Stadtleben : Kammermusik mit Krokodil

Theater, Konzert, Kino, Führung: Das Museum für Naturkunde lädt zu einer ungewöhnlichen Kunstaktion

G,a Bartels

Ratsch, geht der Metallvorhang wieder runter. Ging viel zu schnell vorbei, die spannende Geschichte vom Waldelefanten, der mit anderen kostbaren Schädelpräparaten im Geweihkeller des Naturkundemuseums schlummert. Weiter geht’s durch labyrinthische Gänge, Treppenhäuser, Stockwerke hoch zum Geweihboden. Hier wird es theatralisch statt wissenschaftlich. Opernmusik donnert und eine ausgebuffte Lichtinstallation lässt spitze Geweihe dramatische Schlagschatten werfen. Das ist „Bambi – ein Bodengeweihlichtspiel“.

Die Kunstaktion „HUM – Die Kunst des Sammelns“, die nächsten Donnerstag im Museum für Naturkunde Premiere hat, ist alles in einem: Theater, Volkshochschule, Ausstellung, Performance, Kammermusik, Kino, Führung. Minigruppen von maximal neun Leuten werden auf einen Parcours durch sonst unzugängliche Sammlungen geschickt. Dort lagern über 30 Millionen Fische, Felle oder Vögel in Vitrinen und Regalen.

Taxonomen heißen die Biologen, die vom Krokodil bis zum Krebs alles gesammelt und geordnet haben. Einer von ihnen ist Charles Oliver Coleman, er leitet seit 12 Jahren die Krebssammlung. Ein Traumjob sei das, schwärmt der Kustos. Er und der Künstler Julian Klein, der Musik, Regie, Physik und Mathematik studiert hat, haben das Projekt „HUM“ ausgeheckt, mit dem ein künstlerischer Blick auf Wissenschaft geworfen werden soll.

Zuerst sei der Ort da gewesen und seine unglaubliche Atmosphäre, erzählen sie, und dann habe man in einjähriger Recherche das Projekt entwickelt. Ganz wichtig dabei: Das Naturkundemuseum soll nicht einfach nur Kulisse für einen Museumsevent sein. „Wir wollen keine Geschichten über das Haus erzählen, sondern mit ihm und seinen Menschen“, sagt Julian Klein. Unter den 70 Künstlern und Führern des taxonomischen Parcours sind auch 18 muntere Kustoden dabei, die heimlichen Stars der Aktion.

So lebendig war es lange nicht bei den Trockenfischen: ein Beamer wirft Zeichnungen an die Wand, Georg Büchner hält seine Antrittsvorlesung über Schädelnerven von Fischen und ein Professor fordert das applaudierende Publikum zu Nachfragen auf. Georg Büchner? Nein, das ist dann doch ein Schauspieler, der den Dramatiker und Wissenschaftler mimt. Aber der Professor ist der echte Oberkurator des Hauses: Paläobotaniker Stephan Schultka. Das Spiel mit Schein und Sein sei das Prinzip von „HUM“, sagt Regisseur Julian Klein. Den Leuten einen Scheinwerfer in die Hand geben, mit dem sie in die Winkel leuchten können. Dann erzählt er die Geschichte vom Känguruschwanz aus Neuguinea, der um die Jahrhundertwende im ethnologischen Museum als Staubwedel diente. Irgendwann besah sich ein Wissenschaftler ihn mal genauer und leitete davon eine neue Känguruart ab. So kam der Schwanz 20 Jahre später ins Naturkundemuseum. Wie man Objekte anschaue, definiere sie, sagt Klein. „Der Blick strukturiert die Welt.“

Menschen an Schreibtischen, in Büchern blätternd, durch die Fenster ist eine Mauer mit Einschusslöchern zu sehen. Hinten links im Bibliothekssaal liegt hinter Metallspinden eine Nische: Stehpult, drei Stühle und eine Lesung über „aus und inwendige Gestalt des Affen“. Lutz Hecht leitet sonst die Elektronenmikroskopie, jetzt erntet er mit Naturwissenschaft, Stand 16. Jahrhundert, Lacher.

Dass die Leute bei „HUM“ die repräsentativen Sammlungen besuchen und Wissenschaftler bei der Arbeit treffen, folgt der alten Idee des Naturkundemuseums, sagt Charles Oliver Coleman. Dafür wurde es einst konzipiert. Vor der Eröffnung 1890 schwenkte man dann aber auf das neue Konzept einer reinen Ausstellungsfläche um und reservierte etwa die 300 000 Schnapsleichen der Alkoholsammlung für’s Biologenauge.

Flohkrebs-Experte Coleman freut sich darauf, Menschen mit glänzenden Augen auf dem Parcours durch die Forschungssammlungen zu führen. Er will während der bunten Abende im Museum „Geschichten in Gehirne einzupflanzen“. Die erzählt er auch in seinem Büro im zweiten Stock, an dessen Tür ein Plastikkrebs baumelt. Krebs-Geschichten? „Nö, die von diesem Schmetterling hier. Den hat 1944 ein italienischer Zwangsarbeiter mitgenommen und gab ihn vor ein paar Jahren wieder an uns zurück.“

„HUM – die Kunst des Sammelns“, Invalidenstraße 43., 28. 2- 9. 3., 19 Uhr. Karten für 18 Euro im Museum und bei den Berliner Festspielen (Tel. 030/254 89 100) sowie an Vorverkaufskassen. Mehr Infos: www.hum-die-kunst-des-sammelns.de

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