Theater in der Krise : English Theatre kämpft weiter

Nachdem dem English Theatre in Kreuzberg die Förderung gestrichen wurde, versucht sich das Haus mit einem Amerikaner neu zu erfinden.

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Der Neue. Der amerikanische Theatermacher Daniel Brunet beschäftigt sich ab dem 15. Februar mit der Frage „Wem gehört die Stadt?“. Foto: Mike Wolff
Der Neue. Der amerikanische Theatermacher Daniel Brunet beschäftigt sich ab dem 15. Februar mit der Frage „Wem gehört die Stadt?“.Foto: Mike Wolff

Englisch wird wird immer mehr zur Zweitsprache in Berlin. In manchen Kneipen und Restaurants kann man auf Deutsch schon gar nicht mehr bestellen. Doch ausgerechnet im English Theatre, wo avantgardistische Hochkultur zelebriert wird, muss man sich Gedanken machen über die Zukunft des Hauses. Der Hiobsbotschaft des vergangenen Jahres, nach der die Basisförderung durch die Kulturverwaltung in Höhe von 100 000 Euro jährlich nach 2013 eingestellt wird, folgte eine Phase der Kreativität. Jury-Mitglieder hatten ästhetische Innovationen vermisst. Darauf holten der Gründer des Theaters, Bernd Hoffmeister, und der Künstlerische Leiter, Günther Grosser, den amerikanischen Theatermacher Daniel Brunet in das Leitungsteam des Hauses. Und seitdem weht der Wind der Veränderung und der Hoffnung durchs Haus.

In der zweiten Jahreshälfte wird man sich mit dem Unterschied zwischen Expats und Migranten beschäftigen. Gerade beginnen die Vorbereitungen für das Programm. Expats nennen sich die Zuwanderer aus dem englischsprachigen Raum selber, und Brunet, der seit 2001 in Berlin lebt – zunächst zwei Jahre in Prenzlauer Berg, dann im SO-36-Teil von Kreuzberg – hat den Eindruck gewonnen, dass die Expats als die guten und die Migranten als die schwierigen Zuwanderer betrachtet werden. „Niemand hat mir je vorgeschlagen, einen Integrationskurs zu machen“, sagt der 33-Jährige aus Palermo, New York.

Für die Inszenierung will Brunet jeweils drei Migranten aus Afrika, der Türkei und Vietnam und drei Expats aus den USA, Kanada und Europa auf die Bühne holen. Die müssen zunächst in ihrem eigenen Umfeld jeweils 20 bis 40 Interviews führen, aus denen dann eine Performance komponiert wird. Zwei Teile wird die Inszenierung haben, inspiriert von Graffiti, die Brunet auf seinen Streifzügen durch Berlin entdeckt hat. Der erste Teil heißt „Echte Berliner!!!!/ Ihr nicht/ Fuck you“, das hat er am Schlesischen Tor entdeckt. Der zweite, „New Weird Berlin“, stellt das neue komische Berlin vor. Der Haupttitel leitet sich ab von einer amerikanischen Visa-Kategorie für Künstler: „Aliens with Extraodinary Abilities“, Fremde mit außergewöhnlichen Fähigkeiten.

„Immer wieder werden bestimmte Gruppen hier zu den Bösen gemacht“, sagt Brunet. „Erst hieß es, die Touristen zerstören Berlin, dann kamen die Schwaben dran.“ Die „G-7-Ausländer“, wie er die Expats auch nennt, würden freilich deutlich besser behandelt als andere Gruppen. Nach dem Studium in Boston kam der Theatermacher mit einem Fulbright-Stipendium nach Berlin, weil er sich mit europäischen Theatertraditionen befassen wollte. Jahrelang pendelte er zwischen künstlerischen Einsatzorten in New York und Berlin, aber jetzt will er sich ganz auf das English Theatre konzentrieren. Dass sich diese Stadt in den vergangenen Jahren so grundlegend verändert hat, fasziniert ihn besonders an Berlin. Brunet ist fest davon überzeugt, dass die stark gewachsene Gemeinde von Expats eine kulturelle Heimat braucht. Das English Theatre könnte als „International Performing Arts Centre“ zur Heimat werden für die englischsprachige Kreativszene aus den Bereichen Tanz, Bildende Kunst, Theater, Musik und Comedy. In Zeiten, da die Schmelztiegelfunktion der Stadt zugenommen hat, sieht er trotz der großen kulturellen Fülle bei den englischsprachigen Angeboten inzwischen eine echte Marktlücke. Der Mensch lebt halt nicht in Kneipen allein.

Schon ab dem 15. Februar soll „Expat Expo“ mit einem 14-tägigen Programm die Veränderungen im English Theatre einläuten. Rund 50 Künstler, die alle zu Wahlberlinern wurden, haben sich für die Teilnahme beworben. Ein erster Schritt zur Beantwortung der Frage „Wem gehört die Stadt?“. Im Februar wird auch über einen Antrag auf Lotto- Mittel entschieden, mit deren Hilfe das Theater das Jahr 2014 durchstehen will.

Die Auslastung ist nach wie vor gut, und für das September-Projekt gab es auch noch einen Zuschuss in Höhe von 80 000 Euro. Einen möglichen Umzug ins Amerika-Haus hat Theatergründer Bernd Hoffmeister ad acta gelegt. Erstmal will er am angestammten Ort beweisen, wie jung und innovativ die Expat-Kultur sein kann. Besonders, wenn sie von Migranten befeuert wird. Elisabeth Binder

Expo Expat, 15. Februar bis 2. März, English Theatre Berlin, Fidicinstraße 40, Kreuzberg. Einzelkarte 5 €, Ticket für alle Veranstaltungen 25 €. „Expat Markt“ mit internationalen Künstlern mit Installationen, Performances und Kunsthandwerk am 23. und 24. Februar. Mehr Infos unter: http://etberlin.de

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