Berlin : Therapie zum Kinderschutz

Charité-Projekt für pädophile Männer sieht erste positive Ergebnisse nach einem Jahr

Sigrid Kneist

Das Risiko, dass pädophile Männer zu Tätern werden und sich an Kindern vergehen, lässt sich durch eine präventive Therapie verhindern. Davon geht der Sexualwissenschaftler Klaus Michael Beier aus, der an der Charité das bundesweit einmalige Projekt „Therapeutische Primärprävention von sexuellem Kindesmissbrauch im Dunkelfeld“ leitet. Die ersten 20 Männer haben jetzt die einjährige Therapie abgeschlossen. Zu den Ergebnissen gehört, dass bei ihnen das Bewusstsein wuchs, dass sie für ihre Handlungen verantwortlich sind, und sie stärker in der Lage sind, Mitgefühl für die Opfer, die Kinder, zu entwickeln. Sie lernten zudem, ihr Verhalten zu kontrollieren, sagte Beier. Dies geschehe zum Teil auch durch den Einsatz von Medikamenten. „Die vorbeugende Behandlung für potenzielle Täter ist aktiver Kinderschutz“, sagte Beier.

Seit dem Start des Projekts vor zwei Jahren haben sich 548 Männer gemeldet, auch zwei Frauen fragten nach Hilfe. Die Öffentlichkeitskampagne unter dem Motto „Lieben Sie Kinder mehr als Ihnen lieb ist?“ richtete sich an Männer, die bereits sexuelle Übergriffe auf Kinder begangen hatten oder aber befürchteten, auf Grund ihrer Neigung zum Täter zu werden. Rund 100 therapiefähige Männer wurden in das Programm aufgenommen; 20 von ihnen beendeten es vorzeitig. Die Männer kommen aus dem gesamten Bundesgebiet, nehmen manchmal bis zu 800 Kilometer Anfahrt für die wöchentliche Behandlung in Kauf. „Wichtig ist, dass sie freiwillig kommen“, sagt Beier. Nach seinen Angaben hat rund ein Prozent der männlichen Bevölkerung pädophile Neigungen, die ab der Jugend einsetzen und lebenslang bleiben. Die Betroffenen müssten wissen, dass sie nicht schuld an ihren sexuellen Wünschen seien, aber verantwortlich für ihr sexuelles Tun.

Nach Beendigung der Therapie bietet die Charité auch einmal im Monat eine Nachbetreuung an, deren Kosten die Betroffenen selber zahlen müssen. Laut Beier muss das Therapieangebot auch auf die Nutzer von Kinderpornographie ausgeweitet werden. In Deutschland gebe es zudem keine ausreichenden Betreuungseinrichtungen für pädophile Männer. Es sei notwendig, sexualmedizinische Ambulanzen einzurichten und Mediziner speziell auszubilden. Besonders in Süddeutschland fehle es an Einrichtungen, sagte Hartmut Bosinski, Sexualwissenschaftler an der Universität Kiel und Mitglied des Projektbeirats. Er bezifferte die Kosten für eine Therapie auf rund 10 000 bis 15 000 Euro. Er forderte verbindliche Finanzierungsregelungen von den Krankenkassen.

Das Charité-Projekt ist bis zum Herbst finanziert. 45 Männer warten derzeit auf eine Therapie. Sie können diese aber nicht beginnen, solange die Weiterführung nicht gesichert ist. Zurzeit kommen die Gelder im Wesentlichen von der Volkswagenstiftung. Unterstützt wird das Projekt von der Kinderschutzorganisation „Hänsel und Gretel“. Deren Vorsitzende, die ehemalige baden-württembergische Sozialministerin Barbara Schäfer-Wiegand, sagte, dass man mit Bundesforschungsministerin Annette Schavan im Gespräch sei, um eine Unterstützung aus Bundesmitteln zu erhalten.

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