Utopien von gestern : Große Architektur für Berlin - nie umgesetzt

Rollende Gehsteige, ein Hochhaus für Zehntausende und die Stadt als grünes Archipel: So hätte Berlin werden können. Wir stellen fünf Pläne vor, aus denen nie etwas wurde.

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Im Jahr 1951 entstand dieser Entwurf: ein Hochhaus für die Regierung der DDR. Honecker hat den Plan gekippt.
Im Jahr 1951 entstand dieser Entwurf: ein Hochhaus für die Regierung der DDR. Honecker hat den Plan gekippt.Abbildungen: Jörn Düwel, Hamburg

1951: Ein Regierunghochhaus
Ein Hochhaus, das den Berliner Dom (am linken Bildrand) weit überragt, sollte für die Regierung der DDR gebaut werden. Den ersten Entwurf lieferte ein ehemaliger Bauhaus-Architekt: Richard Paulick, der in den 30ern mit Walter Gropius zusammengearbeitet hatte. Das Herzstück des sozialistischen Berlins, wie es den Planern damals vorschwebte, sollte der davor gelegene Platz sein, auf dem Demonstrationen enden sollten.

Der Platz sollte um 30 000 Quadratmeter größer werden als der Rote Platz in Moskau. Pro Stunde, so berechneten die Planer, sollten 160 000 Menschen an der Tribüne vorbeiziehen können. Das Stadtschloss sollte dafür abgerissen werden. Die Idee hatte Bestand bis zu Erich Honeckers Amtsantritt 1971. Dieser habe die Hochhauspläne zugunsten des Palastes der Republik aufgegeben, sagt Günter Schlusche, Architekt und Stadtplaner sowie Mitherausgeber des Buchs „Stadtentwicklung im doppelten Berlin“.

Autobahnen quer durch Berlin - auch daraus wurde zum Glück nichts.
Autobahnen quer durch Berlin - auch daraus wurde zum Glück nichts.Plan: Senatsverwaltung für Bau- und Wohnungswesen

1962: Stadtplaung als Autobahnplanung
Berlin, durchzogen von einem engmaschigen Autobahnnetz – so malten sich die Stadtplaner in beiden Teilen Berlins ab dem Ende der 50er Jahre die Zukunft aus. „Zugeschnitten wurde damals alles auf die private Motorisierung als Ausweis des modernen Städters“, sagt Stadtplaner Günter Schlusche. Dabei habe es in beiden Stadthälften wenig Autos gegeben. Ein Plan des West-Berliner Senats, der 1962 in einer Informationsbroschüre erschienen ist, zeigt parallel laufende Schnellstraßen, die an einigen Stellen gerade mal zwei Kilometer voneinander entfernt sind.

Ein Innenstadtquadrat von nur wenigen Kilometern rund um die Friedrichstraße sollte von vier Tangenten eingefasst sein, von denen die sogenannte Nordtangente auf Höhe der Torstraße und die Südtangente nördlich des Landwehrkanals verlaufen sollte. Obwohl die damals bereits errichtete Mauer die Trassen durchschnitten hätte, existierte der Plan in Ost und West weiter. In Kreuzberg seien über Jahrzehnte Grundstücke aufgekauft worden, um darauf Schnellstraßen zu bauen, sagt Günter Schlusche. Altbauten, die den Krieg überstanden hatten, sollten weichen. Doch im Verlauf der 70er Jahre bekamen

Ökologie und Lärmschutz in der Stadtplanung immer stärkeres Gewicht, die Trassen wurden nie gebaut. Im Flächennutzungsplan von 1984 hat sich West-Berlin schließlich offiziell von den Autobahnplanungen verabschiedet.

Schön bequem: Eine verglaste Röhre über den Ku'damm - innen ein Laufband.
Schön bequem: Eine verglaste Röhre über den Ku'damm - innen ein Laufband.Foto: Georg Kohlmaier/ Elisabeth von Satory/ Berlinische Galerie, Repro: Markus Hawlik

1969: Rollende Gehsteige

Der Architekt Georg Kohlmaier, heute 78 Jahre alt und immer noch im Beruf, beschreibt sein System des Fußgängertransports, das er Ende der 60er Jahre entwickelte:

„Als ich 1967 von Paris nach Berlin kam, stellte ich fest, dass hier die Stadtplanung auf das Auto zugeschnitten wurde. Ich wollte ein alternatives Transportmittel vorschlagen, das lautlos, schadstofffrei und permanent in Bewegung ist: gleitende Gehsteige, die in durchsichtigen, verglasten Röhren verlaufen, in einer Höhe von 10 bis 25 Metern. Mit ihrer Geschwindigkeit von 16 bis 20 Kilometern wären sie für Distanzen bis zu zehn Kilometern sinnvoll.

Im Verbund mit Bussen, U- und S-Bahnen ergäbe sich ein sehr tüchtiges, ökologisches Verkehrssystem. Da braucht keiner mehr ein Auto. Wir hatten mehrere Rollsteig-Strecken geplant, mit Umsteigestellen. Beispielsweise von der Wilmersdorfer Straße über den Kurfürstendamm in Richtung Steglitz (siehe Bild). Mal verlaufen die Rollsteige entlang von Mittelstreifen, mal werden sie über die Dächer hinweggeführt. Man hätte eine schöne Aussicht. Zusammen mit Krauss-Maffei haben wir eine Art Haltestellen entwickelt, Orte, an denen Menschen sicher die Bänder besteigen könnten. Damals stieß das Konzept auf viel Resonanz, wurde aber fälschlicherweise als kuriose Utopie angesehen. Ich bin aber mehr denn je der Überzeugung, dass rollende Gehsteige kommen werden, aber erst dann, wenn wir endlich einsehen, dass das Automobil zum Absterben verurteilt ist.“

Diese Stadtinseln sollten erhalten bleiben, der Rest verfallen.
Diese Stadtinseln sollten erhalten bleiben, der Rest verfallen.Zeichnung: Lars Müller Publischers Zürich, 2013/ Peter Riemann

1977: Schrumpfende Stadt, grünes Archipel
In den 70er Jahren ging die Bevölkerung in Berlin stark zurück. 1977 verfassten die Architekten Rem Koolhaas und Oswald M. Ungers ein Manifest, das auf diese Entwicklung reagierte:

„Jede zukünftige Planung für Berlin muss eine Planung für eine schrumpfende Stadt sein. Berlins Bevölkerungsrückgang bietet eine einzigartige Gelegenheit, jene Stadtteile auszusortieren, die nun – aus architektonischen oder anderen Gründen – minderwertig sind. Die übrig gebliebenen Enklaven, die hierdurch gerettet werden, würden wie Inseln in der sonst befreiten Stadtfläche liegen und ein Architekturarchipel in einer grünen Naturlagune bilden (siehe die Illustration von Peter Riemann). Die Enklaven würden nicht aufgrund einer bestimmten Vorliebe ausgewählt werden, sondern nur in dem Ausmaß, in dem sie in einer reinen Form Ideen und Konzepte verkörpern, sodass die Architekturgeschichte einmal mehr mit der Ideengeschichte übereinstimmen würde. (Die Gebiete würden sich vom Areal des Olympiastadions über das Tiergartenviertel und Charlottenburg bis hin zum Märkischen Viertel erstrecken.)

Rund um die Enklaven wäre es dem verbliebenen Stadtgefüge erlaubt, zu verfallen und sich langsam in Natur zu verwandeln. Dieses Naturraster würde die Inseln isolieren und die Metapher eines grünen Archipels etablieren. Das Naturraster würde auch Infrastrukturen der Moderne beherbergen. Neben einem erweiterten Autobahnsystem, das die Inseln miteinander verbindet, würde es Supermärkte, Autokinos, Kirchen, Banken aufnehmen, die nicht mit einem Ort, sondern mit Mobilität verknüpft sind. Diese Einrichtungen würden städtische „Stämme“ von metropolitanen Zigeunern hervorbringen, jene Kategorie von Einwohnern – zum Beispiel Rentner –, die keinen Nutzen aus einer festen Wohnung in der Stadt ziehen würden und deren Existenz durch den vagabundierenden Lebensstil belebt werden würde.“

(In stark gekürzten Auszügen zitiert aus „Die Stadt in der Stadt“, Lars Müller Publishers)

Vier Riesenhochhäuser umstellen den Tiergarten.
Vier Riesenhochhäuser umstellen den Tiergarten.Simulation: Herzog & de Meuron

1990: Riesenhäuser am Tiergarten
Gefragt nach ihrer Vorstellung von der Neuordnung von Berlins historischem Zentrum kopierten die Schweizer Architekten Jacques Herzog, Pierre de Meuron und Rémy Zaugg eine Schrägansicht auf den Tiergarten, klebten weiße Rechtecke drauf und schraffierten sie mit Bleistift (siehe Bild). Die Quadrate stellen riesenhafte Hochhäuser dar, die den Tiergarten umgeben. „Gebäude, deren Dimension bezüglich Maßstab, Proportion und architektonischer Gestalt sich klar unterscheidet von den bestehenden Gebäuden der Stadt“, so schrieben die Architekten damals. Sie sollten den Tiergarten „als geometrische Mitte der urbanen Landschaft Berlin“ markieren, der bislang „wie ein zufällig leer gelassener Fleck“ erscheine. Michael Mönninger, damals „FAZ“-Redakteur, der Herzog & de Meuron um den Entwurf gebeten hatte, sagt heute, dass man sich nicht mit der Gestalt der Riesenhochhäuser aufhalten solle. Die Quadrate seien nur eine Art Platzhalter. Mönninger trug damals insgesamt 17 Entwürfe von namhaften Architekten zusammen, die er in einer Reihe namens „Berlin morgen“ veröffentlichte. Sie seien als „geistige Lockerungsübung“ für die spätere Planung gedacht gewesen. „Was ist aus den Entwürfen geworden?“, fragt Mönninger rhetorisch. „Zum Glück nicht viel.“ Nur Kollhoffs Hochhäuser, die dieser damals an den Potsdamer Platz platzierte und später um dem Alexanderplatz gruppierte, fanden Eingang in einen der Bebauungspläne der Stadt.

Dieser Text erschien zunächst in unserer gedruckten Samstagsbeilage Mehr Berlin. Lesen Sie hier das Interview mit Stararchitekt Arno Brandlhuber über seine Visionen für Berlin.

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