Interview : "Wenn man anfängt zu kalkulieren, verliert man seine Identität"

Frontfrau Judith Holofernes und Bassist Mark Tavassol von der Band "Wir sind Helden" sprechen vor ihrem Konzert an der Waldbühne in der Wuhlheide über Identität und wie man diese im Musikbusiness bewahrt.

Zoé Jacob
Wir sind Helden
"Wir sind Helden": Jean-Michel Tourette, Judith Holofernes, Pola Roy und Mark Tavassol. -Foto: Sven Sindt

"Wir sind Helden" wird als die Deutsche Pop-Rock Band gefeiert. Im Jahre 2003 erlangte die Band mit ihrem Album "Die Reklamation" Platin Status und wurde seitdem mehrmals unter anderem mit dem wichtigsten Deutschen Musikpreis, dem Echo ausgezeichnet. Mit ihrem letztem Album "Soundso" gehen sie jetzt auf Europatournee.

Wer sind "Wir sind Helden"?

MARK: "Wir sind Helden" sind erst mal real und vier ganz normale Menschen. Drei Typen und eine Typin, Jungs und Mädchen, die immer gern Musik gemacht haben und seitdem eine unglaubliche Zeit zusammen verbringen.

Erfindet man sich mit jedem neuen Album neu?

JUDITH: Ich habe das Gefühl, dass mit jedem Album zumindest musikalisch alles sehr verwachsen ist. Es gibt keinen Bruch zwischen unseren Alben. Die Sachen, die wir seit der ersten Platte " Reklamation" angesetzt haben, haben wir konsequent durchgezogen. Es haben sich einige Details geändert, weil sich ja auch die Geschmäcker ändern. Aber wir mögen es schon - sagen wir - Haken zu schlagen. Wenn es darum geht eine Single, auszusuchen, dann wählen wir ganz gerne die aus, die eben nicht als erste vorgeschlagen wird.

Ist es also Eure Absicht, Musik entgegen den Erwartungen zu machen?

MARK: Man muss schon aufpassen dass man die Erwartungen nicht enttäuscht. Aber da steckt mehr dahinter. Jetzt, wo wir einen gewissen Punkt in unserer musikalischen Karriere erreicht haben, muss man aufpassen. Uns ist schon bewusst, dass wir mit jeder Single, die wir auskoppeln eine gewisse Aufmerksamkeit auf uns ziehen. Dadurch, dass die Radiosender eine große Verlustangst haben, ist es nicht so einfach mit der Musikvielfalt. Es ist schon ein großes Ding, wenn wir einen politischen Song wie "Endlich ein Grund zur Panik" als erstes publizieren.

Wie schafft man es, als Band nach sechs Jahren Bestehen und drei Alben sich weiterzuentwickeln und doch eine Identität zu behalten?

JUDITH: Ohne jetzt langweilig klingen zu wollen, ich glaube, dass es wirklich nur dann funktioniert, wenn man der Spielfreude nachgeht. Wenn man wirklich gerade dem nachgeht, worauf man gerade Lust hat. Und ich glaube, man verliert das Gefühl dieser Spielfreude, wenn man anfängt, sich Gedanken darüber zu machen - Entwickle ich mich gerade zu viel weiter oder doch zu wenig? - Wenn man anfängt zu kalkulieren, verliert man seine Identität.

Nach dem Tourauftakt in Berlin geht es für euch weiter nach Paris, London, Brüssel und Amsterdam. Gibt es im Ausland eine andere Identität, ein anderes "Wir sind Helden"?

MARK: Es ist schon klar, dass wir in Frankreich oder in den Niederlanden anders wahrgenommen werden als hier in Berlin: wir sind da eine Indie-Band, ein Geheimtipp, etwas das wir vor Jahren in Deutschland gewesen sind, etwas, das wir mit der Zeit angefangen haben zu vermissen. Hier spielen wir vor tausenden von Leuten. Wir sind hier in so etwas wie den Mainstream gerutscht. Irgendwann wird es den Leuten egal, woher du kommst. Du kannst dich als Musiker von deiner Identität her dem Indie-Rock zugehörig fühlen, aber es interessiert keinen. Die Auslandskonzerte sind für uns immer wieder eine Gelegenheit, dieser ursprünglichen Musikszene wieder zu begegnen.

Wie ist die Resonanz im Ausland wenn ihr auf Deutsch singt?

JUDITH: Zu unseren ersten Konzerten in Frankreich zum Beispiel kamen überraschend viele Deutsche, die dort leben. Die haben dann wieder ihre WG-Mitbewohner mitgebracht oder ihre Freunde. Beim nächsten Mal ist es dann schon 50 zu 50 Prozent Deutsche bzw. dort lebende Ausländer und Einheimische. Somit ist es interessant, dass jedes Mal, wenn wir kommen, die Quote nach oben verrutscht. Und dann, wenn wir unsere übersetzten Lieder singen, freuen sich die Leute immer wahnsinnig. Wir nennen das Gastgeschenk und die Franzosen finden das niedlich (lacht).

MARK: Für mich ist das so: Lustigerweise ist das Gefühl fast identisch, wenn man in Berlin vor tausenden oder Paris vor ganz wenigen Leuten spielt. Augenscheinlich merkt man: Oh, wir sind ja hier in einem winzigen Club! Aber das kennen wir ja von früher auch. Aber wenn wir spielen, nein, dann ist es die gleiche Magie wie in Deutschland.

Wie ist es, wenn man im Ausland auf der Bühne steht?

MARK: Es ist schon interessant auf Konzerten zu spielen, wo der Fokus hauptsächlich auf die Musik gerichtet ist und nicht auf den Gesang. Wir kennen das sonst gar nicht so, wir sind bekannt geworden durch unsere Texte, die zu unserer Musik passen.

JUDITH: Höchstens was den Gesang angeht, unterscheiden sich die Leute. Die haben immer zu dem Deutsch mitgesungen was sie noch kannten. Das war dann so was wie: Wo ist der Bahnhof? Ich heiße Hans (lacht). Die Leute, die zu unseren Konzerten kommen, sind dann auf unsere Musik konzentriert. Das macht unheimlich viel Spaß zu sehen, dass sich die Musik auch ohne die Texte transportieren lässt. Es ist sehr lustig mit einer Sprache auf die Bühne zu gehen, wo man weiß, die meisten verstehen mich gar nicht. Nur die Laute, und das klingt für sie wie "Eichhörnchen"!

Wie bewahrt man denn seine Identität, wenn man auf einmal so schnell berühmt wird? Mit dem ausgelösten Hype um deutschen Pop ist es bestimmt schwer, die Person zu bleiben, die man ist und nicht die alle wollen?

JUDITH: Wenn ich uns daran erinnere, an diese Zeit, dann sehe ich uns im Auge des Sturms sitzend. Es ist damals alles irre schnell gegangen und wir hatten zum Glück das Gefühl bei jedem Schritt dabei zu sein. Wenn wir aber für ein halbes Jahr da raus genommen wären, dann wäre uns das Gehirn implodiert…

MARK: Man muss sich das vorstellen, dass anderthalb Jahre lang wöchentlich Anfragen, Emails etc. kamen. Jedes Mal mit einer Information, dass alles noch abgefahrener ist. Irgendwann gewöhnt man sich halt daran. Und zur Identität: letztendlich sind es ja auch nur berufliche Ereignisse. Man hat ja noch seine Familie und Freunde und das ist doch der größte Kuchenanteil der Wahrnehmung. Das hat sich nicht geändert: die Entwicklung einer Band kommt ja einem dann doch nicht so sehr zauberhaft vor, wie man sich das vorstellt.

Nimmt man eine andere Identität an wenn man vor zehntausend vor der Bühne steht?

JUDITH: Erstaunlicher Weise nicht…

MARK: Man ist zwar in einem anderem Modus, den man zwar von sich kennt, wie damals vielleicht auf einem Kindergeburtstag (lacht). Aber man sieht sich quasi selber, wie man wieder runterkommt, von der Aufregung.

Habt ihr als Band ein Ritual vor jedem Konzert?

JUDITH: Ja! Eigentlich total bekloppt: die Football-Mannschaft-Umarmung und inzwischen weitet sich der Kreis: wir haben noch drei Bläser dazubekommen und natürlich unser Bandbaby. Da geht mir jedes Mal das Herz auf.

Das Interview führte Zoé Jacob

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