, zu Recherchezwecken für ihr aktuelles Projekt. Aber dann kamen sie auf den Geschmack. Sie ließen via Internet alte Freundschaften rund um die Welt wieder aufleben und knüpften neue.

Jetzt wollen sie nicht mehr zurück, stellen Fotos und nicht immer ganz ernst zu nehmende Informationen über sich ins Netz, achten dabei aber sehr darauf, wirklich Privates für sich zu behalten. Auch sorgen sie sich, was wohl alles mit den Daten passiert, an deren Sammlung sie da fröhlich mitwirken.

Dennoch: „Wir bleiben drin“, sagt Seyfried und schmunzelt ein wenig darüber, wie stark die Anziehungskraft der schönen neuen Medienwelt auch auf ihn ist. Es wirkt wie die reale Fortsetzung der futuristischen Geschichte, die der 62-Jährige zusammen mit seiner langjährigen Kreativpartnerin und Mitbewohnerin Ziska Riemann (37) jetzt in einem neuen Comic-Album erzählt hat – ihr erstes seit gut zehn Jahren. „Kraft durch Freunde“ heißt die politische Mediensatire, am Donnerstag wird das mit einer Party gefeiert – die standesgemäß auf diversen Internet–Seiten beworben wird.

Seyfried & Ziska: Kraft durch Freunde
Bald entbrennt ein dramatischer Machtkampf um die Kontrolle des Geräts, in den sich auch eine mysteriöse Terrorgruppe aus Italien einmischt: die gefürchteten “Banditi Brutali”.Weitere Bilder anzeigen
1 von 11Illustration: Seyfried & Ziska
26.09.2010 00:48Bald entbrennt ein dramatischer Machtkampf um die Kontrolle des Geräts, in den sich auch eine mysteriöse Terrorgruppe aus Italien...

Wieso die beiden nach vielen Jahren jetzt wieder zu dem Metier zurückkehren, in dem erst Seyfried allein und später beide als Team zu den ganz Großen der Szene gehörten? „Das Geld ist es nicht“, sagt Seyfried, „Comiczeichnen lohnt sich nicht.“ Das war Ende der 90er Jahre der Grund, wieso er nach Alben wie „Invasion aus dem Alltag“ oder „Das Schwarze Imperium“, die zu Klassikern der linksalternativen Szene wurden, und später mehreren Science-Fiction-Gemeinschaftswerken mit Ziska fast zehn Jahre lang kaum noch zum Zeichenstift griff. Stattdessen schrieb er erfolgreich historische Romane, zuletzt „Gelber Wind“ über den Boxeraufstand 1900. Ziska schrieb Drehbücher und filmte, gerade hat sie die Arbeit an einem Kleinen Fernsehspiel fürs ZDF beendet.

Dass es nun doch noch mal ein Comic geworden ist, liegt an ihrem Verleger Till Tolkemitt, sagen beide beim Kaffee in der gemeinsamen Wohnküche. Der habe sie nach dem Erfolg ihrer Werkausgabe angeregt, sich noch mal an den Zeichentisch zu setzen. Seyfried kam die Idee eines Handys, das alles registriert, was sein Besitzer tut. Daraus wurde das „Moon“, ein fliegendes, immer auf Sendung befindliches Mobiltelefon, dazu kam die Figur der lebenslustigen, aber arg naiven Fernsehmoderatorin Kookie, die dem Gerät zum globalen Siegeszug verhilft.

Eine für alle: Fernsehmoderatorin Kookie wirbt für das "Moon".
Eine für alle: Fernsehmoderatorin Kookie wirbt für das "Moon".Illustration: Seyfried & Ziska

Etliche Charaktere in „Kraft durch Freunde“ sind der politischen Realität entliehen: Der kontrollsüchtige Innenminister, der mit Hilfe des „Moon“ und des Netzwerks „Faithbook“ die Bevölkerung aushorcht, sitzt im Rollstuhl und heißt Dr. Schräuble-Locker, der von der Weltherrschaft träumende Unternehmer Klaus Dieter Freund, dessen Konzern „Kraft durch Freunde“ an die NS-Freizeitorganisation erinnert, sieht aus wie Karl-Theodor zu Guttenberg.

Aus diesen Zutaten haben die beiden einen Polit-Thriller mit ernster Botschaft und komödiantischen Einlagen gestrickt, der manchmal arg tief in die Klischeekiste greift, aber doch unterhaltsam und mit gutem Timing erzählt ist. „Facebook ist nicht aufzuhalten, und das soll es auch nicht“, sagt Seyfried. „Aber wir wollen dafür werben, bewusster damit umzugehen.“

Spaß soll man mit den neuen Medien trotzdem haben, dazu wollen auch die beiden beitragen: Sie haben eine „App“ ihres Buches erstellt, eine Art visualisiertes Hörbuch für mobile Computer. Und Musiker P.R. Kantate hat einen Song zum Comic geschrieben.

Glücksbringer: Das Covermotiv des Albums.
Glücksbringer: Das Covermotiv des Albums.Illustration: Seyfreid & Ziska

Seyfried & Ziska: Kraft durch Freunde, Tolkemitt-Verlag, 64 Seiten, 12,90 Euro, nur erhältlich bei Zweitausendeins und über www.kraft-durch-freunde.de.

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