Stehende Gewässer in Berlin : Ab heute werden Schleusen bestreikt

Ab Donnerstag streiken die Schleusenwärter und Berlins Schleusen bleiben drei Tage dicht. Bis Mittwoch aber lief der Betrieb wie immer. Wir haben einen Schleusenwärter bei seiner Arbeit begleitet und gemerkt - es ist vor allem stressig.

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Streik der Schleusenwärter. Der Bund als Eigentümer habe einen Abbau von einem Drittel der bundesweit 12 000 Arbeitsplätze angekündigt.
Streik der Schleusenwärter. Der Bund als Eigentümer habe einen Abbau von einem Drittel der bundesweit 12 000 Arbeitsplätze...Foto: Ole Spata/dpa

Langsam schiebt sich ein ziemlich großer Kasten ins Bild. „Die Moby Dick ist wieder pünktlich“, sagt der Schleusenschichtleiter Klaus Raßbach mit einem zufriedenen Lächeln. Er blickt kurz auf die Uhr, greift zum Stift und trägt die Daten ins Protokollbuch ein. Vor zehn Minuten hat sich das schon vor vier Jahrzehnten in Dienst gestellte Schiff per Funk angekündigt. Raßbach stellt die Signale für den großen Pott auf Grün und öffnet die Schleusentore. Das Fahrgastschiff passt gerade so in die 67 Meter lange Schleusenkammer. Für kleine und große Yachten oder Paddler bleibt da kein Platz. Die müssen warten, bis „Moby Dick“ den 51 Zentimeter großen Höhenunterschied geschafft hat.

Ein Drittel der bundesweit 12 000 Arbeitsplätze soll abgebaut werden

Es herrscht an diesem Nachmittag reger Betrieb am Berlin-Spandauer Schifffahrtskanal. Auch Güterschiffe zum und vom Westhafen müssen durch die Schleuse Plötzensee, zwischen Seestraße und Flughafen Tegel gelegen. Dennoch hatte sich Raßbach, der hier arbeitet, auf noch größeren Trubel eingestellt. „Ich dachte, dass viele Sportboote noch rasch vor dem Streik die Schleusen passieren wollen“, sagt der 59-Jährige. „Vielleicht glauben die Kapitäne noch nicht recht daran, dass wir ernst machen wollen.“

Klaus Raßbach ist Schleusenschichtleiter. Auch er wird heute streiken.
Klaus Raßbach ist Schleusenschichtleiter. Auch er wird heute streiken.Foto: Claus-Dieter Steyer

Doch den Beschäftigten des Wasser- und Schifffahrtsamtes würden zum Streik keine Alternativen bleiben. Der Bund als Eigentümer habe einen Abbau von einem Drittel der bundesweit 12 000 Arbeitsplätze angekündigt und die finanzielle Absicherung bei einem Wechsel an einen anderen Einsatzort nicht garantiert. Von Donnerstag bis Sonnabend werden deshalb alle Schleusen in Berlin und Brandenburg bestreikt. Am Mittwoch kündigte ein Vertreter der Gewerkschaft Verdi sogar an, der Streik werde noch ausgeweitet: Auch die Schleusen Storkow, Neue Mühle und Kummersdorf werden durchgängig bestreikt, eine ganze Reihe weiterer Schleusen zudem am ersten Streiktag, dem heutigen Donnerstag.

Bis zur Wende standen alle West-Berliner Schleusen unter DDR-Verwaltung

Ab heute also wird der Arbeitsplatz von Klaus Raßbach stillstehen. Der Raum mutet an wie eine Kommandozentrale in einem Kraftwerk oder großen Verkehrsbetrieb. Sieben Monitore übertragen die Kamerabilder vom Außengelände an den Schreibtisch. Dazu kommen Computerbildschirme für die eigentliche Schleusenkammer und den Kontakt mit benachbarten Schleusen. Immerzu klingelt eines der Telefone. Kapitäne von Binnenschiffen stehen am Tresen, um die Gebühr für die Schleusung zu bezahlen. „Ich kann die Bildschirme kaum einmal unbeaufsichtigt lassen. Deshalb verlasse ich den Raum auch höchstens für einen kurzen Moment“, sagt Raßbach.

Das war 1967, als der gelernte Landschaftsgärtner nur eine Beschäftigung für den Winter suchte, noch ganz anders. Pro Schicht waren mindestens drei Mitarbeiter anwesend. Heute regelt eine Person alles alleine. Bis zur Wende standen alle West-Berliner Schleusen unter DDR-Verwaltung. „Uns ging es damals gut. Erst bei der Übernahme durch den Bund ab 1990 merkten wir, dass wir doch gegenüber unseren Berufskollegen in Westdeutschland etwas weniger verdient hatten“, erinnert sich Raßbach.

Heute hat er so einige Zweifel, ob die Einsparvorschläge des Bundesverkehrsministeriums tatsächlich ausgereift sind. Eine große Zentrale in Grünau, so habe er gehört, solle dann die Berliner Schleusen steuern. „Das widerspricht meinem Sachverstand und meiner Erfahrung“, sagt Raßbach. „Oft muss ich doch schnell aus dem Büro rennen und gerade den unerfahrenen Freizeitkapitänen Hilfestellungen beim Schleusen geben.“ Schon allein deshalb lohne sich der Streik.

Schon kündigt sich per Funk das nächste Fahrgastschiff an. Dessen dreiköpfige Besatzung signalisiert Verständnis für den Ausstand der Schleusenarbeiter. Längst stehen Ausweichfahrpläne fest. Vom Tegeler Hafen geht es ab Donnerstag eben nicht in die Berliner Innenstadt, sondern in den Lehnitzsee bei Oranienburg.

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