Das Attentat : Drei Schüsse, die die Republik änderten

Heute vor 40 Jahren wurde Studentenführer Rudi Dutschke lebensgefährlich verletzt. Ein Gelegenheitsarbeiter aus Peine löste mit seiner Bluttat eine Welle der Gewalt aus. Die Folgen wirken bis heute nach.

Uwe Soukup
Dutschke
Rudi Dutschke im Jahr 1968. -Foto: dpa

Als alles fast noch Spaß war, am Vormittag des 11. April 1968, nur wenige Stunden vor den Schüssen, antwortete Rudi Dutschke auf die Frage des SFB-Mitarbeiters Wolfgang Venohr, ob er sich bedroht fühle: „Normalerweise fahre ich nicht allein rum. Es kann natürlich irgend ein Neurotiker oder Wahnsinniger mal ’ne Kurzschlusshandlung durchführen.“

Während Dutschke in die Kamera sprach, suchte ihn „irgend ein Neurotiker“ bereits. Josef Bachmann, ein Gelegenheitsarbeiter aus Peine, hatte die letzten Wochen in München zugebracht und dort gearbeitet. Seine Stelle kündigte er und ließ sich am 10. April seinen ausstehenden Lohn – 102 Mark – auszahlen. Nachts fuhr er mit dem Interzonenzug nach Berlin. Um zu Geld zu kommen, versetzt er sein Kofferradio für 32 Mark. Auf einer Parkbank stärkt er sich mit Schrippen und Wurst. Danach befragt er Taxifahrer nach Dutschkes Adresse. Jemand verweist ihn an die Kommune 1 am Stuttgarter Platz. Ein Postbote nennt ihm die Hausnummer. Bachmann klingelt, Kommunarde Rainer Langhans öffnet. Es ist 14 Uhr 30, zwei Stunden vor den Schüssen auf Dutschke.

Als Langhans später von dem Attentat erfuhr, soll er der Polizei telefonisch von dem merkwürdigen Besucher berichtet haben: „Er fragte mich, ob Rudi Dutschke hier wohne und ob er ihn sprechen könne. (…) Ich sagte ihm daraufhin, dass Rudi Dutschke hier nicht gewohnt habe und auch nicht hier sei. (…) Er fragte mich daraufhin, wo der SDS sei und wie er dort hinkommen könne. Ich sagte ihm, das ist am Kurfürstendamm, es sei hier in der Nähe. Daraufhin bedankte er sich und ging. Ich hatte den Eindruck, dass er unter ziemlicher Spannung stand.“ Langhans kann sich heute an das Gespräch allerdings nicht erinnern und hält es für ausgeschlossen, auch an dem Tag des Dutschke-Attentats in irgendeiner Weise mit der Polizei kooperiert zu haben. Dem Tagesspiegel liegt jedoch ein polizeilicher Vermerk über dieses Gespräch vor.

Tatsächlich erhält Bachmann schließlich die gewünschte Adresse gegen eine Gebühr von einer Mark bei der Meldestelle der Polizei: „Rudolf Dutschke, Student, 1000 Berlin 31, Kurfürstendamm 140“. Die lange Suche macht hungrig. Bachmann fährt mit dem Bus zurück zum Bahnhof Zoo und nimmt dort einen Imbiss. Danach macht er sich erneut auf den Weg zum SDS und traf dort Dutschke, der von Dahlem mit dem Rad zum SDS-Haus gefahren war, um Unterlagen zu holen. Bachmann überquert die Fahrbahn. „Sind Sie Rudi Dutschke?“ - „Ja.“ Bachmann schießt und trifft Dutschke drei Mal, zwei Mal in den Kopf, einmal in die Brust. Dutschke schleppt sich zu einer Bank vor dem SDS-Haus und ruft nach Vater und Mutter. Ein Passant kommentiert: „Sieh mal an, wenn´s ans Sterben geht, ruft sogar der nach Vater und Mutter.“

Nach der Tat flüchtete sich Bachmann in eine Baustelle, schoss wild um sich, schluckte 20 Schlaftabletten und wurde schließlich durch eine Polizeikugel schwer verletzt. In der Haft versuchte er mehrmals, sich das Leben zu nehmen, was ihm schließlich 1970, inzwischen verurteilt, gelang.

Dutschke wurde zunächst ins nahegelegene Albrecht-Achilles-Krankenhaus und von dort wegen der Schwere der Verletzung ins Westend gebracht. Am frühen Abend verbreitete sich in der Stadt das Gerücht, Dutschke sei verstorben. Urheber dieses Gerüchts war der Sender Freies Berlin (SFB). Dutschke überlebte das Attentat mit knapper Not und erlag den Spätfolgen im Dezember 1979.

Am Abend ist das Audimax der TU überfüllt. Die Nachricht, dass Dutschke doch überlebt hat, beruhigt die Stimmung ein wenig. Es ist die Rede Bernd Rabehls, der den Springer-Konzern und den Senat für das Attentat verantwortlich macht, die der ohnmächtigen Wut und Trauer der Versammelten eine Richtung gibt: In die Kochstraße, zum Springer-Hochhaus. En passant werden Scheiben im Amerika-Haus eingeworfen. Ein Polizeioffizier zu den Demonstranten: „Kinder, wir können euch doch verstehen, aber macht´s nicht zu doll.“ Auch in der Kochstraße gehen Scheiben zu Bruch. Die Gewaltfrage wird vom Bauch entschieden – aber nicht von allen gleich. Es kam auch vor, dass Demonstranten anderen die Steine einfach aus der Hand nahmen.

Nach dem Tod Benno Ohnesorgs im Juni 1967, der die Studentenbewegung radikalisierte, folgte dem Attentat auf Dutschke die Eskalation, auch wenn die zunehmende Gewaltbereitschaft der Studenten nicht so weit ging, sich für die Demonstration am Abend systematisch zu bewaffnen. Diese Vorbereitung übernahm stattdessen der Mitarbeiter des Berliner Verfassungsschutzes, Peter Urbach. Spät am Abend, Demonstranten belagerten und bewarfen das Springer-Hochhaus in der Kochstraße, weil sie die BILD-Zeitung für die Pogromstimmung gegen Dutschke verantwortlich machten, traf Urbach mit zwölf Molotow-Cocktails in Kreuzberg ein. Einige der Demonstranten griffen gerne zu – 15 Springer-Lieferwagen wurden stark beschädigt, einige brannten aus. Bei dem Versuch, die Auslieferung von BILD und BZ zu verhindern, wurden zwei Demonstranten überfahren und erlitten Knochenbrüche.

Eine groteske Szene spielte sich derweil, hoch über den Flammen, im Springer-Hochhaus ab: Innensenator Kurt Neubauer, sein Intimus, der Polizeivizepräsident Prill (beide SPD), und der ungeliebte Interims-Polizeipräsident Moch (CDU) beobachteten von dort das Geschehen. Prill brüllte Moch an: „Das ist keine Demonstration mehr, das ist ein Aufstand!“ Kurz nach Mitternacht rief Prill die höchste Alarmstufe der Polizei aus. Zwar blieb Moch noch einige Monate im Amt, schon deshalb, „weil mein Nachfolger Prill heißen würde“. Doch im Sommer drängte Neubauer ihn in den vorzeitigen Ruhestand. Dennoch erreichte Prill sein Ziel, Polizeipräsident zu werden, nicht. In den Ostertagen gab er eine Kostprobe seines Verständnisses von solider Polizeiarbeit („immer feste druff!“), was ihn in den Augen der britischen Besatzungsmacht disqualifizierte.

Die Demonstrationen setzten sich am Karfreitag fort. Tagsüber kam es auf dem Kurfürstendamm und in der Nähe des Rathauses zu Zusammenstößen mit der Polizei. Am Abend verlagerte sich das Geschehen erneut nach Kreuzberg, in die Straßen rings um das Springer-Hochhaus. Straßen wurden blockiert, Polizeiwagen machten Jagd auf vereinzelte Menschen. Erst am Ostermontag beruhigt sich die Lage in der Stadt, wozu möglicherweise eine Veranstaltung unter dem Motto „Macht einen neuen Anfang!“ auf dem Hammarskjöld-Platz beitrug. Dort sprachen vor rund 8000 Zuhörern unter anderem der frühere Regierende Bürgermeister Heinrich Albertz, Ralf Dahrendorf sowie der SPD-Linke Harry Ristock.

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