Steigende Mieten : Häuserkampf in Berlin

Das Wohnen in Berlin wird stetig teurer, die sozialen Spannungen nehmen zu. Das bekommen alle zu spüren, die in dieser Stadt an ihrer Zukunft bauen. Eine Spurensuche in Top- und Randlagen.

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Ein frischer Anstrich kann in Berlin für Mieterhöhung sorgen - und treibt die Bewohner an den Stadtrand.
Ein frischer Anstrich kann in Berlin für Mieterhöhung sorgen - und treibt die Bewohner an den Stadtrand.Foto: dpa

Spandau, Heerstraße Nord. Gentrifizierung? Das Wort hat Ursula Neue noch nie gehört. Die 53-Jährige lächelt verlegen. Sie zieht einen vollgepackten Einkaufstrolley aus der evangelischen Kirche im Spandauer Stadtteil Staaken. Dort gastiert jeden Donnerstag die Berliner Tafel. Frau Neue hat sich Milch, Butter, Nudeln und Reis geholt, wie jede Woche. Das Wort, das Frau Neue nichts sagt, definiert der Duden als „Aufwertung eines Stadtteils durch Sanierung oder Umbau mit der Folge, dass die ansässigen Bevölkerungsschichten verdrängt werden“, und dieses Phänomen kennt Frau Neue sehr wohl.

Es hat ihr Leben stark verändert, zumindest in den vergangenen zwei Jahren. Sie musste das Häuschen mit Garten in Charlottenburg, in dem sie groß geworden ist, verlassen und in eine Zwei-Zimmer-Wohnung in einer Großsiedlung am Stadtrand in Spandau ausweichen. Das Jobcenter, das Frau Neues Miete bezahlt, schrieb ihr vor etwa zwei Jahren, kurz nach ihrer Scheidung, sie und ihre damals zehnjährige Tochter müssten umziehen. Die Miete für das Häuschen hielt das Amt zwar für drei Personen für angemessen, nicht aber für zwei.

Ursula Neue, die vier Kinder großgezogen und seit der Heirat nicht mehr in ihrem Job als Erzieherin gearbeitet hat, suchte in Charlottenburg nach einem neuen Heim. Doch keine Wohnung mit mindestens zwei Zimmern war so günstig zu haben, dass das Jobcenter die volle Miete übernommen hätte. Eine Wohnung, die den Preisforderungen des Jobcenters entsprach, fand sie in Spandau, im Norden der Heerstraße.

Das Jobcenter wollte die Mieten in ihrem Kiez nicht zahlen

Demo gegen Gentrifizierung in Prenzlauer Berg
Sammeln für die Demo: Rund 200 Menschen kamen in die Wabe, um an der Demonstration gegen Gentrifizierung im Prenzlauer Berg teilzunehmen.
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1 von 11Foto: Isabelle Buckow
27.04.2012 19:08Sammeln für die Demo: Rund 200 Menschen kamen in die Wabe, um an der Demonstration gegen Gentrifizierung im Prenzlauer Berg...

Wie viele Menschen bisher wie Frau Neue aus zentralen Lagen der Stadt von Kreuzberg, Mitte, Charlottenburg wegen steigender Mieten in eine billigere Wohnung am Stadtrand, in die Hochhaussiedlungen in Spandau, Marzahn und Reinickendorf ausgewichen sind, ist unklar. Der Senat sammelt dazu keine Daten. Im Stadtentwicklungsbericht 2030 steht nur: „Die Wohnquartiere der inneren Stadt gewinnen durchgehend (…) durch die Außenzuwanderung und verlieren alle durch die Binnenwanderung“. Zugleich heißt es dort: „Von einer Peripherisierung, also einer systematischen Verdrängung in die äußere Stadt, kann jedoch nicht gesprochen werden.“

Aber es gibt konkrete Zahlen: Die Berliner Jobcenter registrieren die Umzüge von Menschen, die in Bedarfsgemeinschaften leben, also Hartz IV oder andere Sozialleistungen beziehen. Demnach sind zwischen März 2012 und März 2013 allein aus Charlottenburg-Wilmersdorf 325 Menschen nach Spandau gezogen, insgesamt zogen 1545 Transferleistungsempfänger nach Spandau und 749 weg. Wie in Spandau kamen auch in Marzahn-Hellersdorf im selben Zeitraum knapp 800 neue Transferleistungsempfänger hinzu, während zentrale Bezirke wie Mitte mehr als 1100, Friedrichshain-Kreuzberg fast 900 Bedürftige verloren.

Gleichzeitig werden Altbauten in der Innenstadt von Investoren gekauft und hochwertig saniert. Teure Neubauwohnungen entstehen, und manche wohlhabende Berliner im Zentrum schützen ihr Eigentum durch hohe Zäune oder privaten Wachschutz. Spaltet sich die Stadt gerade in Reiche und Arme? In Gewinner und Verlierer der Gentrifizierung? Drohen Berliner Randgebiete ins soziale Abseits zu rutschen? Wer lebt unsicherer: Mieter oder Wohnungseigentümer?

Gentrifizierungsgegner rufen im Internet zu "kreativen Aktionen" auf

Radikale Gentrifizierungsgegner tun jedenfalls schon einiges dafür, damit sich Immobilienbesitzer, Investoren und Makler in der Stadt nicht allzu wohl fühlen. Im Frühjahr stellte eine anonyme Gruppe die „Berliner Liste“ ins Internet. Auf der sind jene versammelt, die autonome Linke als Profiteure und Beschleuniger der Gentrifizierung betrachten: Hausbesitzer, Immobilienmakler, Investoren, Politiker. Die Verfasser riefen dazu auf, die auf der Liste genannten Menschen, Häuser, Firmen und Institutionen anzugreifen, mit „kreativen, militanten, radikalen, bunten, auffälligen, guten Aktionen“. Dutzende solcher Aktionen werden auf der Seite gesammelt, von Brandstiftungen, Sabotageakten auf Baustellen bis zu Farbbeutelanschlägen wie den vor zwei Wochen auf die Wohnanlage Choriner Höfe in Prenzlauer Berg.

Frau Neue zieht ihren Einkaufstrolley die Straße entlang, in Richtung der bunt gestrichenen Hochhäuser im Norden der Heerstraße. In den siebziger Jahren, als die Wohntürme neu waren, zogen viele gerne ein. Heute bezieht hier jeder Dritte Transferleistungen, fast jedes Kind lebt in einer Familie, die staatlich unterstützt wird. In die Politik setzen die Leute hier nicht viel Hoffnung, die Wahlbeteiligung in Staaken lag bei der Abgeordnetenhauswahl im Herbst 2011 unter 40 Prozent, in manchen Straßenzügen sogar unter 25 Prozent. Ursula Neue schüttelt den Kopf. Nein, Farbbeutelattacken auf Privathäuser findet sie nicht gut. „Man muss doch das Zuhause von allen Menschen respektieren“, sagt sie, ein wenig empört.

Ihre Wut richtet sich nicht gegen die in den schicken Wohnungen, sondern gegen die Hartz-IV-Politik

Die Empörung gilt aber nicht nur den Farbbeutelwerfern. Sondern auch jenen, die schuld daran sind, dass sie ihr Charlottenburger Häuschen verlassen musste. Sie sagt: „Manchmal empfinde ich auch eine solche Wut, dass ich am liebsten etwas werfen würde.“ Ihre Wut richtet sich nicht gegen die Wohlhabenden, die sich schicke Eigentumswohnungen kaufen. Auch nicht gegen Investoren, die sie bauen oder jene, die sie vermarkten. Und nicht gegen die Wohnungsbaupolitik. „Ich bin wütend auf das Jobcenter und die ganze Hartz-IV-Politik“, erklärt sie. „Ständig wird man gegängelt.“ Sie stellt den Trolley ab, kramt in ihrer Tasche und zündet sich eine selbst gestopfte Zigarette an. „Man darf nicht mal wohnen, wo man will.“

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