Talkrunde in Berlin-Wilmersdorf : Harte Zeiten für die Pressefreiheit

Im Rahmen der "Internationalen Aktionswoche gegen Rassismus" sprechen Medienmacher über Fake News, Lügenpresse und Presseverantwortung.

Julia Sergon
Einblick in persönliche Anfeindungen geben die gestrigen Talkgäste: Stefan Niggemeier, Mely Kiyak, Olaf Sundermeyer und Lorenz Maroldt (v.l.n.r.) gegenüber Moderator Marco Seiffert (Mitte).
Einblick in persönliche Anfeindungen geben die gestrigen Talkgäste: Stefan Niggemeier, Mely Kiyak, Olaf Sundermeyer und Lorenz...Foto: Peter Himsel

Unbewusst eröffnet Uwe-Karsten Heye mit einer "Fake News" am Montagabend die Talkrunde zu "Populismus, Politik und Propaganda" in der "Bar jeder Vernunft" in Wilmersdorf. In Hinblick auf seine Einleitung – den geplanten heutigen Besuch von Angela Merkel bei Donald Trump – ist der Vorstandsvorsitzende von "Gesicht zeigen!" nicht ganz auf dem aktuellen Stand. Dass der Flug der Bundeskanzlerin wegen eines Schneesturms inzwischen abgesagt ist, decken die Zuschauer unmittelbar auf.

Das Thema seines Intros ist nicht "gefakt", aber trotzdem nicht richtig – damit ist die Brücke zum Gegenstand des Abends "Presseverantwortung in schwierigen Zeiten" geschlagen. Neben "Fake News" diskutieren die Teilnehmer auf dem Podium, mit rbb-Moderator Marco Seiffert prägnante Begriffe wie "Lügenpresse" und "besorgte Bürger", die in der Medienlandschaft zunehmend an Bedeutung gewinnen.

"Es wird ein harter Kampf"

Die Veranstaltung ist der Auftakt zur "Internationalen Aktionswoche gegen Rassismus", des Berliner Vereins "Gesicht zeigen! Für ein weltoffenes Deutschland e.V." Einen Einblick in den Einfluss rechtspopulistischer Parteien auf ihre Arbeit geben dabei die ZEIT-Kolumnistin Mely Kiyak, die selbst schon häufiger mit rassistischen oder sexistischen Anfeindungen in Berührung gekommen ist, der Medienjournalist und Blogger Stefan Niggemeier, rbb-Journalist Olaf Sundermeyer, sowie Lorenz Maroldt, Chefredakteur des Tagesspiegels.

Zur internationalen Lage der Presse herrscht in der Runde grundlegende Einigkeit: Der Umgang mit Journalisten in der Türkei sei ein "Skandal", auf Amerika unter Donald Trump schauen die Teilnehmer dagegen optimistischer. "Es wird ein harter Kampf für die Medien in den USA, aber hier gibt es auf jeden Fall Hoffnung", so Stefan Niggemeier.

Mehr journalistische Neugier statt Abwehrhaltung

Gemeinsame Solidarität und Unverständnis herrschen auch über die Inhaftierung von Journalistenkollege Deniz Yücel in der Türkei. "Sie werfen ihm tatsächlich Recherche vor - die grundlegendste Aufgabe eines Journalisten", sagt Lorenz Maroldt empört. Auf die Frage, ob die Deutsche Bundesregierung hier ausreichend eingreift, erklärt er: "Wir können nur das einschätzen, was öffentlich kommuniziert wird. Ich hoffe aber, dass die Politik alles in ihrer Macht stehende tut, um ihn zu unterstützen."

"Ihr seid doch alle Nazis", so eröffnet Kabarettistin Idil Baydar nach einer Pause den zweiten Teil des Abends. Mit ihrem türkischen Blick auf Deutschland treibt sie dem Publikum Lachtränen in die Augen, bevor es in der Talkrunde wieder ernst wird. Die Gäste tauschen sich zu persönlichen Anfeindungen aus, die sie in ihrer journalistischen Tätigkeit erlebt haben.

Der Umgang damit bewegt sich zwischen Abgeklärtheit und Verständnis. Das verlorene Vertrauen in die Medien sei nicht immer unbegründet, gibt Maroldt zu. "Viel zu oft laufen Geschichten unter dem Prinzip journalistische Abwehr, statt journalistische Neugier. Wir lassen uns durch den Druck von außen zu Berichterstattungen hinreißen, die nicht tiefgründig genug recherchiert sind", sagt er.

Verbale Angriffe als Grenze

"Ich komme dann an meine persönliche Grenze, wenn ich durch verbale Angriffe meine Arbeit nicht mehr vernünftig machen kann", sagt der Journalist Sundermeier. Er beschäftigt sich beruflich intensiv mit Rechtspopulismus und ist häufig auf Pegida-Demonstrationen unterwegs.

Dass der persönliche Toleranzbereich in Hinblick auf die Kritik an der eigenen Arbeit sehr groß sei, sind sich alle Gäste sicher. Einigkeit auch im Hinblick auf die Pressefreiheit in Deutschland. Zwar steige die kritische Haltung gegenüber der Presse im Land, im internationalen Vergleich stimme die Lage der Pressefreiheit jedoch zuversichtlich. Damit das so bleibt ist es zunehmend nötig, dass "vor allem klassischen Medien, über die politischen Talkshows im Fernsehen hinweg, ihre Aufklärungsarbeit, vor allem im Bereich Rassismus ernstnehmen", appelliert Lorenz Maroldt.

           

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