Streifzug durch das industrielle Berlin : Auf den Spuren der Arbeit

Einst waren Streifzüge durch Berlin ein Hochamt für Industriebegeisterte – 84 Jahre alte Feuilletons des großen Flaneurs Franz Hessel zeugen davon. Aber was bleibt von dieser untergegangenen Welt? Eine Suche nach Hessel und dem Sinn der Arbeit im Heute.

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Die alte Eisfabrik an der Köpenicker Straße wird heute von Obdachlosen, Touristen und Sprayern bevölkert.
Die alte Eisfabrik an der Köpenicker Straße wird heute von Obdachlosen, Touristen und Sprayern bevölkert.Foto: Mauritius Images

(Anmerkung: Tagesspiegel-Reporter Tiemo Rink wurde für diesen Text mit dem Ernst-Schneider-Preis 2014 ausgezeichnet, dem größten deutschen Wettbewerb für Wirtschaftspublizistik, ausgeschrieben von den Industrie- und Handelskammern.)

Szene 1: Die Fabrik

Am schnellsten bekommt man Streit mit Rosa, wenn man ihr ins Treppenhaus pinkelt. Sie sitzt hinter ihrer Wohnungstür aus Brettern, in ihrem Zimmer mit dem Bett vom Sperrmüll, und wenn es plätschert im Treppenhaus, dann läuft sie raus und schimpft. Und wundert sich über die Touristen und Bummler, die im Sommer auf dem Dach sitzen und irgendwann feststellen dass diese Ruine zwar ein toller Ort zum Biertrinken ist, aber leider keine Toiletten hat. Und so landen sie bei Rosa im Treppenhaus, öffnen die Hose und der Ärger geht los.

Tagesspiegel-Reporter  Tiemo Rink. Für diesen Text wurde er ausgezeichnet mit dem  Ernst-Schneider-Preis, dem größten deutschen Wettbewerb für Wirtschaftspublizistik, ausgeschrieben von den Industrie- und Handelskammern.
Tagesspiegel-Reporter Tiemo Rink. Für diesen Text wurde er ausgezeichnet mit dem Ernst-Schneider-Preis, dem größten deutschen...Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Aber manchmal ist da auch einer unter Rosas rund 20 bulgarischen Nachbarn, der keine Lust hat auf Streit mit den Touristen vom Dach. Und wenn man Rosa glauben mag, dann rufen sie, die obdachlosen Schwarzarbeiter aus Osteuropa, in solchen Momenten die Polizei: dass da Menschen auf dem Dach seien, darunter auch Minderjährige, und ob der Jugendschutz jetzt nicht ein Erscheinen der Beamten zwingend geböte.

Berlin, Elektropolis

Und so bricht mitunter in lauen Sommernächten eine gewisse Verwunderung rund um die Ruine aus. Rosa wundert sich über die schlechten Angewohnheiten der Touristen und die Touristen wundern sich, dass die Obdachlosen ihnen die Polizei auf den Hals hetzen. Aber da ist noch eine dritte Partei: die deutschen Trinker, die ein Zeltlager zwischen Ruine und Spree errichtet haben. Und diese Trinker wiederum wundern sich auch, wenn nämlich nachts Polizisten zwischen den Zelten auftauchen, obwohl die hier Zeltenden doch mehrfach betont haben, dass sie mit der Polizei gar nicht so viel anfangen können. Ob sich auch die Polizei wundert – man weiß es nicht. Was man hingegen weiß: Diese Ruine in der Köpenicker Straße in Kreuzberg, fast 100 Jahre lang eine Fabrik zur Herstellung von Eis – sie stiftet Verwirrung. Es ist, als sei diesem Ort seine Bestimmung entglitten. Wenn die Dinge nicht mehr so sind, wie sie einmal waren, kann das schon mal passieren.

Die alten und neuen Tempel der Arbeit
Damals, ja damals. Lang, lang ist's her, da war Berlin eine Hochburg der Industrie, das Mekka der Industriebegeisterten. Schon den großen Flaneur Franz Hessel faszinierte die Schönheit der Arbeit. "Sicherlich", so Hessel, sei in anderen Städten "der Lebensgenuß, das Vergnügen, die Zerstreuung bemerkenswerter". Berlin habe dafür aber "seine besondere und sichtbare Schönheit, wenn und wo es arbeitet". Wir haben für Sie die ehemaligen und aktuellen Tempel der Arbeit in Berlin besucht, wie hier zum Beispiel die alte Eisfabrik in der Köpenicker Straße.Weitere Bilder anzeigen
1 von 24Foto: Mauritius Images
29.08.2013 13:06Damals, ja damals. Lang, lang ist's her, da war Berlin eine Hochburg der Industrie, das Mekka der Industriebegeisterten. Schon den...

Das war nicht immer so. In verschiedene Basare sei die Stadt eingeteilt, schrieb der Autor und Flaneur Franz Hessel in seiner 1929 erschienenen Sammlung „Spazieren in Berlin“. „Etwas von der Arbeit“ heißt der Aufsatz, für den Hessel da wanderte: durch Quartiere der Metallbearbeitung und die der Tischler, durch eine Straße nur für Lampen, die andere für Schaufensterpuppen. Die großen Fabriken an der Spree, die kleinen in den Höfen. Auf den Spuren der Arbeit durch das Berlin der 20er Jahre zu streifen – es muss ein Hochamt für Industriebegeisterte gewesen sein. Die Stadt groß, die Industrie stark, als Zentrum für Elektroindustrie europaweit führend. Berlin – Elektropolis.
Und heute? Fast vergessen. Als Hessel durch die Stadt spazierte, waren bis zu 570 000 Menschen im produzierenden Gewerbe beschäftigt – bei damals gut 4,2 Millionen Einwohnern. Heute arbeiten noch rund 100.000 Berliner in der Industrie, das entspricht nicht einmal zehn Prozent aller Beschäftigten in der Stadt. Im Vergleich mit anderen Ballungszentren ist die Berliner Industrie schwach.
Also höchste Zeit, zwischen all den Kreativwirtschaftlern mal wieder einen Blick zu werfen auf das alte Berliner Panorama von Industrie, Schornsteinen und Fabrikarbeit. Auf den Spuren Franz Hessels und den Spuren der Arbeit – knapp 85 Jahre später.

Erst die Sprayer, dann die Obdachlosen, dann die Touristen

Vielleicht zu spät, denn die Arbeit ist weg. Zurück in der Köpenicker Straße, in der Ruine der alten Eisfabrik. Vor einigen Monaten ist sie hier eingezogen, sagt Rosa aus Bulgarien. Mal ist sie 35 Jahre alt, trifft man sie ein paar Wochen später, sind es nur noch 26 Jahre. Man kann es also glauben oder sein lassen, gewisse Zweifel sind angebracht, wenn sich jemand beim eigenen Geburtstag mal locker um neun Jahre vertut. Aber das Entscheidende ist nicht das Alter, sondern die Tatsache, dass da jemand wohnt in einer stinkenden Fabrikruine, auf einem kleinen Ofen in der ersten Etage kocht und die Wäsche am Bauzaun zum Trocknen aufhängt. Ihr Zimmer: der Boden ausgelegt mit PVC, das Fenster mit Gardinen verhangen, zwei Betten, ein Schrank, ein Tisch, kein Foto.

Bevor sie nach Berlin kam, lebte Rosa in Mailand: Haushaltshilfe für eine alte Italienerin, 500 Euro im Monat schwarz bezahlt. Aber dann starb ihre Arbeitgeberin und Rosa war frei oder arm oder beides, je nach Lesart. Berlin hat unter Wanderarbeitern einen guten Ruf, in Italien schwärmte man von den Jobs in der Stadt, also ging auch Rosa hierher, zusammen mit ihrem Freund, einem schweigenden Mann. Aber nichts klappt, fast nichts. 50 Euro ist der Tagessatz auf dem Bau, 20 Euro zahlen Imbissbuden für Aushilfen. Die Preise sind miserabel, sagt Rosa, deshalb wohnen sie hier, in diesem unter Denkmalschutz stehenden Relikt industrieller Zeiten, wo sie auf andere treffen, die hier auch nicht arbeiten: Touristen, für die die Ruine eine Art Abenteuerspielplatz ist und Kulisse für einen oder mehrere dieser berühmten Abende in Berlin, der Stadt mit den Brachen. Wo man auf Dächern an der Spree sitzt, den Sonnenuntergang bewundert und dann weiterzieht in die Clubs.

Das ist das Schicksal der Industriebrache: Erst kommen die Sprayer, dann die Wohnungslosen und dann die Touristen. Bier trinken sie alle, und man sieht es der Ruine an: die Scherben von mehreren tausend Flaschen, überall. Und während es tagsüber oft ruhiger auf dem Dach zugeht, ist das Camp am Spreeufer schon früher wach. Auch hier wohnen einige Bulgaren, die im Haus keinen Platz mehr fanden, und zwischen ihnen die Deutschen. Natürlich gibt es mittags Bier, wie überhaupt recht viel getrunken wird auf dieser Brache und in dieser ganzen Geschichte. Und der Zeltplatz-Anführer, nennen wir ihn Django, erzählt jedem Neuling gerne, wie er den Nachwuchspolizisten verscheuchte, der hier nachts das Gelände räumen wollte: Wo denn der Einsatzführer sei, habe Django ihn gefragt, man sieht ihn an, diesen gut zwei Meter hohen Brecher mit den Lederarmbändern und rötlichen Bartzotteln und glaubt ihm sofort: Das ist einer zum Polizeinachwuchsverscheuchen.

Und als der Einsatzleiter kam, habe Django ihn gebeten, ob er bitte das Kind da mal wegnehmen könne, denn das hier sei eine Sache für Männer. Und als der junge Polizist dann gegangen war, erklärte Django dem Einsatzleiter, dass hier heute nicht geräumt wird, und wie man ja sehe – das Camp ist noch da, sagt Django, joviale Geste über Menschen und Zelte.
Heldengeschichten vom Widerstand, auch so ein Thema für laue Berlin-Abende, erst recht hier, an der Grenze zu Kreuzberg, wo die linksautonome KöPi auf der anderen Straßenseite liegt, wo auf dem Hinterhof einer anderen Brache Mauerstücke gelagert werden und wo die Wanderarbeiter ohne Arbeit wohnen, direkt nebenan die Bundesgeschäftsstelle von Verdi. Mit anderen Worten: ein Ort, wo die Spuren der Arbeit schon gleich zu Beginn heillos in alle Richtungen ausfransen. Ein irritierender Ort. Höchste Zeit für einen klarer strukturierten. Hessel, hilf!

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