Knaack Klub : Tanz ins Ungewisse

Im Knaack Klub spielten Rammstein und Knorkator. Inzwischen amüsiert sich hier schon die dritte Generation. Ist es die letzte?

Robert Meyer
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Ausgetanzt? Noch residiert der Knaack Klub in der Greifswalder Straße -Foto: David Heerde

The Sorrow: verlegt. 3 Feet Smaller und Templeton Pek: verlegt. Odd Crew: gecancelt. Die Homepage des Knaack Klubs verbreitet in diesen Tagen leichte Panik unter den Fans. Terminabsagen für Konzerte bis weit in den Dezember, das Restprogramm ähnelt einem Notbetrieb. Droht dem Club in der Greifswalder Straße in Prenzlauer Berg der Absturz?

Es wäre das Ende einer Berliner Institution. 1952 in der zweiten Etage eines Industriehofes als „Jugendheim Ernst Knaack“ gegründet, entwickelte sich der Ort bald zum Refugium für den unangepassten Teil der Ostberliner Jugend. Nach der Wende geriet alles größer, lauter und – tiefer: Die Kellerräume wurden vom Knaack-Korps „beschlagnahmt“ und – nach einer Zwischennutzung als Schülerdisco – zur Hardcore-Lounge umgestylt. Schlipsträger und Schmuddelpunks hüpften durch die „Darmwäsche“ genannten Kellerräume und stiegen morgens staubbedeckt, aber mit leuchtenden Augen hoch ins Tageslicht. Doch erst der 1992 im Erdgeschoss eingerichtete Konzert-Floor gab dem Club sein endgültiges Gesicht. Rammstein, Clawfinger, Knorkator hatten hier ihre ersten Auftritte.

So wie Musik und Inventar wechselte über die Jahrzehnte auch das Publikum. Inzwischen tanzt schon die dritte Generation im Knaack. Sonja Miske – geboren ein Jahr nach Clubgründung – ist eine der Altvorderen. Im Sommer 1970 traute sich die damals 17-Jährige das erste Mal her und erlebte knarrende Fußböden, Cola mit Rum, Musik von den Puhdys. Vielleicht hätte sie das vergessen, wäre 20 Jahre später nicht Tochter Dajana eines Morgens übernächtigt nach Hause gekommen – direkt aus dem Knaack. Mutter Miske war baff: „Mensch, das wiederholt sich ja alles.“

Noch enger ist die familiäre Verstrickung von Stan Kujas mit dem Knaack. Der Friedrichshainer besuchte bis 1991 die Oberschule direkt gegenüber dem Knaack. Schon als 14-jähriger Bengel verschaffte er sich Eintritt in die obere Tanzetage, verbrachte jedes Wochenende im Club und debütierte im Herbst 2000 als Knaack-DJ. Trägt er damit auch eine Dankesschuld ab? Denn ohne den Knaack gäbe es keinen Stan Kujas: seine Eltern lernten sich 1969 bei einem der legendären Knaack-Konzerte der Beatband Joco Dev lieben. „Meine Eltern waren total im Knaack-Fieber, sie konnten es nicht erwarten, dass der Freitag kommt“, erinnert er sich. „Papa kommt sogar heute noch ab und zu hierher, wenn ich auflege. Das letzte Mal hatte er seinen halben Friseurladen dabei.“ Stan selbst fand auch zwei große Lieben im Knaack, noch heute grübelt er über Kathleen und Natalie. Vorbei.

Mittlerweile ist DJ Stan älter als der Großteil seines Publikums. Johanna Klammer kommt seit einem Jahr in den Knaack. Die 19-Jährige schätzt den Charakter des Clubs. „Die Location ist der Hammer! Diese unterschiedlichen Leute, die man hier trifft, von Hardcore bis Alternative. “ Als Johannas Physiklehrerin erfuhr, dass ihre Schülerin in den Knaack geht, fiel ihr ein, dass sie als junge Frau auch dort war. Was wiederum Johanna verblüffte: „Meine Lehrerin im Knaack!“

Johannas Generation könnte allerdings die letzte sein, die im Knaack ihre Jugend vertanzt. Es ist das alte Lied: Die Anwohner eines neugebauten Wohnhauses in Clubnähe fühlen sich lärmbelästigt. Aber diesmal geht es ans Eingemachte, den Konzertbetrieb, das sind über 100 Abende im Jahr. „Ohne Konzerte ist der Knaack aber nicht rentabel“, sagt Clubchef Matthias Harnoß, 38. „Sonst hatten wir bis zu 1000 Gäste an einem Samstagabend“, sagt er. „Jetzt sind wir froh, wenn es 400 werden. Das ist ein schleichender Tod.“ Der trifft auch die fast hundert Leute, die per Zeitjobs am Club partizipieren. Im Mai wurde der Keller geschlossen, auch die „Dizzy Lounge“ mit den Pooltischen und der Karaoke-Bar ruht jetzt in Frieden. Zusätzlich wurde das Clubprogramm abgespeckt, und die Konzerte enden jetzt, wo sie früher begannen – um 23 Uhr.

Der Clubchef sieht in der jetzigen Situation die schwerste Krise seit Bestehen des Knaack. Vor kurzem saß er deswegem mit Bezirksstadtrat Jens-Holger Kirchner (Grüne) und dem Ordnungsamt zusammen. Man solle die Möglichkeit eines Umzugs in Betracht ziehen, so das Fazit. Harnoß erhielt wenig später eine Liste mit möglichen Adressen. Ein Objekt in der Nähe des Pfefferbergs haben sie bereits besichtigt, nur leider steht es ausschließlich zum Kauf und nicht zur Miete. Anfang November steht ein weiteres Treffen mit den Betreibern des Velodroms und der Max-Schmeling-Halle an, die über leere Räume verfügen. „Wenn sich ein Objekt anbietet, das entsprechendes Flair hat und bezahlbar ist, müssen wir ernsthaft über einen Umzug nachdenken“, sagt Harnoß. Er wolle alles tun, um irgendwie weitermachen zu können. Der Knaack verspürt wenig Lust auf Vorruhestand. Die Homepage trotzt mit den Beastie Boys: „Fight for your right to party!!!“

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