Tischkultur in Berlin : "Die Sieben Tische" werden im Museum Neukölln gedeckt

Sieben Abendessen, sieben Gastgeber – sieben Ausstellungsstücke. Das Museum Neukölln zeigt, wie gesellig es an den Tafeln des Bezirks zugeht.

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Es geht um Gastkultur in Neukölln.
Es geht um Gastkultur in Neukölln.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

21.27 Uhr, Bouchéstraße in Neukölln: Endlich kommt die Gänsekeule auf den Tisch – wie jedes Jahr, wenn Stefan und Jan zum Braten einladen. Die Kamera ist auf eine Frau gerichtet, die still am Tisch sitzt und zuhört, was einer der anderen Gäste erzählt. Mit den Augen folgt sie dem Teller, den der Gastgeber vor ihr abstellt. Doch wie es sich gehört, muss sie warten, bis alle versorgt sind.

22.27 Uhr, Emser Straße: Die Gäste verteilen sich über Stühle, Sofa und das Bett im Neuköllner WG-Zimmer. Luna und Alejandro haben mehrere Freunde eingeladen, die sich untereinander noch nicht kennen. Alle bedienen sich von der langen Tafel in der Mitte des Zimmers. Sie laden ihre Teller voll, mit gefüllten Kroketten nach spanischer Art. Wer möchte, mixt sich einen Mojito.

18.27 Uhr, Stuttgarter Straße: Die Gäste von Tülay heben ihre Gläser. Es gibt etwas zu feiern: Die acht Frauen haben einen Verein gegründet und so ihren interkulturellen Garten in Neukölln gerettet. Alle nehmen die zu Hütchen gefalteten Servietten von ihren Tellern und verteilen das Essen, das in großen Schüsseln auf dem Tisch bereit steht.

Neben den Tischen sind Bildschirme

Mit Neuköllner Gastkultur beschäftigt sich die Ausstellung „Die Sieben Tische“ im Museum Neukölln. Zentrales Ausstellungsobjekt: der Essenstisch. „Es geht um den Tisch als Kommunikationsort“, sagt Barbara Hoffmann. Gemeinsam mit Museumsleiter Udo Gößwald hat sie die Ausstellung kuratiert. Sieben Tafeln stehen gedeckt im Museum, es sind Leihgaben von sieben Gastgebern. An allen Tischen haben zwischen vergangenem November und Februar Abendessen stattgefunden, mit Türken, Griechen, Deutschen, Spaniern, Afrikanern und Arabern.

Neben den Tischen stehen Bildschirme: Hoffmann und Gößwald haben alle Abendgesellschaften sieben Mal jeweils eine Minute lang gefilmt, in Abständen von 20 Minuten. Auf den Bildschirmen laufen die Aufnahmen.

Einer der Termine war die traditionelle Einladung von Mitgliedern der „Queer Sozis“, die Stefan, 25, und Jan, 33, jedes Jahr im Dezember ausrichten. Deshalb sind die Stühle rings um die Tafel auch mit großen Nikolausmützen bezogen. Auf dem Tischtuch steht ein golden besprühtes Weihnachtsgesteck zwischen Kerzen und Weingläsern.

Auch der Tisch aus dem WG-Zimmer der 21-jährigen Luna ist leicht auszumachen: Das Besteck steckt in einem Bierglas, die Tafel besteht aus einer Arbeitsplatte auf zwei Böcken. Am Tisch des Paars Sarah und Bruno aus der Herrfurthstraße sind unter allen Tellern Papier-Sets ausgelegt, mit dem Aufdruck von Stadtplänen großer Weltmetropolen, von London bis Tokio.

Kontakte über frühere Projekte

„Den Fokus haben wir auf Nordneukölln gelegt“, berichtet Udo Gößwald. Nur die Gastgeber Katrin und Ben wohnen in der Hufeisensiedlung in Britz. „Es ging um diese Neuköllner Mischung“, sagt Hoffmann. Junge Leute, die gerade Deutsch lernen, ehrenamtlich Engagierte und Sozialarbeiterinnen wie bei Tülay, Patchworkfamilien, Architekten, Künstler. „Und wenn der Begriff nicht so negativ besetzt wäre, würde ich sagen, auch Yuppies sind dabei, die international vernetzt sind“, sagt Gößwald. Das Alter der Gäste liegt zwischen zwei und 76 Jahren.

Die Kontakte entstanden über frühere Projekte des Museums, es handelt sich meist um politisch aktive und sozial engagierte Haushalte.

Sollte es tatsächlich um ein Abbild Neuköllns gehen, fehlen allerdings benachteiligte und mittellose Haushalte. Das zeigt schon ein Blick auf das, was an den Abenden jeweils aufgetischt wurde und was die Kuratoren in Rezepten zum Nachkochen gesammelt haben: vom „Feldsalat mit karamellisiertem Apfel und Granatapfelkernen“ zur „Weißen Schokoladenmousse mit Himbeerpüree und Orangenfilets und warmen Schokotörtchen mit flüssigem Kern“. „Die Leute hätten auch ein Spaghettiessen machen können“, räumt Barbara Hoffmann ein. Doch der Anspruch habe gar nicht sein können, dass ihr Abbild der Vollständigkeit nahekommt. „Es ist eher eine Art Momentaufnahme“, sagt Hoffmann, „kleine Mikrokosmen“.

Im aufwendig gestalteten Ausstellungskatalog, den Besucher kaufen können, gibt es dagegen neben allen Rezepten auch weitere Gedanken zu Gastkultur und Tischsitten, zur Globalisierung der Esskultur und auch Texte zu sozialen Projekten wie „Mieter kochen für Mieter“ im Neuköllner Rollbergviertel, das Arbeitslosenfrühstück auf dem Reuterplatz und das Obdachlosenfest im Neuköllner Estrel Hotel mit Frank Zander. Gegessen wird schließlich immer und überall, in einer kaum zu ermessenden Vielfalt – auch und ganz besonders in Neukölln.

Die Ausstellung „Die Sieben Tische. Gastkultur in Neukölln“ findet bis 30. Dezember im Museum Neukölln auf dem Gutshof Britz statt. Alt-Britz 81, Dienstag bis Sonntag 10 bis 18 Uhr. Der Eintritt ist frei. Telefon in Berlin: 627 27 77 27

www.museum-neukoelln.de

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