Berlin : Unstille Orte

Künstlergruppe überrascht mit Guerilla-Konzerten

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Verkleidet. Schon bei Proben verwunderten die Musiker Passanten. Foto: David von Becker
Verkleidet. Schon bei Proben verwunderten die Musiker Passanten. Foto: David von Becker

Sollten Sie am Sonnabend beim Shoppen am Alex oder Spazierengehen auf dem Viktoria-Luise-Platz plötzlich vermummten Musikern gegenüberstehen: Nicht erschrecken, die tun nichts, die wollen nur spielen. In Guerilla-Auftritten taucht das Solistenensemble Kaleidoskop an fünf verschiedenen Orten in der Stadt auf, spielt 25 Minuten lang selbstkomponierte Musik und verschwindet wieder.

Der Name des Projekts: „XI – ein Polytop für Iannis Xenakis“. Poly was? Polytop bedeutet im Griechischen „viele Orte“, mit der Aktion soll an den griechischen Komponisten Iannis Xenakis erinnert werden, der vor zehn Jahren gestorben ist. „Wir wollten nicht einfach aufführen, was er komponiert hat, also keine Retrospektive machen“, sagt Violinistin Daniella Strasfogel von Kaleidoskop, „sondern Xenakis in die musikalische Welt setzen, aus der wir selbst kommen.“ Bei der Probe hat es funktioniert: Die Parkbesucher auf dem Alten Schlachthofgelände an der Eldenaer Straße blieben stehen, fotografierten, filmten das, was die Kaleidoskoper eine „Intervention“ nennen: Orte werden für eine knappe halbe Stunde lang bespielt und dadurch verändert. Die Künstlerin Aliénor Dauchez greift das Architektonische von Xenakis’ Musik auf, indem sie Skulpturen aus Bambus und Gummiseilen erstellt, die mit dem Ende der Musik wieder zerfallen. Passt hervorragend zu Berlin, dem Mekka der temporären Architektur. Auch Xenakis hätte das sicher gefallen. Seine Musik war räumlich angelegt, er begann seine Karriere als Ingenieur und Architekt – im Büro von Le Corbusier.

Höhepunkt von XI – der Name dreht einerseits die Initialen von Xenakis um, andererseits verweist er als römische Ziffer auf das Jahr 2011 – ist eine Uraufführung am Samstag um 21 Uhr auf dem Gelände am Gleisdreieck (Eingang Schöneberger Ufer, neben dem Parkhaus). Der österreichische Komponist Georg Nussbaumer, ein Künstler in der Tradition des Wiener Aktionismus, will mit dem „Ringpolytop“ eine Brücke schlagen zwischen zwei Mythologien: der griechischen und der deutschen. Und deutsche Mythologie heißt: Wagner. Also platziert Nussbaumer die 15 Musiker des Solistenensembles an 15 Orten in Berlin, die Namen aus Wagners Opern tragen, etwa der Nibelungenstraße in Nikolassee oder dem Freiaplatz in Lichtenberg. Auf dem Notenständer jedes Musikers liegt ein Handy, das die von Nussbaumer auf Grundlage von Xenakis’ Material komponierte Musik auf die Freisprechanlagen von 15 Autos auf dem Gleisdreieck überträgt. Udo Badelt

Alle Orte und Uhrzeiten unter www.xi11.de

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