Tourismus : Umfrage: Berlin ist die ultimative Spaßcity

Neue Umfrage zu Berlin gefällig? Demnach hat die Stadt den weltweit höchsten Vergnügungsfaktor. In London macht man sich schon Sorgen.

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Betrachtet man die vielen Höhenflüge Berlins, wird einem ganz schwindlig.
Betrachtet man die vielen Höhenflüge Berlins, wird einem ganz schwindlig.Foto: picture alliance / dpa

Und darauf „Prost!“ – mit einem frisch gezapften Pils. Berlin hat bei einer internationalen Touristenumfrage, welche Metropole rund um den Globus denn die ultimative Spaßcity sei, den ersten Platz belegt. Höchst vielfältiges Vergnügen rund um die Uhr und das zu unschlagbar günstigen Preisen – das schürt Hochstimmung für Berlin. Nicht unerheblich ist dabei der konkurrenzlose Tiefpreis des Bieres, durchschnittlich 0,82 Euro pro Flasche an der Spree, 2,13 in London. Und überhaupt: In London und Paris schließen die Kneipen schon um 2 Uhr früh, in New York um vier, in Berlin dagegen kann man sperrstundenfrei durchfeiern.

Ganz schön bitter für London. Denn bis zur Veröffentlichung des jüngsten touristischen Meinungsbildes Ende der vorigen Woche war klar: An der Themse gibt’s das größte Spaßpotenzial. Den „Daily Telegraph“ drängte die Bad-News auch sofort zu einem größeren Bericht. „Berlin hat London den Titel ,most fun-city’ weggeschnappt“, schreibt Reporter Oliver Smith. Entdeckt dann aber auch gleich ein Manko der Lobeshymne: „Der Initiator der Umfrage sitzt in Berlin.“

Tatsächlich hat die 2012 gegründete Berliner Start-up-Firma „GoEuro“ die Umfrage angeschoben. Das Unternehmen sitzt in Prenzlauer Berg, hat rund 60 Mitarbeiter aus 23 Nationen und betreibt eine Reisesuchmaschine, die europaweit alle möglichen Verbindungen zu einem bestimmten Ziel per Bus, Zug oder Flugzeug liefert. Die Idee dazu hatte GoEuro-Chef Naren Shaam, nachdem er es auf einer Reise kreuz und quer durch Europa nervig fand, ständig separat die besten Fahrten oder Flüge herauszusuchen.

Jubel- oder Lästerorgien ergießen sich über Berlin

Naren Shaam hat ganz klar eine Vorliebe für Berlin. Nach seinem Studium in den USA kam er nach Europa und stand vor der Entscheidung, seine Firma an der Themse oder Spree anzusiedeln. Doch andererseits hat das neueste Ranking eine breite Umfragebasis, was auch der Daily Telegraph zugibt. Insgesamt 1800 Städte sollten weltweit beurteilt werden nach Kriterien wie „Trinken in der Öffentlichkeit erlaubt?“, Bierpreis, Kneipen & Bars bis zu Einkaufen, Erotik oder Konzerte. Mehr als 2000 Reisende wurden befragt und zusätzlich die Bewertungen auf Reisewebsites analysiert. Außer GoEuro unterstützte auch das Reiseportal „Get your guide – Aktivitäten auf der ganzen Welt“ die Auswertung.

Grafik: Der Tagesspiegel/Pieper-Meyer

Beim Bierpreis liegen nur Berlin und Hamburg nahezu gleichauf. Das Verbot, mit der Pulle in der Hand durch die Straßen zu ziehen, reißt New York vom Dreier-Podest, obwohl es aktivitätsmäßig sowie bei Museen, Konzerten und im erotischen Nightlife sogar vor Berlin liegt. Tokio dagegen scheint für tatenlustige Leute fürchterlich langweilig zu sein. Aktivitäten nahezu null, das lässt sich kaum ausgleichen, auch nicht durch die super Kneipen- und Shoppingszene.

Nun ist es mit den ständigen Wasserstandsmeldungen und Rankinglisten zur Attraktivität der Metropolen ja so eine Sache. Seit der Wende geht es für Berlin dabei wie auf der Achterbahn zu. Jubel- oder Lästerorgien ergießen sich regelmäßig über die Stadt und man fragt sich, wie weit das alles fundiert ist. Betrachtet man die vielen Höhenflüge, wird einem ganz schwindlig. Hier ein Blick allein auf die vergangenen drei Jahre:

"Einer der coolsten Plätze auf dem Planeten“

Da galt Berlin als „beste Stadt Europas für junge Leute“, gekürt von der UN-nahen Organisation „Youthfulcities“. Investment-Magazine lobten Berlin als „attraktivsten Investitionsstandort Europas“, weltweit belegte die deutsche Hauptstadt nach einer Umfrage unter Dienstleistern immerhin Platz fünf unter den besten Metropolen für Einzelhändler, die Kreativ- und Gründerszene gilt international als Spitze, auch als Kongressort punktet Berlin weltweit auf Platz vier, außerdem drängen Führungskräfte an die Spree. So hat das Maklerhaus „Cushman&Wakefield“ herausgefunden, dass Berlin bei der Auswahl künftiger Firmensitze ganz vorn liegt. Berlin ist außerdem Deutschlands Kinohauptstadt mit hundert Lichtspielhäusern. Und bei Forschung und Lehre sieht es gleichfalls prima aus. So zieht es internationale Forscher, die nach Deutschland kommen, laut Humboldt-Stiftung bevorzugt an die Spree.

Tiefschläge ausgeblendet? Keineswegs. Berlin ist over, der Hype sei vorbei ätzten erst im März 2014 US-Kolumnisten und amüsierten sich über die aufgeregten Berliner Reaktionen. Berlin führt bundesweit bei der Hartz-IV-Quote, schlägt Rekorde in puncto Unfreundlichkeit, kriegt den neuen Flughafen nicht fertig, bastelt endlos an seinen Straßen herum, ist bundesweit als Hauptstadt der Autoknacker verrufen und seine schmuddeligen, unsicheren Grünanlagen gelten als Trauerspiel.

Kaum zu glauben, dass ausgerechnet der Londoner Daily Telegraph Berlin jetzt wieder herausgerissen hat. „Es ist vielleicht einer der coolsten Plätze auf dem Planeten“, schreibt sein Reporter. Er war zuvor beim 25. Mauerfall-Jubiläum.

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