Mauerbilder : Künstler wollen East Side Gallery nicht neu bemalen

Die Künstler fordern mehr Transparenz bei den Finanzen. Der Streit gefährdet die Sanierung der Mauergalerie.

Sandra Dassler,Ralf Schönball
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Kani Alavi, Initiator der Galerie, weist die Vorwürfe zurück. -Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Zwei Millionen Euro stehen für die Sanierung der East Side Gallery zur Verfügung – und um die Verteilung dieser Mittel streiten jetzt ausgerechnet zwei Künstler, die mit ihren farbenfrohen Mauerbildern dem Frieden und dem Ende des mörderischen ideologischen Wettstreits ein Denkmal gesetzt hatten.

„Das Geld zur Sanierung der East Side Gallery wird zweckentfremdet“, sagt Bodo Sperling: „Uns wird ein Honorar von 3000 Euro angeboten – dabei entsprechen die Mittel der Lottostiftung 9000 Euro je Künstler.“

Der Künstler aus Frankfurt am Main hatte ein Jahr nach der Wende das Bild Nummer 18 gemalt und gestern zu einer Pressekonferenz in die Galerie Bereznitsky geladen, um mehr Transparenz der Finanzplanung für die Sanierung der East Side Gallery zu fordern: „Da wurden 100 000 Euro für ein Gerüst eingeplant, das man schon für 6000 Euro bekommen kann – und das ist nur ein Beispiel.“ Sperling forderte deshalb im Namen von 15 weiteren Künstlern: „Glasnost – die Offenlegung der Verwendung aller Gelder!“

East Side Gallery im neuen Glanz
Februar 2012: Auch bei klirrender Kälte lassen sich Touristen an der East Side Gallery fotografieren.Weitere Bilder anzeigen
1 von 21Foto: Kitty Kleist-Heinrich
07.02.2012 10:26Februar 2012: Auch bei klirrender Kälte lassen sich Touristen an der East Side Gallery fotografieren.


Vor allem kritisiert Sperling seinen Künstlerkollegen Kani Alavi. Der hat das Bild „Es geschah im November“ geschaffen. Alavi weist den Vorwurf, ein zu geringes Honorar anzubieten, zurück: Für die auswärtigen Künstler würden auch Hotelrechnungen, Fahrtkosten und Verpflegung übernommen, sagt er. Außerdem falle eine Menge Verwaltungsarbeit an: Visa beschaffen, Kosten abrechnen – das alles sei nicht auf den Schultern ehrenamtlicher Mitarbeiter abzuladen.

Alavi ist Vorstand des Vereins „Künstlerinitiative East Side Gallery“, den er Mitte der 90er Jahre gründete. Er ist auch der Ansprechpartner für Senat, Bezirk und die Firma S.T.E.R.N, die die Arbeiten zur Sanierung des Betons vergibt, der zu bröseln begann. Wie berichtet, soll das ganze frühere DDR-Bollwerk abgestrahlt werden. Die Künstler sollen ihre Werke anschließend neu aufmalen.

Das Zerwürfnis zwischen Alavi und Sperling, die sich beide als Mitinitiatoren der East Side Gallery bezeichnen und dies beim jeweils anderen in Zweifel ziehen, gefährdet nun das ganze Kunstwerk an der Mühlenstraße. Sperling hat zur Durchsetzung seiner Rechte die Großkanzlei „Laws of the arts“ kontaktiert, sagt er. Notfalls will er wegen Urheberrechtsverletzung vor Gericht ziehen und nicht zulassen, dass sein Bild von anderen nach der Sanierung „nachgemalt“ wird.

Genau das plant aber Vereinschef Kani Alavi: „Wir können keine Wand weiß lassen, denn sonst kommen Graffiti-Sprayer und zerstören die Gesamtfolie“, sagt er. Geplant sei deshalb, andere Künstler der East Side Gallery mit der Nachbildung des Originals zu beauftragen, wenn ein Künstler nicht mitziehe. Dass zunächst alle Bilder dem Sandstrahler zum Opfer fallen, steht fest.

Dimitri Vrubel findet das schockierend. Der russische Künstler, der den berühmten „Bruderkuss“ malte, unterstützte gestern Sperlings Kritik. Er habe für sein Gemälde nie auch nur einen Pfennig bekommen, erzählt er. Auch nicht für dessen Vermarktung in den vergangenen 20 Jahren. Und jetzt habe man ihm und den anderen einfach die Pistole auf die Brust gesetzt: „Entweder ihr malt, oder Alavi lässt eure Bilder nachmalen.“ 

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