Terror in West-Berlin : Im Dienste des Schakals

Vor 25 Jahren explodierte im Maison de France am Kurfürstendamm eine Bombe. Zu Besuch im Gefängnis beim Attentäter Johannes Weinrich.

Jörn Hasselmann
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Beim Anschlag auf das Maison de France am 25. August 1983 starb ein Mensch, 23 wurden verletzt. -Foto: Mrotzkowski

Hager ist Johannes Weinrich geworden, deutlich treten die Wangenknochen hervor. Er sitzt im Büro des Gefängnispfarrers und zündet sich eine Zigarette nach der anderen an. Gleich nach der Begrüßung stellt der einst dienstälteste und gefährlichste Terrorist Deutschlands eines klar: „Über mich spreche ich nicht.“

Seit 13 Jahren sitzt der heute 61-jährige Weinrich im Gefängnis, und in diesem Punkt ist er sich treu geblieben. Nie hat er über sein Leben oder seine Attentate gesprochen. Nicht vor Gericht, nicht mit Journalisten. Doch als vor eineinhalb Jahren ein Freund von ihm im Gefängnis gestorben war, bat der verurteilte Mörder um Besuch in Moabit. Um über den – wie Weinrich findet – vermeidbaren Tod des Häftlings zu sprechen.

Eine Seltersflasche steht vor Weinrich, ernst blickt er durch seine Lesebrille. Der Tod des Freundes geht ihm sichtlich nahe. Doch über jenen 25. August 1983, den Donnerstag vor 25 Jahren, verliert Weinrich kein Wort. Es ist 11.20 Uhr, als eine schwere Explosion den Kurfürstendamm erschüttert. Die obersten beiden Stockwerke des „Maison de France“ sind zerstört. Staubwolken ziehen über den Boulevard. Im Haus wird ein 26-Jähriger getötet, ausgerechnet ein linker Demonstrant, der eine Protestresolution gegen Frankreich im Konsulat überreichen wollte. 23 Menschen werden verletzt.

Weinrich, der Attentäter, galt damals als „rechte Hand“ des inzwischen in Frankreich zu lebenslanger Haft verurteilten Ilich Ramirez Sanchez – alias „Carlos“. Zwei Jahrzehnte lang war Carlos, der „Schakal“, der meistgesuchte Terrorist der Welt. Er mordete im Auftrag palästinensischer Terrororganisationen, nahöstlicher Diktatoren und östlicher Geheimdienste. In Europa überfiel er internationale Konferenzen und ließ serienweise Bomben hochgehen. Die Menschen im Maison de France wurden Opfer eines Privatkriegs, den Carlos und Weinrich Anfang der achtziger Jahre ausgerufen hatten, nachdem Carlos’ Geliebte in Frankreich verhaftet worden war. Das Berliner Attentat war Teil einer Serie von Anschlägen, mit der Magdalena Kopp freigepresst werden sollte.

Carlos’ Befehle soll der eher schüchterne und zurückhaltende Weinrich blind ausgeführt haben. Er blieb seinem großen Vorbild fast bis zum bitteren Ende treu. Über das Treffen beim Gefängnispfarrer weiß die Berliner Justiz nichts. Ihr vermutlich prominentester Häftling trägt keine Anstaltskleidung, das Haar ist raspelkurz geschnitten. Wenn der 61-Jährige über Eberhard Reichert spricht, wird Weinrich, der verurteilte Mörder, zum Ankläger. Sein Freund war in der Gefängniskirche tot umgefallen, nachdem er oft über Schmerzen geklagt hatte. Doch im Gefängnis hatte man dem als Querulant geltenden Insassen nicht geglaubt. Was „draußen“ niemand wusste: Im Moabiter Knast hatten der Terrorist und der Betrüger sich angefreundet. Weinrich sagt: „Eberhard trieben einfach die Schmerzen.“ Weinrich hat alle Artikel über Reicherts Tod gesammelt. Er sie ausgeschnitten, in einem Aktenordner akribisch abgeheftet, die Zeitungsberichte mit seiner winzigen Handschrift kommentiert. „Abartig“, steht beispielsweise neben einem Absatz. Weinrich zitiert Tucholsky, der in seiner Zuchthausgeschichte „Das schwarze Kreuz“ von „kleinbürgerlicher Beschränktheit“ geschrieben hatte, „die nur herrschen wolle“. „Eberhard hat nicht stillgehalten.“ Dafür sei er bestraft worden: „Beschwerden über falsches Verhalten von Beamten gehen meistens nach hinten los.“

Weinrich selbst gilt im Gefängnis gewissermaßen als Vorzeigehäftling. Seine Zelle halte er akribisch sauber, „wie mit der Zahnbürste geputzt“, hieß es bei der Justiz. Er wird als „höflich und zuvorkommend“ beschrieben, als „absolut unauffällig“. Am liebsten wäre Weinrich in der Untersuchungshaftanstalt Moabit geblieben, wo er zwölf Jahre saß und sich recht wohl gefühlt haben soll. Doch weil die Justiz auch bei Weinrich mit der Resozialisierung beginnen wollte, verlegte sie ihn letztes Jahr nach Tegel. Hier arbeitet der gelernte Buchhändler in der Setzerei.

In seiner aktiven Zeit reiste Weinrich unter etwa 13 Alias-Namen durch die Welt, in den Städten buchte er sich bevorzugt in Nobelhotels ein. 1994 wurde der Terrorist nach Jahren im Untergrund im Jemen festgenommen und 1995 an Deutschland ausgeliefert. 185 Verhandlungstage saß Weinrich auf der panzerglasgeschützten Anklagebank, blätterte in den Akten, schrieb Notizen. Im Januar 2000 verurteilte das Gericht ihn wegen Mordes und stellte die „besondere Schwere der Schuld“ fest.

Im Prozess hat Weinrich nur ein einziges Mal gesprochen. Fast eine Stunde lang räsonierte er über „einen Krieg der Herrschenden gegen die Völker der Welt“, der nur die Wahl zwischen Unterwerfung und Vernichtung zulasse. Weinrichs Sprache klang gestelzt, sein Vokabular antiquiert. „Der Mensch Weinrich ist uns nach vier Jahren Prozess merkwürdig fremd geblieben“, sagte der Richter beim Urteil. Es gilt als unwahrscheinlich, dass der Gefangene weniger als 25 Jahre sitzen wird. Johannes Weinrich wäre dann 78.

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