Tempelhofer Feld in Berlin : Pioniere fürchten Feldverweis

Kunst, Kultur, Sport, Gärten und Bildung - all das ist in 22 Pionierprojekten auf dem Tempelhofer Feld ausgestellt. Nun werden diese Programme vom Senat nach vier Kriterien evaluiert, um danach über deren weiteren Verbleib zu entscheiden. Das provoziert allerdings Unruhe.

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Blütenträume. In den Gemeinschaftsgärten auf dem Tempelhofer Feld in der Nähe der Neuköllner Oderstraße wachsen Gemüse, Obst und Blumen in selbstgezimmerten Hochbeeten.
Blütenträume. In den Gemeinschaftsgärten auf dem Tempelhofer Feld in der Nähe der Neuköllner Oderstraße wachsen Gemüse, Obst und...Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Eine moderne Arche Noah zu bauen, rund 100 Meter lang, hochseetüchtig und nachhaltig, das ist das größte Pionierprojekt auf dem Tempelhofer Feld. Einige Bauhütten für die Handwerker stehen schon, 400 Freiwillige machen mit, ein Integrationsprojekt für Arbeitslose hat sich angedockt, doch mitten in der Pionierarbeit droht dem von der Unesco ausgezeichneten Projekt „Arche Metropolis“ das Ende. Der Pachtvertrag mit der Parkverwaltung von Grün Berlin läuft zum Jahresende aus. Eine Verlängerung steht infrage, denn die Macher von Arche Metropolis haben sich mit Grün Berlin überworfen.

Tempelhofer Freiheit als Modell partizipativer Stadtentwicklung

Kunst, Kultur, Sport, Gärtnern und Bildung, die 22 Pionierprojekte auf dem ehemaligen Flughafen kümmern sich um ganz unterschiedliche Themen. Sie sind als Zwischennutzer auf den künftigen Baufeldern am Rand des Parks angesiedelt, zahlen eine geringe Pacht und sollen die Entwicklung mitgestalten. Wenn sich die Pioniernutzung bewährt, „kann die Tempelhofer Freiheit zu einem Modellort der partizipativen Stadtentwicklung werden“, heißt es im Konzept. Doch drei Jahre nach der Zulassung der ersten Projekte sind viele Pioniere enttäuscht.

Schön grün - die Gärten auf dem Tempelhofer Feld
Es grünt so grün: Auf dem Gelände des ehemaligen Flughafens Tempelhof ist eine kleine Oase entstanden.Weitere Bilder anzeigen
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06.07.2012 17:08Es grünt so grün: Auf dem Gelände des ehemaligen Flughafens Tempelhof ist eine kleine Oase entstanden.

„Es gibt keine Kommunikation auf Augenhöhe“, sagt Ute Jaroß vom Theaterprojekt „Kulturgate“. Die Projekte würden von allen Seiten reglementiert. Für jedes Zelt und jede Veranstaltung müsse eine Genehmigung eingeholt werden. Die Baugenehmigung für das geplante Amphitheater habe fast ein Jahr gedauert. Das Ferienprogramm für diesen Sommer sei deshalb abgesagt worden. Einige Mitstreiter hätten schon entnervt aufgegeben.

Freiraum-Pioniere. Tarik Mustafa (links) und Martin Wittau.
Freiraum-Pioniere. Tarik Mustafa (links) und Martin Wittau.Foto: Thomas Loy

Zusätzlichen Unmut provoziert jetzt die Ankündigung des Senats, das Pionierprogramm „zu evaluieren“. Jaroß und die Arche-Gründer Tarik Mustafa und Martin Wittau befürchten, ihre Projekte würden aussortiert. Jahrelange Arbeit und viel Geld wäre damit verloren. Alle Pioniernutzer haben einjährige Verträge und bangen um deren Verlängerung.

Senatsverwaltung gibt Entwarnung: Evaluierung entscheidet nicht über Vertragsverlängerung

Daniela Augenstein von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung versucht zu beruhigen. „Wir wollen die Pioniere nicht vom Feld vertreiben.“ Die Evaluierung durch ein wissenschaftliches Institut habe nichts mit der Verlängerung der Verträge zu tun. Dennoch wird das Gutachten abgewartet, bevor über die Verlängerung der Verträge entschieden wird. Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Grün Berlin und Tempelhof Projekt GmbH werden laut Augenstein nach vier Kriterien über die Pachtverträge entscheiden: Was wurde aus dem Projekt gemacht? Wird es angenommen? Wie lebendig ist es auf dem Projektgelände? Halten sich die Betreiber an die Spielregeln, also an die Parkordnung und die erteilten Auflagen?

Die Arche-Gründer hatten bereits häufiger Ärger mit der Parkaufsicht. Von nächtlichen Partys ist die Rede, lauter Musik und zurückgelassenem Müll. Grün Berlin-Chef Christoph Schmidt spricht von mehrfachem Verstoß gegen die Parkregeln. Die Arche-Gründer fühlen sich zu Unrecht an den Pranger gestellt. Die Lärmprobleme habe man nach einem Mediationsgespräch im Griff, sagt Wittau.

Die Pioniernutzung war für den Senat ein Experiment. Der Grün-Berlin-Chef gibt zu, dass man sich alles „spontan und pionierbezogen vorgestellt habe“, das sei im Alltag schwierig umzusetzen gewesen. Der „Betreuungsbedarf“ der Nutzer sei hoch, man habe einen „Kümmerer“ abgestellt, der bei Genehmigungen helfen soll.

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